Lion Bioscience Kopflos in Frankfurt

Vorstand und Aufsichtsrat des defizitären Bioinformatikunternehmens sind heute geschlossen zurückgetreten. Unter ihnen Chef Daniel Keesman und Aufsichtsrat Jürgen Dormann. Offizieller Grund: Die Versicherungsbeiträge für die Organe der Aktiengesellschaft sind zu teuer geworden.

Heidelberg - Die beiden stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Bioinformatik-Unternehmens Lion Bioscience  Martin Hollenhorst und Daniel Keesman sowie der gesamte Aufsichtsrat haben mit sofortiger Wirkung ihren Rücktritt erklärt. Dies teilte das Unternehmen am Donnerstag in Heidelberg mit.

Das Unternehmen sei nach dem Ablauf der so genannten Directors & Officers-Versicherung am morgigen Freitag nicht mehr bereits gewesen, die hohen Kosten für einen Neuabschluss für Vorstand und Aufsichtsrat zu tragen, sagte eine Sprecherin der dpa-AFX auf Anfrage.

"Im Geschäftsjahr 2003/2004 lag die Versicherungsprämie für Vorstände und Aufsichtsrat bei 550.000 Dollar ohne Steuern", sagte die Sprecherin. Im Rahmen der Corporate Governance-Verpflichtung werde das Unternehmen mit einer Börsennotierung in den USA geraten, eine solche D&O-Versicherung zur Absicherung persönlicher Haftungsrisiken wie beispielsweise Aktionärsklagen in Zusammenhang mit Falschaussagen abzuschließen. Für Neuverträge würde derzeit ein Aufschlag von deutlich mehr als 15 bis 20 Prozent verlangt, hieß es aus Versicherungskreisen.

Kein Liquiditätsproblem

"Die Entscheidung bedeutet nicht, dass wir ein Liquiditätsproblem haben", erklärte ein Sprecher zuvor. Ende September habe das Unternehmen über eine Barposition von 33 Millionen Euro verfügt. Zu der Frage nach möglichen Übernahmeverhandlungen wollten sich die Sprecher nicht äußern. An der Börse verlor das Papier 4,07 Prozent auf 1,18 Euro.

Lion Bioscience, die der ehemalige Vorstandschef und Unternehmensgründer Friedrich von Bohlen zur "SAP der Bioinformatik" aufbauen wollte, wurde seit dem 1. Januar von den Vorständen Martin Hollenhorst (Finanzen) und Daniel Keesman (Verkauf und Marketing) geleitet. Diese hatten nach Bohlens Rücktritt Ende 2003 dessen Aufgaben übernommen. Bohlen, der derzeit noch einen Anteil von 10,59 Prozent an LION besitzt, sei bereit, dem neuen Aufsichtsrat beizutreten, sagte der Sprecher.

Aufsichtsrat tritt komplett zurück

Aufsichtsrat tritt komplett zurück

Der Aufsichtsrat bestellte mit Joseph F. Donahue und Thure Etzold langjährige Lion-Manager als gleichberechtigte Vorstände und Co-CEOs. Joseph Donahue wird nach Unternehmensangaben die Bereiche Vertrieb & Marketing sowie Finanzen leiten. Thure Etzold zeichnet für Produktentwicklung und Services als Entwicklungs- und Technologievorstand verantwortlich.

Neben dem Vorstand legte mit dem ehemaligen Aventis-Vorstandschef Jürgen Dormann, dem ehemaligen Finanzvorstand von Schering, Klaus Pohle, und dem früheren Microsoft-Manager Richard Roy im Anschluss an die Aufsichtsratssitzung des Vortages der gesamte Aufsichtsrat mit sofortiger Wirkung seine Ämter nieder.

Für das laufende Geschäftsjahr (31. März) bestätigte der Sprecher die bisherige Prognose: Bei einem Umsatz von rund 12 bis 13 Millionen Euro wird ein Verlust von 10 bis 11 Millionen Euro erwartet. Seine Zahlen für das zweite Quartal will das Unternehmen am 4. November vorstellen.

Branchenexperten hatten den Ex-New-Economy-Shootingstar in der Vergangenheit wegen mehrfachem Strategiewechsel als "chaotisch" kritisiert. Seine Prognose für das vergangene Geschäftsjahr hatte der Konzern zudem wegen deutlicher Absatzprobleme mehrmals nach unten korrigiert. Im März 2004 hatte das Unternehmen zudem sein Listing im Technologie-Index TecDax verloren.

Ein Rückzug von der amerikanischen Technologiebörse sei mittelfristig geplant, so der Sprecher weiter. In der Vergangenheit hatten zahlreiche deutsche Unternehmen ihren Unmut über die hohen Kosten für die Einhaltung amerikanischer Bilanzierungs-, Börsen- und Aufsichtsregeln geäußert.