Boeing-Chef Stonecipher Rein, aufräumen, raus

Als Harry Stonecipher Monaten Boeing-Chef wurde, galt er als Verlegenheitskandidat. Dann verschaffte sich der neue CEO Respekt. Er feuerte Manager, strich Privilegien, hofierte das Pentagon und trieb den Kurs der Aktie nach oben.
Von Karsten Langer

Hamburg - Wenn Harry Stonecipher etwas tut, dann gründlich. Als er, längst pensioniert, Ende 2003 seinen nach diversen Skandalen geschassten ehemaligen Chef Phil Condit ablöste, begann er sofort mit der systematischen Sanierung des Luftfahrtkonzerns. Es galt, die Fehler seines Vorgängers auszumerzen.

Stoneciphers Chancen für einen Erfolg standen 50 zu 50. Den Posten des gefeuerten Finanzchefs konnte er nach seinem Gusto neu besetzen, und die Gewerkschaft, früher sein schärfster Gegner, war im Zuge der Luftfahrtkrise handzahm geworden. Außerdem wusste er die Belegschaft hinter sich, die den neuen Konkurrenten Airbus und damit den Verlust ihrer Arbeitsplätze fürchtete. Auf der anderen Seite musste der neue Boeing-Chef mit Widerstand aus den eigenen Reihen rechnen.

Nach der Übernahme von McDonnell-Douglas durch Boeing  hatte das dominante Gebaren des ehemaligen McDonnell Douglas-Chefs 1997 zu Verstimmungen im Management geführt. In seiner Funktion als Boeing-COO hatte Stonecipher die Führungsriege neu sortiert und sich einige Feinde gemacht. "McDonnell hat Boeing mit dem Geld von Boeing gekauft" wurde zum geflügelten Wort im Konzern.

"Viel Feind, viel Ehr'"

Derartige Anwürfe haben das Luftfahrt-Urgestein, das aussieht wie der liebe Onkel von nebenan, nie gestört - im Gegenteil. Nach der Devise "Viel Feind, viel Ehr'" konfrontiert der Boeing-Chef seine Mitarbeiter gnadenlos mit unbequemen Wahrheiten und zieht die Konsequenzen ohne Rücksicht auf Verluste.

So wurden die Verantwortlichen der Tanker-Affäre innerhalb von acht Tagen gefeuert, die zweite Führungsebene von 29 auf zwölf Personen reduziert. "Einige Leute kennen den Unterschied zwischen einem Meeting und einer Party nicht", kritisierte Stonecipher die laxe Arbeitseinstellung seiner Kollegen, die sich unter der Führung seines Vorgängers breit gemacht hatte.

Nach Amtsantritt hatte sich Stonecipher als Erstes eine Aufstellung aller Kosten geben lassen. Was er da sah, gefiel ihm nicht. "Auf einem Blatt mit Zahlen kann ich die schlechten schnell erkennen", benennt der Boeing-Chef nüchtern eine seiner herausragendsten Fähigkeiten.

"Wir sind keine Familie"

"Wir sind keine Familie"

So war der Umsatz von 2001 auf 2003 von 58 auf 52 Milliarden Dollar geschrumpft, gleichzeitig war die Firmenflotte immens gewachsen. Außerdem diagnostizierte er eine neue Unsitte im Management: exzessiven Hubschraubergebrauch. Stoneciphers Strafmaßnahme folgte auf dem Fuße: "Ground the helicopters tomorrow", soll er wütend gegrollt haben.

Was genau er unter einer professionellen Arbeitseinstellung versteht, machte Stonecipher zügig klar: "Wir sind keine Familie bei Boeing, wir sind ein Team. Und in einem Team muss jeder seine Leistungen bringen."

Die ausgerufene Parole hat bei Managern und Mitarbeitern gleichsam Wirkung gezeigt. Der schleichende Niedergang bei Boeing scheint vorerst gestoppt. Die durch Spionageaffären zerrütteten Beziehungen zum besten Kunden Pentagon glättete Stonecipher persönlich, und auch die Perspektiven für die Zukunft sind dank erster Sanierungserfolge nicht mehr so grau.

Den Erfolg verdankt Boeing Stonecipher, der bei der Sanierung mit gutem Beispiel voranging. So fährt der Chef im eigenen Auto zum Job und arbeitet bis spät in die Nacht, wenn es sein muss. Zur Luftfahrtmesse in Berlin erschien er erst gar nicht. "Ich muss zu Hause einige Sachen in Ordnung bringen", lautete die knappe Begründung.

Ganz frei von Eigennutz ist der bescheidene Harry Stonecipher bei der Boeing-Sanierung allerdings nicht. Der Kursanstieg der Boeing-Aktie hat ihm einen hübschen Wertzuwachs im Portfolio beschert. Schließlich ist der Boeing-Chef zweitgrößter Einzelaktionär beim Flugzeugbauer. 1,7 Millionen Aktien nennt der Bergmannssohn aus Tennessee sein Eigen. Aktueller Wert des Pakets: knapp 80 Millionen Dollar.

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