Eugen Münch Skalpell statt Homöopathie

Den staubigen Job des Müllers hängte Eugen Münch früh an den Nagel. Stattdessen kauft er marode kommunale Hospitäler, um sie mittels einer Radikalkur profitabel zu machen. Dabei wirkt der Großaktionär der börsennotierten Rhön-Klinikum nur vordergründig wie ein barmherziger Samariter.
Von Martin Scheele

Hamburg - Sein beruflicher Werdegang war frühzeitig vorgezeichnet. Doch eine Mehlstauballergie verhinderte, dass Eugen Münch aus dem schwäbischen Riedlingen ein Leben lang als Müller arbeitete. Also schwang er sich Mitte der 60er Jahre auf, über den zweiten Bildungsweg Betriebswirtschaft zu studieren. Entscheidend für seine berufliche Karriere war schließlich aber nicht die (staub-) trockene Theorie, sondern vielmehr die Stippvisite bei einem Steuerberater.

Dort traf Münch, als Schwabe ausgestattet mit den Eigenschaften a) sorgsamer Umgang mit Geld und b) Fleiß, auf ein ihm suspektes Geschäftsgebaren. Der Steuerberater war für eine Abschreibungsgesellschaft, die sich an einer maroden Kurklinik im strukturschwachen Zonenrandgebiet verspekuliert hatte, tätig. Der junge Münch sollte eine Unterschlagungsprüfung durchführen, diagnostizierte gleich die Schwächen und erstellte detailreich ein Konzept, wie die sieche Klinik zu retten sei. Das überzeugte die Gesellschafter derart, dass sie den frisch gebackenen Akademiker zum Sanierer kürten.

Münch wollte aber mehr, als nur den Retter in der Not spielen. "Ohne eine Beteiligung hätte ich den Job nicht gemacht, denn nur so konnte ich hinter die Kulissen sehen", meint Münch gegenüber manager-magazin.de heute rückblickend. Er kratzte also 5.000 Mark zusammen und kaufte 25 Prozent der Anteile. Ein Glücksgriff, wie sich später herausstellen sollte.

Aus besagtem Kurbetrieb ging nach einigen Zukäufen sodann die Rhön-Klinikum GmbH hervor, deren Börsengang  1989 erfolgte. Die daraus folgende Aktiengesellschaft ist seit 1996 im MDax  notiert. Größter Anteilseigner ist die HVB Group , die 27 Prozent der Stammaktien hält. Münch und seine Ehefrau verfügen als zweitgrößte Eigentümer über 24 Prozent der Stammaktien. Obwohl also nur die Nummer zwei beim Aktienbesitz, dominiert der gelernte Müller und Betriebswirt das Unternehmen - allein schon, weil er das Amt des Vorstandschefs innehat.

Derzeit bewirtschaftet Rhön-Klinikum 34 Kliniken in acht Bundesländern mit etwa 9000 Betten. Der Krankenhauskoloss von Neustadt an der Saale beschäftigt 13.400 Mitarbeiter und setzte zuletzt 950 Millionen Euro um. Umsatzstärker sind nur noch die Rivalen Helios und Asklepsios mit jeweils 1,1 Milliarden Euro; beide sind allerdings nicht an der Börse notiert. Die privaten Träger wachsen deswegen so stürmisch, weil klamme Kommunen notgedrungen unrentable Krankenhäuser verkaufen müssen.

Kauziger Typ mit kernigen Vergleichen

Kauziger Typ mit kernigen Vergleichen

Noch zeichnet sich kein Ende des fulminanten Wachstums der privaten Krankenhausbetreiber ab. Rhön-Klinikum will nach Angaben von Münch dieses Jahr die Umsatzmarke von einer Milliarde knacken. Der Gewinn soll auf 76 Millionen Euro steigen (Vorjahr: 73 Millionen Euro). "Wir müssen allerdings hart arbeiten, damit wir dieses Ziel erreichen", sagt der Vorstandschef. Für 2005 sagt der 59-Jährige eine "beträchtliche Wachstumswelle" voraus, ohne sich auf eine Zahl festlegen zu wollen. Der Grund für den nochmaligen Sprung in der Umsatzstatistik sei die Konsolidierung von Krankenhäusern, die dieses Jahr noch übernommen werden.

Wenn Münch öffentliche Hospitäler saniert, verordnet er dem kranken Patienten keine homöopathische Kur, sondern verlegt ihn gleich auf die Notaufnahme. Um ein Jahr nach dem Erwerb den Break-Even-Punkt zu erreichen, rationalisiert er die defizitären Regionalhäuser, senkt brachial Kosten und organisiert neu. Kein Wunder, dass er sich damit nicht nur Freunde macht.

Bei der Gewerkschaft Verdi beobachtet man diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. "Über die Vorgänge in einer Privatklinik hat man fast keine Kontrolle mehr", kritisierte Dirk Völpel-Haus, Bundesfachgruppenleiter Krankenhaus, kürzlich in der "Süddeutschen Zeitung". Unter anderem bemängelt er die Entwicklung der Löhne oder Rationalisierungsmaßnahmen, die den Unternehmen meist nach einer Übergangsfrist freigestellt sind. Gegenüber manager-magazin.de wollte sich Völpel-Haus nicht äußern. "Auf Grund der laufenden Tarifverhandlungen wollen wir grundsätzlich derzeit nichts sagen", heißt es von Verdi.

Eugen Münch indes meint, dass Gehalt und Gewinn keine Motivation an sich für die Mitarbeiter sind, sondern sie ergäben sich eigentlich eher als selbstverständliche Folge. Er hält auch nichts davon, Mitarbeiter mit Traumgehältern an die Aufgabe zu locken, denn "besonderes zu leisten, kommt nicht vom gezahlten Gehalt - allenfalls vom Versprochenen" und nimmt einen Vergleich aus dem Tierreich zu Hilfe: "Mit geschälten Bananen können sie keine Affen von den Bäumen locken", sagt er. Wichtig sei, dass das Unternehmen seinen Mitarbeitern eine langfristige Vision entwerfe. Und, fügt er hinzu, wenn der Mitarbeiter eine Bedeutung im Sozialgefüge hat, vergleichbar mit einem Zahnrad in einem Motor, ohne das dieser ausfallen würde.

Ein ungewöhnlicher Typ, dieser Eugen Münch. Ein kauziger Typ, der es versteht, komplizierte Zusammenhänge mit einfachen Bildern zu erklären. Der lieber erstmal nachdenkt, bevor er vorschnell Dinge in die Welt setzt, die er nicht halten kann. Der auf die Frage, was ihn antreibt, offen und freimütig den Drang zur "Selbstbestätigung" nennt, vergleichbar mit "König Ludwig XIV und seiner Nachwelt hinterlassenen protzigen Schlössern". Der mit seiner über die Nasenspitze rutschenden Brille und der gemütlichen Art zeitweise wie ein "Märchenonkel" (FAZ) wirkt. Hinter der Silhouette des passionierten Pfeifenrauchers kommt aber schnell die des unbarmherzigen Sanierers zum Vorschein. Die hervorstechendste Eigenschaft bei aller Beschreibung ist aber der Hang zur Perfektion, der besonders deutlich durch das Erlebnis mit der ominösen Abschreibungsgesellschaft zu Tage trat.

Die Crux mit den Nachfolgern

Die Crux mit den Nachfolgern

Allein: aller Perfektionismus könnte nicht verhindern, dass Rhön-Klinikum irgendwann einmal selbst zum Übernahmeobjekt wird. Münch will das nicht ausschließen. Die Konsolidierung der privaten Krankenhausbetreiberlandschaft, so schätzt er, könnte in fünf, vielleicht auch erst acht Jahren, beginnen. Gegen feindliche Übernahmeansinnen ist das Unternehmen aber derzeit noch mittels der Stamm- und Vorzugsaktien gefeit. Allerdings ist die Umwandlung der Vorzüge in Stämme angekündigt.

Münch weist darauf hin, dass mit seinem Anteil und dem HVB-Anteil zwei starke Blöcke bestehen, die eine Übernahme unmöglich machen würden. "Wir fühlen uns als Aktionäre sehr wohl", sagt ein HVB-Sprecher auf Anfrage, will die Anlage aber nicht als langfristiges Investment verstanden wissen. Eine Trennung von den Aktien würde aber nur in Abstimmung mit dem Management und nur zu einem vernünftigen Preis erfolgen. Fragt man Münch, ob die HVB noch länger im Boot bleibt, bekommt man die wenig erhellende, dafür ironische Antwort: "Wetten würde ich nicht, aber schwören".

Ein Hauch von Wehmütigkeit klingt in seiner Stimme durch, als das Thema auf seine Nachfolge kommt. Der kinderlose Münch versucht "seit Jahren Leute aufzubauen, die die Nachfolge antreten könnten". Klar ist jetzt schon, dass er nach seiner operativen Zeit in den Aufsichtsrat wechseln wird, um auf "mein Geld aufzupassen, das ich aber eher als geliehene Macht, denn als persönliche Verfügungsmasse verstehe".

Bevor die Rentenzeit droht, hat Münch aber noch große Pläne. Er könnte sich vorstellen, auch ins Ausland zu expandieren. Am liebsten nach Holland, wo die Regierung bei der Privatisierung von Krankenhäuser derzeit zaghafte Schritte unternimmt. Der Versuch, in Südafrika Fuß zu fassen, scheiterte. "Wir haben unser Konzept, Versorgungsmedizin in der Breite zu einem sehr niedrigen Preis anzubieten, vorgestellt - die Kapregierung hätte gerne eine solche Versorgung gehabt", schildert Münch. "Wir waren aber zu klein, um eine ordentliche Marktabdeckung hin zu bekommen und die Widerstände der Nutznießer des heutigen Systems zu brechen". Davon abgesehen bekommt sein Haus häufig Anfragen für Privatkliniken aus dem arabischen und asiatischen Raum. "Wir betreiben keine Luxuskliniken, sondern sind Breitenversorger", antwortet er dann auf die Schreiben.

In seinem Ruhestand, irgendwann in ferner Zukunft, will er seinen Hobbys mehr Zeit geben. Also häufiger mit seinem Motorboot an der Costa Brava schippern und vermehrt Gäste bekochen. Die Wahl dieser Freizeitgestaltung ist kein Zufall. Schließlich "kann ich hier zum Ausgleich handwerklich arbeiten und bekomme hundertprozentig das heraus, was ich mir vorstelle". So ist er eben, der Eugen Münch, der Perfektionist aus Neustadt an der Saale.

Deutschland, deine Unternehmer: Alle Porträts

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.