Werner Otto Rüstiger Versand-Weltmeister

Als Fabrikant erlitt Werner Otto eine Schlappe, als Versender aber ließ er alle anderen schnell hinter sich. Sohn Michael hat den Erfolgskurs gehalten: Seit Jahren ist Otto Weltspitze. Heute wird der umtriebige Senior 95 Jahre alt.

Hamburg - Gelegentlich ist Werner Otto noch in der Öffentlichkeit zu sehen. Meistens erhält der legendäre Gründer der Hamburger Handels- und Dienstleistungsgruppe Otto dann eine hohe Auszeichnung oder ein Gebäude wird eröffnet, das er bezahlt hat. Heute wird Otto 95 Jahre alt und erfreut sich dabei bester Gesundheit.

Er reist zwischen seinen Häusern in Hamburg, Berlin, Bayern und den USA, nimmt Anteil an den Geschäften seiner Familie und trifft Entscheidungen. Den hohen Geburtstag feiert Werner Otto ohne öffentliche Feier im Kreis der Familie. Er ist einer der letzten noch lebenden Unternehmer, die den Aufbau nach dem Krieg und damit das Gesicht der alten Bundesrepublik prägten. Aus dem Nichts schuf Otto ein Weltunternehmen.

Stolz ist Werner Otto auf seine fünf Kinder, mächtig stolz. Auf die beiden Töchter genauso wie auf die drei Söhne. Mit besonderer Freude allerdings erfüllt es den vitalen Patriarchen, dass der Älteste und der Jüngste in seine Fußstapfen getreten sind: Michael Otto führt seit nunmehr 23 Jahren und mit stetig wachsendem Erfolg den Konzernriesen, Alexander Otto hat vor gut drei Jahren das Management der Einkaufszentren übernommen, die Otto senior seit den sechziger Jahren unabhängig vom Versandhandel aufgebaut hat.

"Diese Söhne sind meine größte Lebensleistung"

"Diese tüchtigen Söhne sind meine größte Lebensleistung", meinte der stets bescheiden auftretende Gründer gelegentlich. Und stellte damit sein eigenes Licht wieder einmal unter den Scheffel.

Mäzen: Frank Schaefer (l.), Intendant des Konzerthauses am Gendarmenmarkt in Berlin, und Werner Otto (r.), der hohe Beträge gespendet hat

Mäzen: Frank Schaefer (l.), Intendant des Konzerthauses am Gendarmenmarkt in Berlin, und Werner Otto (r.), der hohe Beträge gespendet hat

Foto: DDP
Spendabel: Werner Otto, und Ehefrau Maren (l.) betreten mit Organisatorin Irina Pabst die AIDS-Gala in der Deutschen Oper in Berlin

Spendabel: Werner Otto, und Ehefrau Maren (l.) betreten mit Organisatorin Irina Pabst die AIDS-Gala in der Deutschen Oper in Berlin

Foto: DDP
In Potsdam: Werner Otto vor dem restaurierten Westturm des Belvedere

In Potsdam: Werner Otto vor dem restaurierten Westturm des Belvedere

Foto: DPA
Erfolgreich: Werner Otto und die Schirmherrin des Projektes, die frühere Brandenburger Finanzministerin Wilma Simon,

Erfolgreich: Werner Otto und die Schirmherrin des Projektes, die frühere Brandenburger Finanzministerin Wilma Simon,

Foto: DPA


Werner Otto
Bitte klicken Sie einfach auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.


Schriftsteller wäre er gern geworden, der 1909 im brandenburgischen Seelow geborene Spross einer Kaufmannssippe, der sich schon als Gymnasiast an zeitkritischen Romanen versuchte. Die Pleite des elterlichen Geschäfts aber machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Vorzeitig musste er die Schule verlassen und schlug daraufhin - nolens volens - die Händlerlaufbahn ein, in Stettin zunächst, dann in Berlin, wo er sich mit einem kleinen Laden als Zigarrenhöker verdingte.

Aufstieg eines Gescheiterten

Aufstieg eines Gescheiterten

Nach dem Krieg siedelte Otto mit seiner Familie nach Hamburg über und wagte einen ersten Gehversuch als Unternehmer. Mit dem letzten Geld stieg er in die Schuhfabrikation ein, bastelte aus Holz und Leder Galoschen, die er selbst "Gurken" nannte, beschäftigte bald 150 Leute - und ging 1948 geradewegs in Konkurs.

Gegen die Großen der Branche, die nach dem Fall der Zonengrenzen auf den Markt drängten, konnte der Newcomer nicht bestehen. Die Niederlage schmerzte. Letztlich aber brachte sie Otto auf die Idee seines Lebens. Warum nicht mit den Schuhen der anderen handeln? Und zwar per Versand.

Mit vier Mitarbeitern und 6000 Mark Startkapital gründete er 1949 ein Versandhaus. In Heim- und Handarbeit bastelte er die ersten 300 Kataloge - 16 Seiten dünn, von einer Kordel zusammengehalten - und diente seinen Landsleuten die "Herbst- und Winterkollektion 1950/51" an: 28 Paar Schuhe, ergänzt durch zwei Trenchcoats, vier Aktentaschen und Marine-Klapphosen, die trotz fehlender Gürtel schick aussahen und vor allem im Süden Deutschlads sehr beliebt waren.

"Ich bin kein Mann der Routine"

Erfolg war dem neuen Versender vor allem deshalb beschieden, weil er weniger auf niedrige Preise als auf gute Qualität setzte und sich seine Ware nicht per Nachnahme, sondern per Rechnung bezahlen ließ. Ein absolutes Novum, ebenso wie das System der Sammelbestellung.

"Rückschauend betrachtet sind die 50er Jahre die schönste Zeit der Aufbauphase gewesen, weil wir eine echte Gemeinschaft bildeten, die sich mit dem Schicksal des Unternehmens identifizierte", erinnerte sich Otto später. In manchen Jahren in dieser Zeit verdoppelte sich der Umsatz; die einsetzende Konsumwelle nach den Entbehrungen der Nachkriegszeit war der Motor des raschen Wachstums. "Mir waren das Wachstum und die ständig neuen Probleme, vor die ich gestellt wurde, gleichsam auf den Leib geschrieben. Von Natur aus bin ich kein Mann der Routine", sagte Otto von sich selbst.

Nur vier Jahre nach Firmengründung setzte das Unternehmen, dessen Angebot sukzessive erweitert wurde, fünf Millionen Mark um, bis 1955 konnte Otto den Umsatz annähernd versechsfachen. Und seit den 60er Jahren wuchs der Otto-Versand fast immer schneller als seine Konkurrenz. Lohn harter Arbeit und rastlosen Einsatzes. Fast zu rastlos, wie Otto erkennen musste, als er schließlich einen Herzinfarkt erlitt.

Er zog die Konsequenzen, trat kürzer. 1966 übergab Werner Otto, der unter der Nazi-Herrschaft zwei Jahre aus politischen Gründen inhaftiert war, die Leitung des Unternehmens an den späteren Aufsichtsratsvorsitzenden Günter Nawrath. Schon zuvor hatte er ein Viertel des Otto-Versands an die WAZ-Gruppe verkauft, ohne aber den entscheidenden Einfluss aus der Hand zu geben.

Wer andren einen Laden baut ...

Wer andren einen Laden baut ...

In einem Alter, in dem andere sich auf den Ruhestand vorbereiten, investierte Werner Otto in den nordamerikanischen Immobilienmarkt und in das zukunftsträchtige Feld der Entwicklung von Einkaufszentren. Im Versandhandel begnügte er sich mit dem Vorsitz im Aufsichtsrat und erschloss sich mit dem Aufbau einer Gesellschaft für die Entwicklung und den Betrieb von Einkaufszentren ein neues - vermeintlich ruhigeres - Betätigungsfeld.

Beide Otto-Firmen haben sich - so gehört es sich nun einmal für veritable Erfolgsgeschichten - inzwischen zu Milliardenunternehmen entwickelt. Das Versandhaus, in das Michael Otto zur Freude des Vaters nach Banklehre und Wirtschaftsstudium 1971 eingetreten und an dessen Spitze er schließlich vorgerückt war, ist heute das größte der Welt.

Die mit 90 Handelsunternehmen in 23 Ländern Europas, Asiens und Amerikas tätige Gruppe behauptete sich im schwierigen Umfeld des vergangenen Jahres relativ gut. Im abgelaufenen Geschäftsjahr setzte die Handelsgruppe über 18 Milliarden Euro um. Doch die Konkurrenz ist größer geworden, der Wettbewerbsdruck nimmt zu.

Mit dem Geist Olympias

Wie angenehm und frei von Problemen war da doch die jüngere Vergangenheit. 2001 stieg der Gesamtumsatz um knapp 15 Prozent - unter anderem für diese Leistung wurde der Junior zum "Manager des Jahres" gekürt. Obwohl die Zeit knapp bemessen ist, engagiert sich der Versandhausspross in vielen Ehrenämtern. Unter anderem treibt er die Bemühungen voran, die Olympischen Spiele 2012 nach Hamburg zu holen.

Eindrucksvoll präsentiert sich auch die Bilanz der ECE, Werner Ottos Einkaufs-Center-Entwicklungsgesellschaft. An ihrer Spitze managt Filius Alexander derzeit 76, über die halbe Welt verteilte Shopping-Malls, weitere befinden sich im Bau oder in der Planung. Mit 1,9 Millionen Quadratmetern Verkaufsfläche, vermietet an 6400 Parteien, erlöste das Unternehmen zuletzt acht Milliarden Euro Umsatz.

Seinen unternehmerischen Erfolg hat Otto - auch darin ganz Wirtschaftskapitän alter Fasson - stets als soziale Verpflichtung gegenüber seinen Mitarbeitern wie auch der Gesellschaft interpretiert. Aus dem Familienvermögen hat er schon früh - und tut es noch immer - großzügig gespendet, für die medizinische Forschung vor allem, aber auch für die Kunst und den Erhalt historischer Bauwerke.

Vorzeige-Entrepreneur, Groß-Mäzen und stolzes Familienoberhaupt - im Leben Werner Ottos scheint sich nur sein Jugendtraum nicht erfüllt zu haben: ein berühmter Romanschreiber zu werden.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.