Sucht "Draußen ist die Hölle los"

"Die Zeiten sind süchtiger geworden", sagt Bernd Sprenger, Chefarzt der auf Drogentherapie spezialisierten Oberbergklinik. Immer mehr Führungskräfte greifen zur Flasche, zum Glimmstängel, zu Medikamenten, Cannabis, Kokain oder Heroin. Besonders groß sei die Gefahr, wenn gesellschaftliche und familiäre Bindungen fehlen.

Wendisch Rietz - Die Deutschen machen sich immer größere Sorgen um ihre Zukunft. In Zeiten, in denen auch unter Managern die Arbeitslosigkeit wächst, Reformen für Verunsicherung sorgen und Kriminalität und Terrorismus als reale Bedrohung empfunden werden, geraten selbst Entscheider ins Wanken. Immer mehr Führungskräfte suchen nach einem Halt im Chaos - und greifen zur Flasche, zum Glimmstängel, zu Medikamenten, Cannabis, Kokain oder Heroin.

"Die Zeiten sind süchtiger geworden", sagt der Chefarzt der Oberbergklinik in Wendisch Rietz, Bernd Sprenger. Das Krankenhaus bei Berlin betreut Leistungsträger und Führungskräfte, die süchtig geworden sind oder an psychischen Erkrankungen leiden. Ziel sei es, diese Menschen zurück ins Leben zu holen, sagt Sprenger. In der Klinik würden Betroffene in allen Phasen der Sucht betreut - vom Anfangsstadium bis hin zu Organschäden.

Die Suchtklinik ist inzwischen an der Kapazitätsgrenze angekommen, die Belegung nimmt ständig zu. Von den 60 Betten sind laut Sprenger inzwischen 50 bis 55 ständig ausgelastet.

Die zunehmende Individualisierung in der Gesellschaft, sich ständig ändernde Strukturen - viele Betroffene dächten, sie würden mit dieser Entwicklung nicht klarkommen, sagt Sprenger. Für sie sei "draußen die Hölle los". Das führe "zu einer gewissen Bereitschaft, sich abzuschalten". Besonders groß sei die Gefahr, wenn gesellschaftliche, spirituelle und familiäre Bindungen wegfallen.

Ein süchtiger Chef fällt weniger auf als ein Bettler

In Zeiten, in denen genau diese Strukturen oft fehlten und sich viele Menschen unter Druck gesetzt fühlten, würden ausgerechnet zwei typische Folgeerkrankungen tabuisiert: Süchte und Depressionen. Breche ein Manager wegen eines Herzinfarkts zusammen, sei dies in einer Leistungsgesellschaft in Ordnung. Alkoholsucht werde hingegen als Charakterfehler ausgelegt. Körperliche Leiden seien kein Makel, aber psychisch dürfe sich niemand die Blöße geben. "Da waren wir schon mal weiter", kritisiert Sprenger.

Weil Sucht noch immer ein Tabuthema sei, erhielten gerade Führungskräfte oft viel später Hilfe als Angestellte. Einen Vorstandschef etwa würde niemand auf sein Alkoholproblem ansprechen, auch wenn es alle wüssten. Zudem halte sich das Vorurteil, dass die Häufigkeit von Suchtkrankheiten etwas mit Gesellschaftsschichten zu tun habe, auch wenn dies Unsinn sei.

In den Führungsetagen gebe es ebenfalls zahlreiche Alkoholiker, die fielen nur weniger auf als ein Bettler auf der Straße mit einer Flasche Schnaps in der Hand. Unterschiede gebe es höchstens bei der Art der Droge.

Zu viele Drogen, zu wenig Geborgenheit

Alkohol, Nikotin und Medikamente - die legalen Suchtstoffe sind es, die Sprenger und seinen Kollegen die meisten Schwierigkeiten bereiten. Auch Kokain und Cannabis seien immer ein Thema, aber im Vergleich seien die legalen Suchtmittel deutlich überrepräsentiert, sagt der Chefarzt. Am meisten jedoch werde Nikotin unterschätzt.

Sei es die Sorge um den Arbeitsplatz oder der hohe Bewährungsdruck - auch Manager haben viele Gründe für ihre Sucht. Dabei würden sie verkennen, dass sie selbst für ihr Leben verantwortlich sind, betont Sprenger. Ein Risikofaktor sei, wenn Menschen ihre eigenen Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigten. Das betreffe gesellschaftliche und familiäre Bindungen genauso wie genügend Schlaf.

Die Grundbedürfnisse jedoch würden leicht aus den Augenwinkeln verloren in einer Gesellschaft, die so viel Ablenkung biete wie die heutige. "Unsere Großeltern hatten es da besser", sagt Sprenger. Und das möglicherweise auch in einem anderen Punkt: Suchtkranke gebe es zwar überall in der ganzen Welt. Je mehr sich aber die Menschen geborgen fühlten, desto weniger Suchterkrankungen würden registriert.

Gute Erfolgsaussichten

Die Behandlung in der Oberbergklinik verläuft in mehreren Phasen. Zunächst lernen die Patienten, dass ihre Sucht eine Krankheit ist. Nach einer Entgiftungsphase wird analysiert, welche Funktion die Sucht für den Betroffenen hat. Ist das Problem erkannt, wird in einer Psychotherapie daran gearbeitet. Anschließend wird einem Rückfall vorgebeugt.

Im Schnitt sechs Wochen bleiben die Patienten in der Klinik. Wer keine private Krankenversicherung hat, muss tief in die Tasche greifen. 350 bis 400 Euro kostet die exklusive Betreuung pro Tag. Dafür liegen die Erfolgsaussichten nach Angaben der Klinik bei rund 80 Prozent.

Die erste Oberbergklinik wurde 1984 von Matthias Gottschaldt in Bad Salzuflen gegründet. Der Mediziner - einst selbst alkoholabhängig - kombinierte verschiedene Suchttherapien miteinander und stellte die Analyse der Ursachen in den Vordergrund. Heute gibt es drei private Oberbergkliniken in Hornberg im Schwarzwald, in Extertal-Laßbruch im Weserbergland und in Wendisch Rietz bei Berlin. Die Kliniken haben insgesamt 180 Betten und beschäftigen 200 Mitarbeiter.

Sandra Schipp, ddp

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