Karriere Vom Landei zur Topmanagerin

Ex-Bauernmädchen Renate Neumann-Schäfer galt in den Chefetagen der 80er oft als exotischer Vogel. Sie lebte ein Leben, das allen Erwartungen widersprach und übertraf sie doch alle. Heute ist Neumann-Schäfer für 1100 Mitarbeiter verantwortlich.

Singen - Wenn es nach ihren Eltern gegangen wäre, säße Renate Neumann-Schäfer heute vielleicht auf einem Mähdrescher oder kämpfte sich am Schreibtisch durch den Dschungel der EU-Agrarsubventionen. Doch das Leben hatte mit der Bauerntochter aus dem niedersächsischen Hülsede anderes im Sinn. Sie wurde Top-Managerin in einem Weltkonzern. Als Geschäftsführerin der zum kanadischen Aluminium-Riesen Alcan gehörenden Alcan Packaging Singen GmbH trägt sie Verantwortung für 1100 Mitarbeiter und einen Umsatz von 310 Millionen Euro.

Im Gespräch mit der fast 50-jährigen blonden Norddeutschen wird schnell deutlich, warum sie es nach ganz oben geschafft hat: Sie hat ihren Weg gegen alle Widerstände durchgesetzt. Als ältere von zwei Schwestern war die Powerfrau dazu ausersehen, mit einem passenden Ehemann den elterlichen Betrieb zu übernehmen, weil ein Hoferbe fehlte. "Es war ein beschauliches Leben, aber auch mit viel Verantwortung."

Mädchen vom Land wird Frau von Welt

Auf der Schulbank gewinnt sie Einblick in neue Welten. "Ich habe gelernt, dass es noch andere Themen gab". Nach der Realschule wechselt sie aufs Gymnasium nach Hameln, obwohl ihr Vater schon eine Lehrstelle in einer Bank besorgt hatte. Auch nach dem Abitur widersteht sie dem familiären Druck und geht in die USA, um fließend Englisch zu lernen.

Die Suche nach dem richtigen Berufsweg geht weiter. "Ich fand immer noch interessantere Sachen, die mich noch weiter von der Landwirtschaft entfernten", erinnert sie sich. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften in Göttingen, wo sie im Anschluss an ein Master-Programm der kanadischen Queen's University 1985 auch promoviert.

Als es sie von der Universität in die freie Wirtschaft zieht, stößt sie als Frau bei deutschen Unternehmen jedoch "auf viele Vorbehalte und traditionelles Denken". Weiblichem Führungsnachwuchs hätten vor 20 Jahren hierzulande meist nur Banken oder Wirtschaftsprüfungsfirmen eine Chance geboten. Bei amerikanischen oder internationalen Konzernen dagegen standen die Türen dagegen offener.

Erst abgelehnt, dann befördert

Die zur amerikanischen Gillette-Gruppe gehörende Braun AG stellt sie schließlich ein. Ihr Chef, Finanzvorstand des Unternehmens, empfängt sie mit verblüffender Ehrlichkeit: "Ich habe ihre Einstellung abgelehnt, aber irgendjemand hat gesagt, die nehmen wir jetzt." Doch das schreckt sie nicht. Schnell wird sie befördert, wechselt vom Finanzwesen in die Produktion und in den Vertrieb. "Bei den Technikern war ich der exotische Vogel", erzählt die mit einem Finanzfachmann verheiratete Managerin lachend.

1998 steht ihr der Sinn nach einem Wechsel und sie fängt bei dem Großunternehmen in Singen an, das damals noch der schweizerischen Alusuisse gehörte. Bei den Eidgenossen fühlt sie sich zunächst in die Vergangenheit zurückversetzt. "Als Frau musste man in Konferenzen warten, bis man gefragt wurde". Dass sie in dieses Muster nicht passte, sei für ihre Schweizer Chefs nicht so leicht zu begreifen gewesen.

Allein unter Männern, aber keine Emanze

Dennoch hat sie sich nie gegenüber den Männern im Job benachteiligt gefühlt. "Wer seine Sache richtig gut macht, der macht seinen Weg, egal ob Mann oder Frau", meint sie. Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind ihr aber wohl bewusst. "Männer lieben den Wettbewerb, sie wollen sich ständig messen". Frauen dagegen besäßen mehr soziale Kompetenz, mehr Gespür für Zwischentöne. "Sie gehen nicht mit Brachialgewalt durch verschlossene Türen."

Auf Kinder hat sie verzichtet, weil sie die Doppelrolle als Mutter und Managerin nicht spielen wollte. "Wenn man sich für eine Familie entscheidet und das mit vollem Herzen, dann kann man nicht die berufliche Ambition auf dem gleichen Niveau fahren".

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