Mythos Jobnomade Zu Hause ist's doch am schönsten

Äußerst flexibel sollen sie sein, die idealen Mitarbeiter von Weltkonzernen. Doch der Arbeitsnomade ist ein Mythos, haben Forscher herausgefunden: Auch Nachwuchskräfte ziehen Sesshaftigkeit mit geregeltem Feierabend der Weltenbummlerei vor.

Selbst ein Mann von Welt kann sich über Sahnesteif, Schattenmorellen und Vanillinzucker im Einkaufskorb freuen wie ein kleines Kind. Diese "kleinen Kostbarkeiten" verstaut Manuel Andres-Kornprobst stets sorgfältig in seinem Reisegepäck, wenn er aus Europa nach Lateinamerika zurückkehrt. Dort, genauer gesagt in Kolumbien, arbeitet der gebürtige Spanier, verheiratet mit einer deutschen Frau, derzeit für den Schweizer Weltkonzern Nestlé  als Marketing-Manager.

Sein achtjähriger Sohn musste, der beruflichen Wanderstrecke des Vaters wegen, schon fünf Mal umziehen: Von Rio de Janeiro nach Miami, dann nach Costa Rica, Panama und nun in die kolumbianische Hauptstadt Bogota. "Für die Familie ist das immer eine große Umstellung", gesteht Andres-Kornprobst. "Doch überraschenderweise ging es immer glatt. Kinder sind unglaublich anpassungsfähig und aufnahmebereit."

Arbeiten wie bei Muttern

Die meisten Berufstätigen sind das offenkundig nicht. Neueste Studienergebnisse des BAT-Freizeitforschungsinstituts belegen, dass beinahe drei von vier Befragten so arbeiten möchten wie ihre Eltern: in Festanstellung, mit geregeltem Feierabend und möglichst ohne viele Ortswechsel. "Das Modell des Wanderarbeiters findet kaum Anhänger, weil auch Jobnomaden am Ende sesshaft werden wollen", heißt es in der Studie. Deutsche Mitarbeiter sind offenbar konventioneller und bodenständiger als vermutet - und längst nicht so flexibel, wie sich das Firmen wünschen.

Dabei galt die Vorstellung vom hoch motivierten Jobnomaden jahrelang als realitätsnahes Modell: Menschen, die der Karriere wegen ständig umdenken und umziehen. Ein dauerhaftes Zuhause kennt die so geprägte Fach- und Führungskraft nicht. Der Takt geht so: Rio, New York, Tokio - heute hier, morgen da. "Immer den Jobs hinterher. Zum Lebensabschnittspartner gesellt sich der Lebensabschnittsjob. So könnte es sein, wenn der Jobnomade kein Mythos, sondern Wirklichkeit wäre", erklärt BAT-Institutsleiter Professor Horst W. Opaschowski.

Globale Wirtschaft braucht Weltenbummler

Sehnsucht nach Sicherheit

Tatsächlich sehnt sich die Mehrheit der deutschen Arbeitnehmer nach Sicherheit und Beständigkeit. Und das ist nicht nur eine Generationenfrage. Verständlich, dass mit zunehmendem Alter die Lust an ungeregelten Arbeitszeiten und -verträgen nachlässt. Doch bereits zwei Drittel der 18- bis 34-Jährigen wollen lieber konventionell wie die Eltern arbeiten, nur jeder Dritte aus dieser Altersgruppe kann sich für flexible Arbeitsformen und Mobilität im Berufsleben begeistern.

"Jobnomaden, die immer auf der Wanderschaft von einem Arbeitgeber zum anderen sind und den klassischen Arbeitnehmer ablösen sollen, stoßen in der Realität auf ihre psychologischen Grenzen", bilanziert Opaschowski. Die moderne Arbeitswelt lebe von unrealistischen Mythen, die Situationen, Ereignisse oder Ideen regelrecht verklären. "Von diesen modernen Mythen geht eine große Suggestionskraft und Faszination aus. Damit können Wahrheiten und Realitäten wie zum Beispiel ungelöste soziale Konflikte vorübergehend aus dem Blick geraten", so der Freizeitforscher.

Doch die globale Wirtschaft braucht berufliche Weltenbummler und Wanderarbeiter. Gerade "im modernen Management ist grenzenlose Mobilität unverzichtbar", betont Uwe Specht, Mitglied der Geschäftsführung beim Waschmittel- und Kosmetikkonzern Henkel  in Düsseldorf. Mehr noch als früher sind längere Auslandseinsätze für Nachwuchsmanager als Karrierebeschleuniger unverzichtbar. Oder anders betrachtet: Es findet sich kaum ein Top-Manager in der Wirtschaft, der nicht über mehrjährige Auslandserfahrung verfügt.

Firma soll Priorität haben

Entsprechend fördert und fordert ein international agierendes Unternehmen wie Henkel seine Führungskräfte. Dagegen bleiben berufliche Stubenhocker meist schon auf den ersten Stufen der Karriereleiter hängen. Junge Mitarbeiter müssen bereit sein, hinaus zu gehen in neue Regionen und sich als Pioniere in Indien, China oder sonstwo zu bewähren.

Auch die Fähigkeit, sich auf verschiedene Jobs einzustellen, wird zunehmend verlangt. Eine Nachwuchsführungskraft müsse jederzeit in der Lage sein, auch eine Aufgabe zu übernehmen, die vielleicht nicht ganz in die aktuelle Lebensplanung passe, sagt Specht. "Im entscheidenden Augenblick erwarten wir eine gewisse Priorität für die Firma."

Von Roland Karle, Jobpilot.de