Erfolg "Karriere ist ein Dauermarathon"

Der Leistungsdruck nimmt zu, immer mehr Angestellte fühlen sich den Herausforderungen des Jobs nicht mehr gewachsen. Im Interview mit manager-magazin.de weist Buchautor Stefan F. Gross Wege aus der Misere und erklärt, warum Radprofi Jan Ullrich kein Versager ist.
Von Martin Scheele

mm.de:

In Ihrem Buch "Life Excellence" finden sich eine ganze Reihe Alltagsweisheiten wieder, zum Beispiel "das Berufsleben wird härter", "die Verantwortung für den Lebenserfolg liegt bei jedem Einzelnen" oder "ohne Sinn ist das Leben sinnlos". Hilft das dem Leser weiter?

Gross: Wenn man einzelne Sätze wie Sie herausgreift, könnte dieser Eindruck entstehen. Zumal diese Sätze ja Überschriftencharakter haben. Aber Tatsache ist doch, dass das Leben kein Probelauf ist. Das wird vielen erst klar, wenn sie es aussprechen. Viele Leute machen sich darüber keine Gedanken, sondern stellen erst fest, dass sie etwas ändern wollen, wenn es zu spät ist. Zum Beispiel, wenn die Ehe bereits in die Brüche gegangen ist. Oder wenn sie in Rente gehen und plötzlich registrieren, welche Chancen sie im Unternehmen ausgelassen haben.

mm.de: Ihr Buch handelt viel von Lebensglück und Lebenserfolg. Was verstehen Sie unter Glück?

Gross: Glück lässt sich für mich hauptsächlich auf indirektem Wege erreichen. Ein großer Denkfehler besteht darin, dass Leute sich vornehmen, das Lebensglück unmittelbar und auf kürzestem Wege erreichen zu wollen. Glück stellt sich aber erst dann ein, wenn es auch Lebenserfolg gibt.

Und Lebenserfolg beruht für mich auf vier Faktoren. Erstens, dass man gesteckte Lebensziele auch erreicht, zweitens, dass man seine Begabungen ausschöpft, drittens, dass man seinen persönlichen Verantwortungen gerecht wird, und viertens, dass man sich auf Dauer seine Lebensfreude zu erhalten vermag.

mm.de: Sind Sie ein glücklicher Mensch - nach Ihrer Definition?

Gross: Man kann nicht im Leben zu 100 Prozent glücklich sein. Wenn man einen Wert von 70 Prozent erreicht, finde ich das bemerkenswert. Ich habe das Glück, in einer solchen glücklichen Konstellation zu sein.

"Glühende Kohlen - der falsche Weg"

mm.de: Ihr Buch gehört in die Rubrik Lebenshilfe. Aus welcher Motivation heraus haben Sie es geschrieben?

Gross: Der wichtigste Grund ist: Auf den Veranstaltungen, auf denen ich spreche, kommen auf mich eine Vielzahl von Menschen zu, die einen Bedarf - ganz grob gesagt - an Lebenshilfe haben. Im Kern geht es darum, dass die Menschen ihre Karriere als Kurzsprint planen, aber als Dauermarathon durchlaufen.

Sie freuen sich gar nicht, die nächste Stufe erreicht zu haben, sondern stellen fest, dass der Gegenwind da noch viel härter ist, und die Tretmühle von vorne losgeht. Die Menschen haben das Bedürfnis, einmal zurückzutreten und ihr Leben - wenn man so will - in Ruhe von der Seite aus betrachten zu können, um die Weichen neu zu stellen.

mm.de: Erfährt man das nicht auch in einer Vielzahl anderer Bücher?

Gross: Die übliche Literatur macht Vorschläge, die oft wenig bringen. Zum Beispiel der Buchtitel "Der Weg zu Ihrem Erfolg - in vierzehn Tagen mehr erreichen" kann nur unseriös sein. Oder der Ansatz, einmal über glühende Kohlen zu gehen und dann ein neuer Mensch zu sein, ist an Unseriosität nicht zu überbieten.

Und die zahlreichen Bücher, in denen es von oberflächlichen Weisheiten wie "Du musst nur an dich glauben, dann wird alles besser" nur so wimmelt, finde ich der Aufgabenstellung in keiner Weise angemessen. Deswegen habe ich auch den Ansatz einer praktischen Lebensphilosophie erarbeitet.

mm.de: Wie lautet der genau?

Gross: Aus meiner Sicht geht es darum, zu einem souveränen und gekonnten Umgang mit dem eigenen Leben insgesamt zu kommen. Und dies kann man erlernen. Der erste Schritt besteht darin, seine Selbstmächtigkeit zu erhöhen, also seine Selbstbestimmung und Selbstverantwortung.

Zweitens kommt es darauf an, das eigene Erfolgstalent zu aktivieren, um aus seinen Chancen und seinen Gestaltungsmöglichkeiten das Beste zu machen. Der dritte Faktor ist schließlich die Förderung der persönlichen Lebenskunst, also zum Beispiel der Fähigkeit, sich auch in schwierigen und belastenden Situationen seine Stimmung und Tatkraft zu erhalten.

Ziele nicht erreicht - was nun?

mm.de: Können Sie ein Beispiel nennen?

Gross: Nehmen Sie die Unzufriedenheit vieler Menschen mit ihrem Beruf, die dann ja auch zu einem massiven Verlust an Einsatzfreude und Leistungsfähigkeit führt. Eine Ursache dafür ist, dass sich viele Menschen kaum Gedanken über den Sinn ihrer Tätigkeit machen.

Wie helfe ich anderen mit meiner Arbeit? Was schenkt mir mein Beruf, auf das ich nicht verzichten möchte? Welche Kollegen sind mir als Menschen wichtig, mit wem arbeite ich gerne zusammen?

Wenn man sich solche Fragen stellt, dann erkennt man auf einmal auch wieder die positiven Elemente im Berufsalltag, die sonst völlig von den aktuellen Aufgaben verdrängt werden. Man sieht, was einem eigentlich Kraft und Motivation schenkt und wofür es sich stärker einzusetzen lohnt.

mm.de: Sein berufliches Glück kann man oft nicht allein bestimmen. In Unternehmen sind die eigenen Spielräume zum Teil erheblich eingeschränkt. Wie lässt sich das mit Ihrer Konzeption verbinden?

Gross: Es gibt viele Möglichkeiten, den eigenen Spielraum deutlich zu erhöhen. Ein Beispiel ist natürlich die Konzentration auf die Qualität der eigenen beruflichen Professionalität. Wer auf Dauer gute Ergebnisse erzielt, hat automatisch auch mehr Machtmöglichkeiten, seine persönlichen Interessen zu verwirklichen.

Ein anderes Beispiel ist die Art des Umgangs mit Kollegen oder Kunden. Das Berufsleben ist ein Beziehungsleben. Wenn ich meinen Kollegen Wertschätzung und Unterstützung biete, dann bekomme ich auch selbst welche.

mm.de: Was macht man, wenn man seine Ziele nicht erreicht hat?

Gross: Jammern hilft wenig, ebenso wie Selbstanklagen oder Schuldzuweisungen an Dritte. Die einzig sinnvolle Reaktion ist die, in Ruhe über die Ursachen nachzudenken und zu überlegen, was man beim nächsten Anlauf anders und besser machen kann. Insbesondere muss man im Beruf auch akzeptieren, dass nicht alles gelingen kann. Dann muss man nicht gleich den Kopf in den Sand stecken, sondern daraus lernen und sich auch an kleinen Erfolgen freuen. Ein gutes Beispiel in dieser Hinsicht ist Jan Ullrich.

"Von Radprofi Jan Ullrich lernen"

mm.de: Weshalb?

Gross: Ullrich hat ja den vierten Platz bei der Tour de France erreicht, nach vielen zweiten Plätzen vorher. Nun fallen alle über ihn her und werfen ihm vor, dass er nicht Erster geworden sei. Dabei ist ein vierter Platz doch eine große Leistung. Soll er sich deswegen entschuldigen?

mm.de: Manche behaupten, er hätte keinen Killerinstinkt, und er würde zu wenig aus seinen Möglichkeiten machen. Sie selbst empfehlen doch auch, dass jeder seine Anlagen besser ausschöpfen sollte.

Gross: Zwei Dinge sind hier zu unterscheiden. Wenn jemand mit großer Nachlässigkeit an seine Ziele herangeht, sollte man ihn zu größerer Konzentration auffordern.

Andererseits: Wenn jemand eine objektiv außergewöhnliche Leistung erbringt, und dazu zählt ein vierter Platz bei der Tour de France, dann sollte man das akzeptieren und zum Anlass nehmen, im nächsten Jahr mit noch mehr Entschlossenheit und Enthusiasmus an die Sache heranzugehen.

Sich ständig selbst zu zerfleischen, das wäre demgegenüber der Weg in den Abgrund, sowohl für das Lebensglück als auch für die eigene Leistungsfähigkeit. Es wäre die völlige Demotivation durch sich selbst. Interessant bei der Kritik ist ja übrigens auch, dass sie von Leuten kommt, die in ihrem Leben wahrscheinlich selbst nur durchschnittliche Leistungen erbracht haben.

Stress-Test: Ermitteln Sie Ihren Souveränitätsgrad

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