Familie Conle Das Erbe des Flugpioniers

"Fliegen ist für alle da" - mit dem Motto des LTU-Gründers Kurt Conle ging für Millionen deutscher Urlauber der Traum vom sonnigen Süden in Erfüllung. Inzwischen haben die drei Töchter des Charterflug-Pioniers ihr Erbe versilbert.
Von Christian Keun und Karsten Langer

Hamburg - Deutschland anno 1955: Das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt zehn Jahre zurück, und im Westen des geteilten Landes schwingt sich die Wirtschaft zu neuen Höhen auf. In den Menschen keimt ein Wunsch, der noch immer einer der Deutschen größter ist: Sie wollen reisen.

Kaum ist die Tinte unter den Pariser Verträgen getrocknet und die Bundesrepublik wieder im Besitz ihrer Lufthoheit, macht sich der Duisburger Bauunternehmer und Architekt Kurt Conle daran, das Fernweh seiner Landsleute zu lindern. An der Seite des Briten Bernard A. Dromgoole gründet er im Oktober die "Lufttransport-Union", deren erstes Take-off rund fünf Monate später erfolgt: 36 Passagiere fliegen mit LTU in einem umgebauten Wellington-Bomber von Frankfurt ins sizilianische Catania.

Nach bescheidenem Anfang gehen die ambitionierten Luftfahrer in den Steigflug über. Im Jahr 1969, LTU heißt inzwischen "Lufttransport-Unternehmen" und hat die Heimatbasis seiner rotweißen Flieger von Frankfurt nach Düsseldorf verlegt, setzt die Airline neue Maßstäbe: Als erste Chartergesellschaft betreibt sie ausschließlich Jets.

Der Einstieg der WestLB

1973 erwirbt das Unternehmen seinen ersten Lockheed Tristar mit Platz für 358 Passagiere. Mit diesen Maschinen, zu denen später die zweistrahligen Boeing-757 und Boeing-767, die dreistrahligen MD-11 von McDonald Douglas und schließlich die Riesen von Airbus kommen, düst LTU an die Spitze der deutschen Ferienflieger.

Ende der 80er Jahre geben die Conles - lange Alleineigentümer der Fluggesellschaft - erstmals einen größeren Anteil ihres Unternehmens in fremde Hände. 1989 verkaufen sie der WestLB, deren Vorstandschef Friedel Neuber als Vertrauter der Conle-Witwe Hilde gilt, für etwas mehr als 600 Millionen Mark eine LTU-Beteiligung von gut 34 Prozent. Die Landesbank will um LTU einen größeren Touristikkonzern errichten und diesen börsenfähig machen.

Doch der Neuber-Plan schlägt fehl. Unter seiner Ägide gerät der Flugpauschalreisen-Pionier während der neunziger Jahre in schwerste Turbulenzen. Dem Chef werden falsche Preis- und Flottenpolitik angelastet. Die Conle-Töchter Beate Hüttner, Ulrike Paulus und Vera Conle-Kalinowski, denen nach Übertragung der Anteile ihrer Mutter rund 60 Prozent der LTU gehören, verkaufen nach und nach.

Die Krise nach dem Verkauf

Die Krise nach dem Verkauf

Mitte 2000 zog sich die Familie endgültig aus dem Unternehmen zurück. Gleichzeitig fand die LTU-Gruppe, die seit 1998 zu 49,9 Prozent in Besitz der SAirGroup war, in der Kölner Handelsgruppe Rewe den lange gesuchten strategischen Partner. Bis dahin waren LTU-Fluglinie und -Veranstalter in einer Holding zusammengefasst, an der die Schweizer 49,9 Prozent, die WestLB 10,2 Prozent und die Gründerfamilie Conle 39,9 Prozent hielten.

Nachdem diese Holding aufgelöst worden war, sollte alles anders werden. Nun war Rewe alleiniger Eigentümer der LTU Touristik, zu der Veranstalter wie Tjaereborg und Meier's Weltreisen gehören, und hielt 40 Prozent an der LTU-Fluglinie. Rewe-Chef Hans Reischl hatte große Pläne. Er kündigte an, sein Unternehmen zu einem integrierten europäischen Reisekonzern auszubauen.

Diese Hoffnungen waren nicht ganz unberechtigt, immerhin war LTU bis dahin der viertgrößte Reiseveranstalter gewesen - nach Tui, C&N und Rewes eigenen Reisefirmen. Aber Reischls Pläne gingen nicht auf, obwohl Rewe die LTU-Anteile der Swissair Group nach Expertenangaben fast zum Nulltarif übernommen hatte. Die Schweizer, die Ende 1998 das Steuer bei der LTU übernommen hatten, mussten Ende 2001 Vergleich anmelden, und wenig später drohte auch dem deutschen Charterflug-Pionier das Aus.

Als die Entwicklung immer bedrohlicher wurde, griff der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement ein. Nach langen und außerordentlich zähen Verhandlungen einigte man sich auf ein Darlehen über 120 Millionen Euro, das zu 80 Prozent über eine Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen abgesichert war. Mit dieser Geldspritze, die im März 2003 von der EU-Kommission genehmigt wurde, gelang es Geschäftsführer Sten Daugaard, das Schlimmste abzuwenden. Unterdessen wechselte Daugaard als Finanzvorstand zum finanziell angeschlagenen Touristikkonzern Thomas Cook. Das Ruder übergab Daugaard an den Rewe-Touristikmanager Jürgen Marbach.

Erste Sanierungserfolge sind bereits erkennbar. Der Verlust, der 2001 noch bei geschätzten 150 Millionen Euro lag, konnte nach Angaben der Unternehmensleitung im Folgejahr zumindest halbiert werden. Für gut gefüllte Maschinen werden verstärkt Kurzfristaufträge eingeholt. So flog LTU in der sechswöchigen Pilgersaison Anfang 2003 rund 30.000 Moslems aus Europa auf die arabische Halbinsel. Im Geschäftsjahr 2003 lag der Verlust nach Unternehmensangaben bei 25 Millionen Euro und damit deutlich unter den Vorgaben des Sanierungsplans, für 2004 plant LTU die Rückkehr in die Gewinnzone. Ob LTU damit wirklich auf Dauer gerettet ist, muss sich allerdings erst noch zeigen.

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