Familie Behr Hier prima Klima, dort dicke Luft

Die Behrs aus Schwaben agieren heimlich, still und leise; sie leben mit ihren Beschäftigten in schönster Harmonie. Für Wirbel sorgten bisher nur ihre Motorkühler und Klimaanlagen. Doch jetzt reagieren die Angestellten verschnupft auf den rauhen Wind der Globalisierung.
Von Martin Scheele

Hamburg - "Das unterliegt absoluter Diskretion." Was der Direktor der Staatsgalerie Stuttgart, des wohl bedeutendsten Museums Baden-Württembergs, da in strikter Klarheit erklärt, überrascht nicht. Schließlich gehört Verschwiegenheit zu den Grundeigenschaften der Schwaben. Und bei Auskünften über die Familie Behr, die zu einer der alteingesessenen Dynastien des Ländles zählt, macht der Direktor keine Ausnahme.

Verschwiegenheit ist nicht das einzige Klischee, das auf die schwäbische Industriellenfamilie passt. Die Behrs gelten zudem als geschäftstüchtig, innovativ und traditionsbewusst. Dass man sich überhaupt ein Bild von der Dynastie machen kann, liegt daran, dass die Familie erst in den achtziger Jahren die operative Führung ihres Unternehmens aus der Hand gab. Sonst wäre die Geschichte hier schon zu Ende.

Startpunkt des Plots ist das Jahr 1905, als ein gewisser Julius Friedrich Behr mit der Gründung einer Werkstatt zum Bau von Autokühlern den Grundstein für eine erfolgreiche Unternehmensgeschichte legt. Aus dieser Zeit stammt auch der Spitzname des Unternehmens. "Kühler-Behr" wird es im Stuttgarter Volksmund genannt, weil die Motorkühlsysteme mit das wichtigste Standbein des weltweit agierenden Unternehmens sind.

Ganz schön technisch: Dies sind Kältemittel-Kondensatoren für Fahrzeug-Klimaanlagen

Ganz schön technisch: Dies sind Kältemittel-Kondensatoren für Fahrzeug-Klimaanlagen

Foto: behr
Erhöhen die Kühlleistung: Abgaskühler mit Winglet-Rohren

Erhöhen die Kühlleistung: Abgaskühler mit Winglet-Rohren

Foto: Behr
In seinem Klimawindkanal in Stuttgart testet Behr Klimaanlagen für Pkw und Lkw. Weltweit bislang einzigartig ist das Solarium an der Decke. Die auf beweglichen Gestellen montierten Lampen heizen den Fahrgastinnenraum auf und folgen - computergesteuert - dem Tagesgang der Sonne

In seinem Klimawindkanal in Stuttgart testet Behr Klimaanlagen für Pkw und Lkw. Weltweit bislang einzigartig ist das Solarium an der Decke. Die auf beweglichen Gestellen montierten Lampen heizen den Fahrgastinnenraum auf und folgen - computergesteuert - dem Tagesgang der Sonne

Foto: Behr




Impressionen aus Behr-Werken:
Bitte klicken Sie einfach auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

Erfolg, aus der Not geboren

Um ein Haar wäre dem Unternehmen schon nach zwanzig Jahren die Luft abgedreht worden. Weil der Gründer schwer erkrankte, sollte die Firma verkauft werden, doch fand sich kein Investor, der bereit war einzuspringen - die Familie musste notgedrungen weitermachen.

Wenige Jahre später ereilte den Clan erneut ein schwerer Schicksalsschlag. 1930 stirbt Julius Friedrich Behr, mit 59 Jahren. Sein 21-jähriger Sohn Manfred, mitten im Ingenieursstudium, ist zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt davon, die Firmenführung übernehmen zu können. Kurzzeitig versucht die gebeutelte Familie, den Betrieb zu verpachten. Von diesem Plan rückt man allerdings schnell wieder ab, denn den angeblichen Interessenten ging es nur um den guten Firmennamen.

Schließlich nahm Manfred Behr zusammen mit seiner Mutter das Heft selbst in die Hand. Eine Zäsur, die sich im Laufe der Unternehmensgeschichte noch einmal wiederholen sollte - allerdings in weit wenig dramatischer Form.

Generationswechsel - ohne Machtverschiebung?

Generationswechsel - ohne Machtverschiebung?

Manfred erkannte bald, dass zum Überleben des Unternehmens ein zweites Standbein vonnöten ist. Dabei kam dem Tüftler eine clevere Idee: "Wir kühlen das heiße Motorwasser, warum nehmen wir dieses nicht zur Beheizung des Fahrzeugs?" Gesagt, getan. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte Behr die Heizung mit dem Namen "Golfstrom" auf den Markt.

Dem ehrgeizigen Unternehmenslenker, der im Urlaub bevorzugt in Tirol auf die Jagd geht und dessen Förderung der dortigen Almwirtschaft öffentlich ausgezeichnet wurde, reicht bald die Produktentwicklung nicht mehr aus, um die Stuttgarter Vorzeigefirma nach vorne zu bringen. Langfristig würde sie nur überleben, wenn sie international expandiert, war sich Manfred Behr sicher.

Mittlerweile betreibt "Kühler-Behr" Produktionsstätten auf allen Kontinenten der Erde - ausgenommen Australien. Doch es ist nicht nur die Internationalisierung und Globalisierung, die die Entwicklung des Konzerns kennzeichnet. Der amerikanische Trend, Klimaanlagen in Autos einzubauen, setzte sich bald in Europa fort. Behr erkannte die Marktlücke und ließ die Produktion anlaufen. Weitere Umsatzsprünge waren die Folge.

2003 wurde das beste Ergebnis erwirtschaftet

Mit dem Tod von Manfred Behr - er stirbt 1988 mit 81 Jahren - endet mehr als eine Ära in der Firmenchronik. Zwar behält die Familie die Herrschaft über ihr Unternehmen, doch die operative Führung gibt sie ab. In die Fußstapfen von Manfred Behr tritt mit Horst Geidel der Mann, den Betriebsangehörige auf Grund des engen Vertrauensverhältnisses als "Sohn" von Manfred Behr bezeichnen.

Geidel (65) gilt noch heute als der mächtige Mann im Konzern. Fünfzehn Jahre lang amtierte der gebürtige Bayer als Vorsitzender der Geschäftsführung. Seit Sommer 2003 ist er Chef des Aufsichtsrats. Die Aktivitäten seines Nachfolgers Markus Flik (43) werden von Geidel genauestens beäugt. Der vergleichsweise junge Flik hat vorerst eine weniger exponierte Stellung als Geidel. Er ist nur Sprecher der Geschäftsführung.

Geidel, von dem Mitarbeiter sagen, er sei mit einem Schuss Eitelkeit zu viel gesegnet, hatte die Strategie des vorsichtigen organischen Wachstums fortgeführt. Ein Zukauf von zahllosen Gesellschaften ist bei "Kühler-Behr" verpönt. Dass Behr dennoch schon lange nicht mehr als mittelständisches Unternehmen bezeichnet werden kann, belegen die wirtschaftlichen Eckdaten. 16.000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2003 einen Umsatz von drei Milliarden Euro.

Mitarbeiter stellen Sarg vor der Zentrale ab

Mitarbeiter stellen Sarg vor der Zentrale ab

Misserfolge und Krisen sind dabei in der Chronik rar gestreut. Allerdings mutet die derzeitige Lage schizophren an: Behr hat 2003 das beste Ergebnis seiner Unternehmensgeschichte hingelegt, der Umsatz stieg um sieben Prozent, das operative Ergebnis gar um 16 Prozent auf 75 Millionen Euro.

Trotzdem will der Konzern in Deutschland 200 bis 300 von insgesamt 6900 Arbeitsplätzen abbauen. "Wir werden diesen Abbau aber ohne betriebsbedingte Kündigungen gestalten", sagt Konzernsprecher Ingo Martin gegenüber manager-magazin.de. Der Betriebsrat indes hat von der Geschäftsleitung andere Zahlen bekommen. "600 bis 700 Arbeitsplätze sollen dem Sparzwang zu Opfer fallen", sagte ein Betriebsratsmitglied gegenüber manager-magazin.de.

Die Behr'sche Argumentation klingt wohl bekannt: Die hohen Lohnkosten lassen keine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu. "Unsere gesamte Branche steht unter einem wahnsinnigen Produktivitätsdruck", klagt Behr-Chef Flik. Hinzu kommt, dass Behrs Kunden, also DaimlerChrysler  und Co., teils drastische Preisabschläge in immer kürzeren Entwicklungszeiten fordern.

Die Stellenstreichung will der Betriebsrat indes nicht kampflos hinnehmen. 1000 Mitarbeiter stellen schon mal symbolisch einen Sarg vor dem Firmengebäude ab - "symbolisch für all die Arbeitsplätze, die in Deutschland zu Grabe getragen werden". Trotzdem: Insgesamt auf den Konzern gesehen fügt der Schlagabtausch in Deutschland dem Bild des Vorzeigeunternehmens nur kleine Kratzer bei.

Gesellschafter nicht vor Streit gefeit

Die Familie Behr mischt sich offenbar in den derzeitigen Streit nicht ein. Überhaupt wurde in den vergangenen Jahren öffentlich nur einmal über die Eigentümer gesprochen. Dafür sorgte der Clan 1996 selber. In Zeitungsartikeln konnten die Schwaben verwundert lesen, dass "Kühler-Behr" nicht mehr komplett in Familienhand sei. Mit der seligen Eintracht in der Familie war es zu diesem Zeitpunkt vorbei. Auslöser der Streitereien war die Frage, ob weiter investiert werden soll oder nicht.

In der Folge lösten zwei Gesellschafter die Bande und stiegen aus. Das Kapital blieb dennoch im Ländle. Ins Boot geholt wurde die BW-Kapitalgesellschaft, zu deren Gesellschaftern vor allem die Baden-Württembergische Bank und die Württembergische Versicherungsgruppe gehören.

Den schönen Künsten zugeneigt

"Sie sind unerhört bescheiden"

Ob die Familie Behr noch einen Schritt weitergeht und das Unternehmen vielleicht doch einmal verkauft, bleibt abzuwarten. Sicher ist hingegen, dass die meisten Eigentümer auffallend viel mit Kunst am Hut haben. Manfred Behr hat sich beispielsweise noch im hohen Alter von Andy Warhol porträtieren lassen. Das Bild hängt heute in einem der Besprechungszimmer des Konzerns.

Die meisten Mitglieder der Sippe sammeln Bilder der unterschiedlichsten Stilrichtungen. Einige der Exponate werden in öffentlichen Ausstellungen gezeigt. Keinesfalls wird dem Publikum dann allerdings der Gefallen getan, den Sammler auch öffentlich zu kennzeichnen. "Aus privater Hand" steht schlicht unter dem Kunstwerk.

Lilo Behr, die vor einem Jahr 86-jährig verstorbene Schwester von Manfred Behr, ging noch einen Schritt weiter. Sie sammelte nicht nur, sondern engagierte sich zudem im Freundeskreis der Staatsgalerie, eben jenem bedeutenden Museum Baden-Württembergs. Ein anderes Familienmitglied zeigt sich einer berühmten Stuttgarter Tanzstiftung zugeneigt.

Stärker noch als die Vorliebe für schöne Künste verbindet die Eigentümer aber vor allem die Scheu, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Direktor der Staatsgalerie Stuttgart kleidet das in die einfachen Worte: "In guter schwäbischer Art sind sie unerhört bescheiden."

Deutschland, deine Unternehmer: Alle Porträts


Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.