Familie Hueck Verdunklungsgefahr

Seit 125 Jahren leuchten Hella-Lampen Autofahrern den Weg. Einst als "Lampen-Bude" abgetan, glänzt die Geschichte des internationalen Konzerns mit viel Licht und nur wenig Schatten. Nun muss der familiengeführte Autozulieferer den Spagat zwischen Standorttreue und Globalisierungsdruck schaffen.
Von Martin Scheele

Hamburg - Deutschland im Jahr 1899. Kaiser Wilhelm II. regiert, es wird mit Reichsmark bezahlt, und auf den Straßen fahren Daimler-Motorwagen und die ersten Lutzmann von Opel - mit Kerzenlicht.

Mit der kleinen Lichtquelle tasten sich die Fahrer buchstäblich durch die Nacht. 1899 ist aber auch das Gründungsdatum der "Westfälischen Metall-Industrie Aktien-Gesellschaft", der später umbenannten Hella Hueck KG & Co, mittlerweile einer der namhaftesten Zulieferer der Automobilindustrie.

Den Hella-Ingenieuren, die ihrem Betrieb den despektierlichen Spitznamen "Lampen-Bude" verpassten, gefällt der wenig lichtstarke Zustand der Gefährte nicht. Ihnen kommt mit der Entwicklung der Acetylengasscheinwerfer die erste zündende Idee. Die besser als Karbidlampen bekannten Lichtquellen leuchten zwar heller, haben aber einen entscheidenden Nachteil. Sie verbrennen pro Stunde bis zu 35 Liter Gas und verbreiten einen ziemlich üblen Geruch. Keine Frage: Vom heutigen Nonplusultra der Autolichttechnik, dem adapativen Kurvenlicht, waren die Hella-Ingenieure noch Lichtjahre entfernt.

Funkschlüssel: Wer ihn hat, will ihn nicht mehr missen

Funkschlüssel: Wer ihn hat, will ihn nicht mehr missen

Foto: Hella KGaA
Mit Technik von Hella: Die weißen Heckleuchten des 1-Liter-Auto von VW sind komplett mit Leuchtdioden bestückt, für die Kennzeichenbeleuchtung wurde eine Elektroluminiszenzfolie eingesetzt

Mit Technik von Hella: Die weißen Heckleuchten des 1-Liter-Auto von VW sind komplett mit Leuchtdioden bestückt, für die Kennzeichenbeleuchtung wurde eine Elektroluminiszenzfolie eingesetzt

Foto: Volkswagen
Akzente am Heck: Design-Heckleuchten von Hella für den VW Touran

Akzente am Heck: Design-Heckleuchten von Hella für den VW Touran

Foto: 2002 Hella KGaA Hueck & Co
Die Nacht taghell: Arbeitsscheinwerfer von Hella an einem Bagger

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Foto: 2002 Hella KGaA Hueck & Co
Robust und langlebig: Zusatzscheinwerfer von Hella für Trucks

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Foto: 2002 Hella KGaA Hueck & Co
Innovativ: Ein Bi-Xenon-Scheinwerfersystem hat Hella für die neue Mercedes-Benz E-Klasse entwickelt

Innovativ: Ein Bi-Xenon-Scheinwerfersystem hat Hella für die neue Mercedes-Benz E-Klasse entwickelt

Foto: 2002 Hella KGaA Hueck & Co




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22.000 Mitarbeiter, über drei Milliarden Euro Umsatz

Von eben jenem adaptiven Kurvenlicht und anderen Erfindungen Hellas haben viele Autofahrer schon gehört, doch die Eigentümerfamilie Hellas, die Huecks aus dem westfälischen Lippstadt, versuchen nicht weiter aufzufallen und halten sich mit öffentlichen Auftritten stark zurück. Selbst das einst im operativen Geschäft tätige Führungspersonal suchte nicht das Licht der Öffentlichkeit - sieht man von Auftritten in Branchengremien ab.

So verwundert es nicht, dass das heutige Familienoberhaupt, Jürgen Behrend (55), außerhalb des Automobilgeschäfts kaum bekannt ist. Der seit 1987 einzige geschäftsführende Komplementär des Konzerns äußert sich in den wenigen Interviews, die er gibt, zudem sehr viel lieber über das Unternehmen als über Vorgänge in der Eigentümerfamilie.

Immerhin erfährt der Automobil-Interessierte, dass Hella mit etwa 22.800 Mitarbeitern in 61 Fertigungsstätten und Joint-Venture-Unternehmen drei Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Damit zählt Hella zu den 100 größten deutschen Industrieunternehmen.

McKinsey-Mann an der Unternehmensspitze

Öffnung für den Kapitalmarkt

Zumeist durchlebte der Konzern sonnige Zeiten, erst im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um 2,9 Prozent. Das meiste Geld spülen die Erlöse aus der Lichttechniksparte in die Kassen. Trotz der Umsatzsteigerung in Zeiten schwacher Konjunktur haben Brancheninsider einen schwergewichtigen Wettbewerbsnachteil bei Hella ausgemacht: Über sechsundfünfzig Prozent der Gesamtbelegschaft arbeitet derzeit in Deutschland - ein erheblicher Kostenfaktor.

Während dies wohl die Aufmerksamkeit von Autobegeisterten erregt, interessierte sich einmal in der Firmengeschichte sogar die Boulevardpresse für das Unternehmen, genauer gesagt für die Unternehmerfamilie. Der Anlass war trauriger Natur: Der langjährige geschäftsführende Gesellschafter Reinhard Röpke starb bei einem Flugzeugabsturz in Neuseeland.

Ratlosigkeit kam bei Hella trotzdem nicht auf. "Bei uns war die Kontinuität von vornherein gesichert", stellte Jürgen Behrend klar, der mit Röpke "ein einheitlich agierendes Zweiergespann" (O-Ton Behrend) gebildet hatte.

Der verschwiegene Lippstädter, der die Tochter des langjährigen Familienpatriarchen Arnold Hueck geehelicht hatte, führte die Geschäfte reibungslos weiter und blieb im Folgenden der Tradition verpflichtet, wenig Öffentlichkeit herzustellen. Und schon gar keine Informationen zur Ertragslage zu veröffentlichen.

Ein wahres Feuerwerk an Nachrichten zündete Behrend allerdings Ende vergangenen Jahres. So öffnete sich der Lippstädter Automobilzulieferer mit der Umwandlung der Rechtsform in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) für den Kapitalmarkt. Gleichwohl stehen aber konkrete Änderungen in den Beteiligungsverhältnissen nicht an, die Kommanditaktien werden zu 100 Prozent von den bisherigen Familiengesellschaftern gehalten.

Mit dem Umwandlungsbeschluss wurde die Führungsstruktur des Unternehmens einer Aktiengesellschaft ähnlicher. Familienoberhaupt Behrend zog sich zu diesem Zeitpunkt auf den Vorsitz des Gesellschafterausschusses zurück und konzentriert sich seitdem auf die Weiterentwicklung der strategischen Grundausrichtung des Unternehmens. Als Treuhänder der Familiengesellschafter und persönlich haftender Gesellschafter liegt wie bisher die letztendliche Verantwortung für die Leitung des Unternehmens unverändert in seinen Händen.

Unkalkulierbare Angriffe der Autohersteller

Staranwalt im Aufsichtsrat

Die operative Führung hat seitdem der Ingenieur Rolf Breidenbach (40), ein jugendlich wirkender Manager, inne. Breidenbach stand lange Jahre in Diensten der Unternehmensberatung McKinsey. Dort kümmerte sich Breidenbach vor allem um mittelständische Betriebe. Spezialgebiet: Autozulieferer.

Damit nicht genug der Personalien: Den Vorsitz des neu gebildeten Hella-Aufsichtsrats übernahm kein Geringerer als Michael Hoffmann-Becking, Partner der Düsseldorfer Rechtsanwaltskanzlei Hengeler Mueller. Hoffmann-Becking gilt als einer der einflussreichsten Juristen Deutschlands. Er betreut als Anwalt vor allem Großkonzerne, aber auch reiche Unternehmerfamilien wie die Mohns, die Quandts und die Boehringers.

Mit dieser Frischzellenkur und den nun versammelten klugen Köpfen versucht der Familienkonzern der stetig schwieriger werdenden Lage zu trotzen. Als wären Produktivitätswettläufe oder Billiganbieter aus Fernost nicht schon Problem genug, sorgen auch die Kunden der Autozulieferer für immensen Druck. Die Abnehmer der Hella-Produkte, die Automobilkonzerne, fordern zum Teil erhebliche Preissenkungen - trotz bestehender Verträge.

Öffentlich wird dies zumeist nicht. Ausnahme: Weihnachten vergangenes Jahr. Damals ging bei Hella ein Brief von DaimlerChrysler  ein. Inhalt: Je 6 Prozent weniger wollten die Stuttgarter für die kommenden drei Jahre bezahlen - trotz langfristiger Verträge. Fix errechneten Experten, dass im Falle einer Einwilligung die Rabattforderungen Hella 45 Millionen Euro des Gewinns kosten würden.

Ein nicht genannter Autohersteller geht sogar noch schärfer gegen seine Lieferanten vor. Im Falle von Rückrufaktionen sollen die Zulieferer auch den Imageschaden bezahlen. "Die Unkalkulierbarkeit dieser Aktionen ist das Schlimmste für die Autozulieferer", meint Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Center of Automotive Research (CAR) gegenüber manager-magazin.de.

Offiziell will sich von Seiten Hellas keiner zum Daimler-Fall äußern. Hinter vorgehaltener Hand wird von einem grundsätzlichen Dilemma gesprochen. Wer von sich heute ein gutes Bild in der Öffentlichkeit zeichne, heißt es, der werde morgen von den Automobilkonzernen angerufen. Ihre Forderung lautet dann: Wenn es Ihnen gut geht, können wir ja noch niedrigere Preise fordern. Hinzu kommt, so der Hella-Mann, dass sein Unternehmen keine Verbündeten habe. Im Verband der Automobilhersteller (VDA) hätten Autozulieferer die schwächere Position. Und die Kunden könne man sich nicht zum Gegner machen.

Allianz mit Branchenkollegen aus Schwaben

"Optimierungsbedarf in der Organsiationsstruktur"

Hellas Unternehmensführung reagiert auf die Probleme unter anderem mit der Losung: Allianzen eingehen. So verbündete man sich mit dem schwäbischen Familienunternehmen und Kühltechnikspezialisten Behr, um gemeinsam und billiger komplette Frontend-Module zu produzieren. Frontends bestehen aus Lichttechnik, Motorkühlung, Luftleitteilen und Stoßfängern.

Und ständig sind Hellas Ingenieure bemüht, Innovatives auszutüfteln. Ob Xenon-Scheinwerfer oder adaptives Kurvenlicht oder Spurwechselassistent - die Ostwestfalen sprühen anscheinend nur so vor Erfindergeist. Zu diesem Urteil kommt auch Autoexperte Dudenhöffer, der Hella zumindest von der Produktseite gut aufgestellt sieht. "Hella ist Innovationsführer und hat sich allein beim Thema Licht eine starke Kompetenz aufgebaut, an die zum Beispiel selbst Bosch nicht herankommt." Auch in ihrer Elektroniksparte gehört Hella zu den weltweit führenden Autozulieferern. Der Aufbau dieser Sparte erschien nur logisch, besteht Lichttechnik doch immer mehr aus Elektronikteilen.

Trotz exzellenter Produkte glaubt Dudenhöffer, dass Hella nicht um eine Kostenkur herumkommt. "In der Organisationsstruktur besteht Optimierungsbedarf", meint der Autofachmann. Vor allem der im Vergleich mit Wettbewerbern relativ hohe Prozentsatz von in Deutschland Beschäftigten hängt als Damoklesschwert über dem Konzern. "Eine Verlagerung von Arbeitsplätzen ist wohl unausweichlich."

Ex-Unternehmensberater und Hella-Chef Breidenbach muss den Spagat schaffen. Einerseits sieht sich Hella in Zeiten der Globalisierung genötigt, Kosten zu drücken - andererseits will das Familienunternehmen weiterhin dem Standort Deutschland seine Treue halten. Eine Quadratur des Kreises? Breidenbach steht dabei ganz offensichtlich noch die Feuertaufe bevor.

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