Heinz Bauer Ausgekochter Erbsenzähler

Keiner wirft mehr bunte Blättchen unter das Lesevolk als der Hamburger Verleger Heinz Bauer. In der Branche gilt er allerdings als Pfennigfuchser ohne Visionen. Nachdem seine ehrgeizigen Übernahmeprojekte scheiterten, besinnt er sich jetzt auf seine Stärke: Halten und Suchen.
Von Jörn Sucher und Isa von Bismarck-Osten

Hamburg - Viel ist es nicht, was man über den Patron des Hamburger Zeitschriftenkonzerns weiß. Heinz Bauer will es so, kein Zweifel.

"Wer nicht möchte, dass er dauernd im Scheinwerferlicht der Medien erstrahlt, der kann das auch erreichen." Bauer weiß, wovon er spricht. Seit Jahren macht sich der Hamburger Großverleger öffentlich so rar wie kaum ein Zweiter seiner Zunft. Diese Abstinenz vom Publikum, versicherte er einem ausgewählten Interviewer, "ist meine Natur".

Weder sein 60. Geburtstag im Oktober 1999 noch das 125-jährige Bestehen des Verlagshauses im Jahr darauf waren dem Introvertierten Anlass genug, über seinen Schatten zu springen. Der Geburtstag blieb Familiensache, die das Jubelfest eröffnende Begrüßungsrede hielt Gattin Gudrun. Gäbe es mehr von seiner Sorte, ihm müsste Angst und Bange werden um seine Geschäftsgrundlage.

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Lauter bunte Blättchen
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Das Wohl und Wehe der Blaublütigen dieser Welt, Lieben und Leiden von Stars und Sternchen nennen viele seiner Redakteure ihr täglich Brot. Ob "Das Neue", "Neue Post" oder "Das neue Blatt" - im Wochentakt liefern Bauers Gazetten Berichte zur Lage der Prominenz. Daneben sind es Fernseh-, Frauen- und Jugendzeitschriften - nicht zu vergessen einige inhaltsfreie Busen-Blättchen - die seine Firma unter die europäischen Spitzenreiter der Regenbogenpresse gebracht haben.

Unternehmer in vierter Generation

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Weltweit publizieren Bauers 6515 Mitarbeiter rund 120 Zeitschriften in zwölf Ländern. 127 Firmen umfasst das Medienreich des gelernten Schriftsetzers und Buchdruckers heute. In Deutschland bestreitet die Gruppe etwa ein Drittel der Gesamtauflage des Zeitschriftenmarktes und fast jeder zweite Deutsche nimmt nach Angaben des Konzerns regelmäßig ein Bauer-Blatt in die Hand.

Den Umsatz im vergangenen Jahr bezifferte der Verlag auf 1,71 Milliarden Euro. Davon wurden 36,7 Prozent im Ausland erwirtschaftet. Großbritannien, die USA und Polen sind dabei die Kernmärkte des Auslandsgeschäfts.

Der Verlagschef hält 96 Prozent der Anteile an der Bauer KG und führt seine Firma als Vorstand und Aufsichtsrat in Personalunion. Eine ähnlich dominante Stellung wie Heinz Bauer in seinem Haus nimmt kein anderer deutscher Verleger ein.

Oberster Buchhalter, strategischer Ideengeber, verlegerischer Kopf - der Chef spielt alle wichtigen Rollen selbst, seit er 1984 die Führung des vor 129 Jahren gegründeten und immer in Familienhand befindlichen Unternehmens übernahm.

Es war sein Urgroßvater Johann Andreas Ludolph Bauer, der 1875 eine Druckerei in Hamburg eröffnete und damit den Grundstein für das spätere Medienimperium legte. Hier spezialisierte er sich zunächst auf die Herstellung kunstvoll bedruckter Visitenkarten. Erst 1903, mit der Herausgabe der Rothenburgsorter Zeitung in einer Auflage von 20.000 Exemplaren, vollzog das Unternehmen den Wandel zum Verlag.

Vater Alfred schaffte den Durchbruch

Ein wichtiger Durchbruch gelang 1927, als Alfred Bauer, Sohn von Heinrich Friedrich Matthias Bauer, die auflagenstarke Wochenzeitung "Rundfunk-Kritik" verlegte. 1946 nach Kriegsschluss und einem Neubeginn fügte er das "Extrablatt am Montag", hinzu. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte entwickelte sich der Bauer Verlag zu einem Großunternehmen und stieg nach etlichen Zukäufen von Verlagen und Zeitschriften 1968 zum zweitgrößten Verlagsunternehmen Deutschlands auf.

Heute ist Sohn Heinz Lenker des größten europäischen Zeitschriftenkonzerns. Wie seine Vorfahren setzt auch er größtenteils auf familieninterne Berater. Engste Vertraute und gesuchteste Beraterin ist ihm die Ehefrau geworden. Aber auch seine vier Töchter sollen langfristig immer mehr Verantwortung tragen.

Neigung zur Pedanterie

Neigung zur Pedanterie

Doch noch muss sich der Konzernherr in Abgabe von Verantwortlichkeiten üben, behaupten böse Zungen. Bauer neige zur Pedanterie und belaste sich allzu sehr mit Kleinkram. So soll er sich echauffiert haben, weil das Tor zur Tiefgarage ohne seine Einwilligung neu gestrichen wurde. Andererseits berichten Mitarbeiter, dass er bei Verhandlungen sein Gegenüber durch genaueste Kenntnisse über noch so kleine Details in den Wahnsinn treibt.

Fest steht, dass der Verlagsherr nicht viel von hochfliegenden Visionen hält. Diesen pflegt er mit kühlem Kosten-Nutzen-Kalkül zu begegnen. Das Image des Erbsenzählers wird er in der selbstverliebten Medienbranche seither nicht mehr los.

So ist es ihm in der Vergangenheit trotz stagnierender Geschäfte zwar immer wieder gelungen, das Ergebnis zu optimieren. An Dynamik aber hat der Zeitungsriese gerade Ende der Neunziger nach und nach verloren.

Internethype und Anzeigenboom schienen an dem vorsichtigen Hamburger vorbeizuziehen. Während die anderen Verlage von globalen Netzwerken und endlosen Wertschöpfungsketten schwadronierten, war Bauer eher mit sich selbst beschäftigt und musste personelle Aderlässe kompensieren. "Man geht nicht zu Bauer, man kommt höchstens von Bauer", war der gängige Journalistenspruch dieser Zeit.

Spötter verstummen, der Pfennigfuchser triumphiert

Kaum drei Jahre später sind die Spötter verstummt und es triumphiert der Pfennigfuchser von der Elbe. Die grassierende Reklamekrise tangiert Heinz Bauer kaum. Da seine Blätter sich zum Großteil über den Kiosk finanzieren, kümmern ihn sinkende Werbeeinnahmen wenig. Jetzt stöhnen die anderen - beziehungsweise tun das, was Bauer schon immer tat: Sparen und Entlassen, wenn es denn sein muss.

Ende 2002 setzte der passionierte Hobbyflieger zum Höhenflug an: Zusammen mit der HypoVereinsbank  feilschte Bauer um die Reste des fast versunkenen Kirch-Imperiums. Ziel war es, seinen Konzern zu einem der größten deutschen Privatfernsehunternehmen zu machen.

Höhen und Tiefen des Hobbyfliegers

Höhen und Tiefen des Hobbyfliegers

Während jedoch der Deal in der Öffentlichkeit bereits als sicher galt, hielt hinter den Kulissen das Gerangel um die Übernahme an. Schließlich zog Bauer sein Angebot zurück, nachdem der US-Investor Haim Saban die auf zwei Milliarden Euro geschätzte Offerte der Bauer-Verlagsgruppe überboten hatte.

Nicht der einzige Misserfolg in 2003: Nur fünf Monate später floppte ein weiterer Übernahmeversuch. Diesmal buhlte Bauer vergeblich um den defizitären Berliner "Tagesspiegel", für den er 20 Millionen Euro bot. Doch der Stuttgarter Holtzbrinck-Verlag verkaufte das Prestigeobjekt an seinen langjährigen Verlagsmanager Pierre Gerckens. Begründung: Gerckens habe im Gegensatz zu Bauer das schlüssigere Finanzierungskonzept.

Auch Mitte dieses Jahres wurde Bauer zu einer strategischen Entscheidung herausgefordert. Auf das Angebot, zusammen mit dem Axel Springer Verlag , der Bertelsmann-Tochter Arvato und dem Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr, eine gemeinsame Tiefdruckerei zu gründen, die Kosten in Millionenhöhe einsparen soll, reagierte er jedoch ablehnend.

Im Alleingang beteiligte sich Bauer stattdessen an einer Tiefdruckerei in Polen. Neben den bisherigen in Firmenbesitz befindlichen Tiefdruckereien im polnischen Ciechanow und in Köln, soll die neue Druckerei besonders den wachsenden Produktionsbedarf Ost- und Mitteleuropas bedienen.

Ob einsamer Wolf oder penibler Pfennigfuchser: Bauer scheint im Grunde ein glücklicher Mann. Flankiert von fünf Powerfrauen, kann die volatile Medienwelt ihm nichts anhaben. Während Gattin Gudrun ihm seit Jahren die meisten Auftritte in der Öffentlichkeit abnimmt, bereiten sich seine Töchter bereits gewissenhaft auf ihre Amtsübernahme vor: eine als "Bild"-Redakteurin, die andere Volontärin in einem Buchverlag, die jüngste mit einem BWL-Studium und Tochter Nummer vier ist dem stolzen Vater bereits im Verlag zu Diensten.

"Ich will hier aber nicht mein Testament ausbreiten", stellt Bauer klar, wer in den nächsten Jahren den Verlag weiterhin führt.

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