Sonntag, 22. September 2019

Citigroup Kronprinzessin im Geldpalast

Sie ist mit 40 Jahren die mächtigste Frau an der Wall Street und eine der wichtigsten Managerinnen der USA: Sallie Krawcheck, Finanzchefin der Citigroup, gilt zudem als Sauberfrau in einer skandalreichen Branche - und als Aspirantin für ein noch höheres Amt.

Oktober 2002 in einem fensterlosen Büro an der Park Avenue: Sanford Weill, Vorstandschef der Citigroup, hat eine junge Kollegin zur Audienz einbestellt. Sallie Krawcheck, 37 Jahre alt, arbeitet für die Konkurrenz und ist nervös an diesem Morgen, sehr nervös. Ihr Herz pocht aufdringlich, auf ihrem Hals erscheinen rosa Flecken. Sie ahnt: Der mächtigste Mann der New Yorker Finanzwelt wird ihr gleich ein Angebot machen, das sie nicht ausschlagen kann.

Bankerin Krawcheck: Erst quälende, dann hilfreiche Angst vor dem Scheitern
Weill hat seine Inszenierung ausgefeilt. Der Boss und die Kandidatin frühstücken, reden Unverbindliches. Erst als der letzte Teller abgeräumt ist, verrät Weill sein Anliegen: Die junge Bankerin soll die gesamte Analyse- und Brokersparte der Citigroup Börsen-Chart zeigen führen - eine Sektion mit 35.000 Angestellten. "Für einen Moment habe ich aufgehört zu atmen", vertraute Krawcheck dem Magazin "Fortune" an, dem sie die Anekdote erzählte. Weill habe dann gelächelt: "Habe ich Sie überrascht?"

Päpstin oder Pitbull

An verblüffenden Wendungen und Blitzbeförderungen ist Krawchecks Biographie reich - und das, obwohl die Bankerin seit vergangenem Freitag gerade mal 40 Jahre alt ist. Nach der Uni wurde sie erst Analystin, dann Investmentbankerin, wieder Analystin, mit 34 Jahren Spartenleiterin und ab 2001 Chefin der Research-Boutique Sanford C. Bernstein. Gut zwei Jahre nach ihrem Bewerbungsfrühstück ist Krawcheck am vergangenen Freitag der nächste Karrieresprung gelungen: Sie ist Chief Financial Officer der Citigroup und damit die Nummer zwei nach Weill-Nachfolger Chuck Prince. Bei keiner anderen US-Bank regiert eine Frau in ähnlich gehobenen Gefilden der Macht.

Das liegt wohl daran, dass Krawcheck ehrlich und integer wirkt, selbstironisch über sich selbst spricht - aber auch Ellbogen einsetzt, sobald die Türen sich schließen. "Sie ist eine Kreuzung aus dem Papst und einem Pitbull", frotzelte ein Konkurrenzbanker im "Independent". Bei der Citigroup spielt sie die toughe Sauberfrau, die dem Konzern helfen soll, endlich den Skandalen der Dot-Com- und Enron-Ära zu entkommen. Und Skandale gab und gibt es genug im größten Finanzhaus der Welt.

Der größte davon: Als Analysechefin musste Krawckeck mit dem Erbe Jack Grubmans fertig werden. Der 2002 schmählich davongejagte Analyst hatte fast im Alleingang den Ruf des Research der Citigroup ruiniert. Die Aktie von Worldcom pries er noch als "Buy", als der Schuldenkonzern - geführt von einem Kumpel Grubmans - längst auf die Pleite zurauschte. Ein Papier soll Grubman nur heraufgestuft haben, um als Dankeschön Plätze in einem Edelkindergarten für seine zwei Sprösslinge zu ergattern.

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