Nachfolge Chef gesucht

Bei der Nachfolge in Familienunternehmen gelten ganz eigene Gesetze - ein Minenfeld, das von Tabus und Fallstricken nur so wimmelt. Unterdessen gehen vor allem Mittelständler, die ihren Betrieb vor dem Ruin oder der Konkurrenz retten wollen und keinen Nachfolger in der Familie finden, ungewöhnliche Wege.

Hannover - Seniorchefs finden ihre Nachfolger immer öfter per Kleinanzeige im Internet. Die Unternehmensbörse Change hat in diesem Jahr bis August bundesweit schon 977 Betriebe auf diesem Wege vermittelt - fast so viele wie 2003 mit insgesamt 1002.

Change wurde 1999 gestartet und wird von der KfW-Bank, Handwerks- wie Industrie- und Handelskammern (IHK), Genossenschaftsbanken und Sparkassen betrieben. Auch in Niedersachsen zeigt sich der Erfolg dieser Vermittlungsstrategie.

Nur drei Monate dauerte die Suche, nachdem der 72 Jahre alte Hans- Joachim Richert seine Rolladenfirma in Weenzen (Landkreis Hildesheim) bei Change ausgeschrieben hatte. Weder Sohn noch Tochter wollten den Betrieb übernehmen. Seit August ist der 38-jährige Andreas Nickel aus Celle der neue Chef. Der gelernte Schlosser, seiner vorigen Anstellung als Großhandelskaufmann überdrüssig, zeigt sich dankbar: "Jetzt bin ich mein eigener Herr."

"Das ist wie ein Kind, das die verkaufen"

Für die IHK Hannover ist die Rolladenfirma ein Paradebeispiel. "Das ist wie ein Kind, das die verkaufen", begründet IHK- Abteilungsleiter Christian Bebek warum viele Firmeninhaber erst im hohen Alter ausschreiben. Aus Furcht, von Konkurrenten bloßgestellt zu werden, schreckten sie zudem vor Inseraten zurück.

Handwerkskammer-Berater Jörg Hagemann verweist auf die schlechte Konjunktur. Betriebe könnten derzeit nur zum Substanzwert von Maschinen und Gebäude verkauft werden. Dennoch seien landesweit bis August diesen Jahres 40 IHK-Betriebe an neue Chefs vermittelt worden, schätzt Bebek. Bis zum Jahresende könnten es mehr als 60 sein.

Nur die Hälfte bleibt in der Familie

Nur die Hälfte bleibt in der Familie

Die gealterten Werkstatt- und Betriebschefs gelten seit Jahren als Problem. Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn hat kalkuliert, dass bis 2010 jährlich 70.000 deutsche Betriebe mit zusammen 678.000 Beschäftigten die Nachfolgefrage lösen müssen. 50 Prozent würden familiär oder an Mitarbeiter vererbt, 11.700 Firmen (16,5 Prozent) an Existenzgründer veräußert. 5900 Firmen aber drohe das Ende und 15.000 (21,1 Prozent) der Aufkauf durch Konkurrenz, bei hohen Arbeitsplatzverlusten.

Druck machen auch die verschärften Kreditvergabe-Regeln Basel II. Ältere Unternehmer, die Geld leihen wollen, müssen eine geregelte Nachfolge vorweisen können. Ist diese ungeklärt, hält sich die Bank zurück: Wo der Firmenchef bald aufhört und womöglich den Betrieb aufgibt, kann Kapital keine Rendite mehr erzielen.

Niedersächsische Mittelstandsorganisationen testen nun neue Wege. Die Handwerkskammer Braunschweig setzt ein 2003 beendetes Projekt fort und vermittelt übergabereife Firmen an Ingenieure, die an der Fachhochschule Wolfenbüttel zu Handwerksmeistern geschult werden. 40 mal gelang es, wie beim Sanitärunternehmen Rötzschke. In dem 25-Mann- Betrieb ersetzt der 36-jährige Diplomingenieur Olaf Reinke einen 65- jährigen Mitgesellschafter und ist nun Kompagnon von Gesellschafter Bernd Adler (60). "Ich hatte noch gar nicht gesucht", sagt Reinke.

Wenn der Vater mit dem Sohn ...

"Unternehmensnachfolger gezielt entwickeln" wollen auch der Bundesverband Junger Unternehmer und die private Fachhochschule Göttingen. Sie vergeben erstmals 16 Stipendien für ein Fernstudium Betriebswirtschaft im Gesamtwert von 150.000 Euro. Und der Bundesverband mittelständische Wirtschaft startete in Hannover eine Veranstaltungsreihe mit dem Thema "Ausstieg auf Zeit".

Dass familiärer Generationswechsel auch funktioniert, zeigt der Hannoversche Möbel-Händler Hesse. Vater Robert (68) hatte im Jahr 2000 offiziell die Geschäfte des 250-Mitarbeiter-Betriebes an den Sohn übergeben, blieb aber in der Unternehmensführung. "Ich sehe den Vater noch als meinen Chef an", sagt Robert Andreas Hesse (42). "Und er achtet mich als seinen Partner." So bleibe der Wechsel ohne Zwist.

Tilman Weber, dpa

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