Akademische Lohnsklaven Jung, diplomiert, zum Schnäppchenpreis

Billige und willige, gut ausgebildete und anspruchslose Berufseinsteiger? Gibt es, en masse, frisch von der Universität. Architekten, Geisteswissenschaftler und Juristen arbeiten für 600 Euro brutto - im Monat. Als Praktikanten oder Honorarkräfte hoffen sie auf eine feste Anstellung. Doch die lässt oft lange auf sich warten.
Von Stefanie Schulte

Hamburg - Für 600 Euro Bruttogehalt schlug sich Nina Jung* die Nächte um die Ohren. In ungezählten Überstunden zeichnete die Architektin Entwürfe für Bahnhöfe, Flughäfen und Bürogebäude.

Sie hoffte auf eine Festanstellung im Architekturbüro, in dem sie als Praktikantin arbeitete, oder wenigstens Aufträge als Freiberuflerin. Doch nach sechs Monaten trat eine neue Praktikantin an ihre Stelle, und Nina Jung hatte wieder keinen Job - trotz Abschlussnote 1,5 und Semesterferien-Praktika in renommierten Büros. "Weil die Baubranche in der Krise steckt, gibt es viel zu viele arbeitslose Architekten."

Wenn es auf alle Bewerbungen nur Absagen hagelt, weichen junge Hochschulabsolventen zunehmend auf Langzeitpraktika oder Honorarverträge aus. Trotz solider Qualifikation schrauben sie ihre Gehaltswünsche herunter, in der vagen Hoffnung, irgendwann eine reguläre Stelle zu ergattern. "Prekäre Arbeitsverhältnisse haben bei Jungakademikern in den letzten Jahren stark zugenommen, auch wenn sie auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen haben als andere Bevölkerungsgruppen", bilanziert Christiane Konegen-Grenier vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Langzeitpraktika, Honorarverträge, formale Teilzeitstellen

Bereits Ende der neunziger Jahre arbeiteten nach einer Statistik der Bundesanstalt für Arbeit 10,2 Prozent der Akademiker mit Uni-Abschluss in Westdeutschland in einem "unsicheren Beschäftigungsverhältnis", in Ostdeutschland sogar 14,2 Prozent.

Harro Honolka, Geschäftsführer des Instituts Student und Arbeitsmarkt in München, vermutet, dass der Anteil seither noch gestiegen ist: "Die häufigsten Konstruktionen sind Langzeitpraktika, Honorarverträge oder formale Teilzeitstellen, die aber vom Aufgabenzuschnitt her Vollzeitjobs sind."

Die Mehrheit der akademischen Tagelöhner stellen Architekten, Geisteswissenschaftler, Juristen, Journalisten und Werbefachleute, deren Arbeitsmarkt teils konjunkturbedingt, teils dauerhaft besonders eng ist. Aber auch manche Betriebswirte hangeln sich nach dem Diplom von Praktikum zu Praktikum.

Für diesen Trend sieht Christiane Konegen-Grenier neben der schwächelnden Wirtschaft und schwarzen Schafen, die beherzt die Notlage von Absolventen ausnutzen, noch andere Gründe: "Personaler lassen sich Zeit, bevor sie sich dauerhaft für einen Bewerber entscheiden, und beschäftigen ihn lieber erst als Praktikanten." Zudem wollen immer weniger Arbeitgeber ihre Mitarbeiter mühsam anlernen, wenn sie mit wenig praktischem Wissen von der Hochschule kommen. "Absolventen müssen diese Erfahrung daher auf anderem Wege sammeln. Der eigentliche Berufseinstieg verzögert sich."

Schlosser leben besser als Juristen

Die Honorarkraft ist Anwalts Liebling

Berufserfahrung fehlt auch Nina Jung, nicht zuletzt, um die formalen Voraussetzungen für ein eigenes Architekturbüro zu erfüllen. Sie darf "erst dann in die Architektenkammer eintreten, wenn ich mindestens zwei Jahre Praxis nachweisen kann."

Bisher braucht Nina Jung für jeden Auftrag einen Architekten, der seine Unterschrift unter ihren Entwurf setzt. Im Herbst 2003 fand sie endlich eine Architektin, für die sie als Honorarkraft arbeiten konnte. "Selbst bei solchen niedrig bezahlten Jobs und Praktika ist der Andrang riesig."

Doch finanziell erwies sich die Stelle als Flop. Nina Jung erledigte zwar ihre Arbeit, bekam aber statt der vereinbarten 3000 Euro nur 900. "Die Architektin behauptete, sie habe das Geld vom Bauherrn selbst nie bekommen." Der Bauträger konnte aber nachweisen, dass er gezahlt hatte. "Trotzdem hat die Architektin schon wieder eine neue Honorarkraft", sagt Nina Jung erbost.

Schlosser leben besser als Juristen

Auch Ralf Konrad* ist der Kampf um jeden Euro vertraut. Vor drei Jahren schloss er sein Jurastudium mit der Note "befriedigend" ab - kein schlechtes Ergebnis bei Rechtswissenschaftlern. "Aber für einen Job beispielsweise im öffentlichen Dienst braucht man mindestens eine Zwei". So schlägt sich der 33-Jährige als freier Mitarbeiter in überregionalen Kanzleien durch. In seiner derzeitigen Kanzlei verdient er 600 bis 700 Euro monatlich, nachdem er die Hälfte seiner Honorare an die überregionale Rechtsanwaltsgesellschaft abgeführt hat, die Büro, Telefon und Büromaterial stellt.

Während manche seiner früheren Kommilitonen hohe Gehälter einstreichen, muss Konrad scharf rechnen. "Viele meiner Klienten sind auf Prozesskostenhilfe angewiesen. Ihnen darf ich nur sehr niedrige Honorare berechnen - beispielsweise 60 Euro für eine Mietstreitigkeit, die manchmal etliche Stunden Arbeit kostet", sagt Konrad. Vor dem Studium hat er eine Schlosserlehre absolviert und grübelt manchmal, ob er als Handwerker mehr verdient hätte. "Aber einen studierten Juristen würde niemand als Schlosser einstellen - und wie soll ich sonst die jahrelange Lücke in meinem Lebenslauf begründen?"

Auch Nina Jung bereut gelegentlich, dass sie ihr Traumfach Architektur studiert hat - vor allem im Vergleich zu ihrem Freund, mit dem sie eine Wohnung in Stuttgart teilt. "Er ist Wirtschaftsingenieur, wir haben uns an der Uni kennen gelernt. Es ist frustrierend, dass er jetzt schon viel Geld verdient, während ich oft nicht mal etwas zur Miete beitragen kann." Zeitweise konnte Nina Jung in den letzten Jahren ihren Lebensunterhalt, Kranken- und Rentenversicherung nur mit einem monatlichen Scheck von den Eltern bestreiten.

Letzter Ausweg Kleinfamilie?

Letzter Ausweg Kleinfamilie?

"Die finanzielle Abhängigkeit führt dazu, dass Akademiker immer später flügge werden", meint Helmut Winkler, Professor am Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung an der Uni Kassel.

Denn oft verlangen Eltern im Gegenzug für die finanzielle Unterstützung, dass sich der Nachwuchs nach ihren Vorstellungen richtet. Um den Absprung zu finden, sollten Hochschulabsolventen flexibler und mobiler werden und schon während des Studiums viel Praxiswissen sammeln, meint Winkler.

Vor allem junge Frauen beherzigen diesen Rat zu wenig, kritisiert Karl-Heinz Minks, Projektleiter für Absolventenforschung beim Hochschul-Informations-System (HIS). "Sie müssen lernen, ihre Karriere zu planen, Forderungen zu stellen und sich im Wettbewerb durchzusetzen."

Dazu gehöre auch, sich vor Studienbeginn besser über die Perspektiven des Faches zu informieren. Nach seiner Beobachtung sind es vor allem Frauen, die nach dem Studienabschluss lange Durststrecken als Praktikantinnen oder Honorarkräfte durchmachen. "Zieht sich diese Phase zu lange hin, wird der Kinderwunsch auf einmal ganz konkret."

Auch Nina Jung hat mit diesem Gedanken gespielt. "Eigentlich wollte ich schon immer Kinder haben", erzählt die 28-Jährige. Dennoch hat sie den Plan wieder verworfen. "Wenn ich jetzt einige Jahre lang nicht arbeite, bin ich komplett aus dem Rennen." Und gerade jetzt zeichnet sich ein Lichtstreif ab. Eine Immobiliengesellschaft, zu der Nina Jung schon im Praktikum Kontakt hatte, hat sie für ein größeres Projekt engagiert. Wenn alles klappt, wird Nina Jung bei dem neuen Großauftrag mehrere tausend Euro verdienen und zum ersten Mal finanziell auf eigenen Füßen stehen.

* Name geändert

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