Bewerbungsbetrug Die getunte Karriere

Um ihre Einstellungschancen zu verbessern, greifen immer mehr Bewerber zu unlauteren Tricks. Da werden Zeugnisse gefälscht und Doktortitel gekauft. Der Schaden für die Unternehmen ist immens.
Von Henning Hinze

Hamburg - Die Urkunde versprach gesellschaftliche Würde, doch bei der Übergabe dominierten leise Worte: "Ihre Dokumente sind im Koffer" und "Danke, hier das Geld", raunten sich die beiden Anzugträger an der Hotelbar im finsteren Sheraton-Hotel am Frankfurter Flughafen zu. Mehr wurde kaum gesprochen, dafür unter dem Tresen getauscht: Der Gegenwert eines soliden BMW in bar gegen einen Koffer, schmal und grau, mit je einer Ernennungsurkunde zum Doktor und zum Professor.

Ein Routinejob für "Rechtsanwalt Prof. Dr. Schoen". Drei Jahre lang lieferte der Kaiserslauterer Fälscher fast monatlich Karriereturbos aus dem Koffer an titelhungrige Berater und Manager, Richter und Anwälte. Inzwischen sind er und seine zwei Kollegen zwar nicht mehr aktiv, für Entwarnung in den Personalabteilugen gibt es dennoch keinen Grund. Denn: Gefälschte Zeugnisse und frisierte Lebensläufe bei Bewerbungen sind "ein Problem und ein Phänomen", sagt Karl Bossard, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Personalberatung Kienbaum.

Jedes zehnte deutsche Großunternehmen gibt offen zu, in den vergangenen Jahren auf Betrüger hereingefallen zu sein. Und die Düsseldorfer Detektei Kocks behauptet gar, etwa ein Drittel aller Bewerbungen enthielten zumindest kleine Flunkereien.

Personalexperten halten die hohe Quote zwar für übertrieben. Doch seit Scanner, Online-Bewerbung und der Verzicht auf beglaubigte Kopien den Bewerbern das Betrügen immer leichter machen, schwant den Personalabteilungen, dass sie sich in Zukunft womöglich gegen schwarze Schafe wappnen müssen.

Eine ganze Reihe von Dienstleistern bietet den Personalbüros der Unternehmen deshalb inzwischen Hilfe beim Wettrüsten gegen die Schreibtischtäter an.

Das blinde Vertrauen der Personaler

Das blinde Vertrauen der Personaler

Die Personaler verlassen sich bisher nämlich vor allem auf gutes Gespür und saubere Schriftform. Motto: Wer sorgfältig heftet, der ist auch ehrlich. Standardisierte Prüfungen gegen Bewerberbetrug sind dagegen selten. Im Durchschnitt gut zehn Minuten beugen sich die Verantwortlichen übers Papier, bevor sie entscheiden. Das reicht gerade zum Lesen. Ehemalige Arbeitgeber, Universitätsabschlüsse oder gar Hobbys werden so schnell nicht geprüft.

Das macht es Betrügern leicht. Gleich über Jahre hinweg ergaunerte beispielsweise der Hamburger Hochstapler Alf H. als falscher Professor Spitzengehälter und Topjobs in der Designer- und Werbebranche.

Als Referenz gab er im Lebenslauf erstklassige Beraterverträge mit Thyssen und von Mannstein sowie Fachbuchveröffentlichungen mit den Titeln "Druckgrafische Techniken" und "Digital Design" an. Auf dem Dokument stimmte nicht einmal das Geburtsdatum.

Wenn die neuen Arbeitgeber die Leistungen oft schon nach kurzer Zeit "mäßig" fanden, hatte der Hochstapler für seinen kreativen Blackout eine Ausrede: "Meine Freundin hatte einen Motorradunfall. Ich bin völlig fertig."

Die passenden Dokumente zu seinen Referenzen konnte H. sich einfach selbst basteln. Mit einer guten Büroausstattung läuft inzwischen das Diplomzeugnis jeder deutschen Uni sauber aus dem heimischen Drucker; das eingescannte Arbeitszeugnis bescheinigt mit ein paar knackigen Sätzen schnell die Topqualifikation für den Traumjob.

So wird jeder träge Bürokaufmann an einem Abend vor dem Heimcomputer zur Spitzenkraft. Die Wappen von Schulen und Universitäten lassen sich häufig schon aus dem Internet laden. Die notwendigen Schrifttypen beherrscht jeder Computer. Unterschriften werden einfach gefälscht.

Nur die dümmsten Betrüger fallen den Personalern schon bei der Papierprüfung auf. Falsche Zeugnisse mit Datum vom Sonntag sind nach den Erfahrungen der Düsseldorfer Detektei Kocks ein häufiger Anfängerfehler; ungewohntes Layout im Dokument einer Massenuniversität entdecken die geschulten Augen in den Personalabteilungen auch. Lebensläufe ohne Chronologie und extrem gute Noten, die nicht zur Funktion beim ersten Arbeitgeber passen, machen ebenfalls stutzig.

Die Tricks der ausgebufften Betrüger

Die Tricks der ausgebufften Betrüger

Auch das Vorstellungsgespräch gibt Gelegenheit, die Dilettanten unter den Bewerbungsbetrügern auffliegen zu lassen. Wer über den Chef oder ein Umstrukturierungsprogramm im alten Betrieb weniger weiß als der Personaler, bei dem er sich bewirbt, war in Wahrheit meist nicht dort.

Peinlich auch der Blackout im Privaten: Über Stars und Marken aus dem Umfeld des angegebenen Hobbys plaudern die Personaler bei der Einstellung nicht nur, um die Allgemeinbildung zu testen.

Unternehmen wie VW , Ernst & Young oder Dell  halten sich zusätzlich die Möglichkeit offen, beim Gespräch Originaldokumente oder beglaubigte Kopien einzufordern. Rund ein Drittel der 200 größten deutschen Unternehmen macht das nach eigenen Angaben sogar zur Auflage, zum Beispiel die Dresdner Bank und die Lufthansa . Trotzdem: "Wenn einer seine Rolle gut spielt, haben Sie wenig Chancen", sagt Karl Bossard von Kienbaum.

Denn ausgebuffte Betrüger können entweder hochwertig fälschen - oder sie bedienen sich einer kleinen, gut versteckten Fälscherszene. Die macht vor allem mit Annoncen im Kleinanzeigenteil der großen Tageszeitungen auf sich aufmerksam: "Renommiertes Institut vergibt Auszeichnungen an solvente Persönlichkeiten", lautete ein Standardtext; "Rechtsanwalt Prof. Dr. Schoen" und sein Kaiserslauterer Fälschertrio warben mit: "Österr. Uni vergibt Professur/Doktorgrad. Abwicklung über Rechtsanwalt."

Briefköpfe und Siegel von Universitäten und Behörden hatten die Fälscher eingescannt und auf der Festplatte verfügbar. Die aufwändigen Urkunden druckten sie einfach nach, schweißten sie per Laminiermaschine in Plastik ein und legten sogar ein ebenfalls gefälschtes Begleitschreiben des zuständigen Kultusministeriums bei.

Reihenweise trugen Bürgerämter den Besitzern der falschen Urkunden die erschlichenen Titel in die Ausweise ein. Die Frischbeförderten, meist Freiberufler wie Anwälte und Ärzte, warben mit den Titeln bei ihren Kunden. Inzwischen kümmert sich Oberstaatsanwalt Achim Nunenmann um das Fälschertrio. Die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern hat Mitte Mai 2004 Anklage erhoben, zur Zeit läuft der Prozess vor dem Landgericht Kaiserslautern.

Eine Fälschertruppe aus Berlin, die bis zu 1,2 Millionen Euro mit gefälschten Titeln vor allem der Freien Universität Berlin verdient haben soll, landete schon im vergangenen Jahr wegen eines ganz ähnlichen Vergehens vor Gericht.

Die Chuzpe hemmungsloser Blender

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Rund 300 Doktortitel werden jedes Jahr in Deutschland gekauft, schätzt der Münchener Wirtschaftsprofessor Manuel Theisen, der seit Jahren Material gegen Doktorbetrüger sammelt. Darin enthalten sind allerdings auch Fälle, in denen die Universitäten die Urkunden selbst ausstellen, weil sie auf Arbeiten von akademischen Ghostwritern hereinfallen.

Wie hoch die Zahl der für ein paar hundert Dollar legal von vorwiegend amerikanischen Institutionen gekauften Titel ist, vermag niemand zu schätzen. In Deutschland sind sie ohnehin weit gehend wertlos, weil schwarze Listen mit den Namen von Titelverschleuderern bei den Unternehmen kursieren.

Weitaus häufiger als auf ganz harte Doktorbetrüger treffen die Personaler auf zu dicke Schminke. Denn wenn Bewerber die Wahrheit dehnen, übertreiben sie oft kräftig.

Im Falle eines Bereichsleiters suggerierte dessen Jobbeschreibung in der Bewerbung, er habe gleich dutzendweise Mitarbeiter geführt - stattdessen waren es zwei Lehrlinge. Weil in einem anderen Fall der Einstellungsmonat Dezember und der Austrittsmonat Februar im Lebenslauf fehlten, wurde aus der Kurzzeit-Beschäftigung zum Jahreswechsel eine zweijährige Berufserfahrung.

Und die "praxisbezogenen Kenntnisse in SAP R/3" speisen sich schon mal aus zwei Schulungen. Lücken kaschieren, Erfahrungen betonen - eine Gratwanderung: "Der Übergang von Werbung in eigener Sache zu Betrug ist manchmal fließend", sagt Kienbaum-Mann Bossard.

Personalexperten halten die Rückfrage im Umfeld alter Jobs für den sichersten Weg, um Betrüger zu enttarnen. Doch die Informationsbeschaffung erfordert Diskretion, allein schon, um die Bewerber nicht abzuschrecken. So schottet McKinsey seine rund 25 Mann starke Personalabteilung sorgfältig nach außen ab.

Personalberater und Arbeitsrechtler vermuten, dass dennoch nur ein kleiner Teil der Betrüger entdeckt wird. Doch auch wenn sie erwischt werden, sind die Konsequenzen meist überschaubar. Fast immer verlieren sie nur den Job, den sie ohne Mogelei wohl ohnehin nie bekommen hätten. Das Gehalt kann der Arbeitgeber nur selten zurückfordern.

Der Geschäftssinn der Profischnüffler

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Auch Schadenersatz erhalten Arbeitgeber kaum. Der wäre zwar eigentlich fällig, wenn der Bewerber bewusst falsch informiert. Aber die Firma muss den Schaden in der genauen Höhe belegen.

"In der Praxis sind Abgrenzung und Beweis sehr schwierig", sagt Helmut Stange, Arbeitsrechtler bei der Sozietät CMS Hasche Sigle. Nach seiner Erfahrung einigen sich Arbeitgeber und Betrüger meist - und schweigen dann beide beschämt. Strafprozesse wegen Betrug und Urkundenfälschung sind deshalb sehr selten.

"Ich habe bisher keinen Fall erlebt", sagt Hans Christian Netzel von der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer. "Die Arbeitgeber sind froh, wenn sie den Mitarbeiter los sind, und haben keine Lust, sich als Zeugen noch mit einem Strafverfahren rumzuschlagen." Dort könnte den Betrügern eine Geldstrafe blühen - und im Wiederholungsfall bis zu fünf Jahren Haft.

Weil die Betrogenen betreten schwiegen, konnte der falsche Hamburger Professor und Werbeexperte Alf H. genau wie das Kaiserslauterer Fälschertrio sein Unwesen treiben, obwohl er mehrfach enttarnt worden war. H. scheiterte an unbezahlten Rechnungen; im April 1999 wurde er in Hamburg zu vier Jahren Haft verurteilt. Die Kaiserslauterer Fälscher flogen nur deshalb auf, weil ein Handlanger das sie verpfiff - das Trio hatte ihm seine Auslagen für die Zeitungsanzeigen nicht erstattet.

Einen regelrechten Betrügerboom wittern inzwischen einige Detekteien - nicht ohne Hintergedanken, denn sie hoffen auf das Geschäft mit dem Schnüffeln für misstrauische Arbeitgeber. Die Detektei Kocks, Wortführer in Sachen Bewerber-Massenbetrug, verspricht inzwischen Abhilfe durch Seminare für Personaler: Drei Stunden Crash-Kurs für immerhin 237,24 Euro einschließlich Umsatzsteuer, den Hinweis auf die eigenen Dienste inklusive. Immerhin sollen die Personaler dort auf den neuesten Stand gebracht werden im Wettrüsten mit den Bewerbungsbetrügern, die immer neue Technik nutzen, um den offenbar uralten menschlichen Drang nach Geltung zu befriedigen.

Denn im Grunde ist der Bewerberbetrug nur eine Spielart der Hochstapelei. Die ist eine der wichtigsten Kulturtechniken des postmodernen Menschen, behauptet der Berliner Hochstapelei-Experte Stephan Porombka.

Ihre berühmteste Fortsetzung in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte findet sie nach seiner Ansicht in einem Mann, gegen den alle falschen Professoren, selbst ernannten Oberärzte und angeblichen Konzernchefs blass aussehen: Nick Leeson, der mit großem Bluff die britische Traditionsbank Barings ruinierte.

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