Familie Benteler Krieg und Frieden

Einst bekämpften sich die Mitglieder der Industriellenfamilie Benteler verbissen. Ruhe kehrte erst mit Hubertus Benteler ein. Der besonnen und weitsichtig agierende Clanchef führte den strategisch klug aufgestellten Mischkonzern zu alter Stärke.
Von Martin Scheele

Hamburg - Ein unscheinbarer Hauptsitz im Industriegebiet von Paderborn, eine Öffentlichkeitsarbeit, die in homoöpathischen Dosen verabreicht wird: Die Benteler-Gruppe könnte man für einen Krämerladen halten, dessen Bedeutung marginal ist. Doch Vorsicht - der familiengeführte Konzern zählt zu den hundert Größten Deutschlands und rangiert in der Liste der 50 größten privaten Unternehmen Europas immerhin auf Platz 48.

Weltweit erwirtschafteten zuletzt 18.200 Mitarbeiter in 50 Werken und 34 Ländern einen Umsatz von 3,6 Milliarden Euro (2003). Stärkstes Standbein des bescheidenen Mischkonzerns ist dabei die Automobiltechnik, die für knapp zwei Drittel des Umsatzes sorgt. Der Internetauftritt der nicht börsennotierten Aktiengesellschaft lobt, ganz frei von Understatement, die Spitzenstellung dieser Sparte: Es gebe keinen größeren internationalen Automobilzulieferer, der in Familienbesitz ist.

Intrigen, Zwietracht und Misstrauen

Während diese Sparte im vergangenen Jahr brummte und erklecklichen Gewinne abwarf, stagnieren die Geschäftsbereiche wie Maschinenbau und Handel oder rutschen wie der Stahl/Rohrbereich sogar ins Minus. Das Konzernergebnis brach gegenüber dem Vorjahr sogar um zehn Prozent ein. Das versetzt die Paderborner aber keinesfalls in helle Aufregung. Der Grund für ihre Ruhe: Im Automobilbereich können Autohersteller wie DaimlerChrysler  und Co. kaum auf das technologische Know-How der Ostwestfalen verzichten. Zudem sind die anderen Geschäftsfelder klug in den Automobilbereich integriert - und die Führungsriege genießt hohe Reputation.

Das Unternehmen, das zwei Familienstämmen zu je fünfzig Prozent gehört, kennt auch ganz andere Zeiten. "Dallas in Ostwestfalen" prangte auf den Titeln der Gazetten in den frühen achtziger Jahren. Auslöser der vielfältigen Medienberichte war die dritte Familiengeneration, die damals so heftig aneinander geriet, dass ein Rechtsanwalt dem anderen die Klinke in die Hand gab. Sogar der Bundesgerichtshof musste sich mit den Auswüchsen der erbittert geführten Fehde beschäftigen.

Eher ruhig, fast schon beschaulich war die Lage noch zu Zeiten von Carl Benteler. Er legte 1876 mit einem Eisenwarenladen den Grundstein für das Unternehmen. Während die Nachfolge von der ersten auf die zweite Unternehmensgeneration noch in ruhigen Bahnen verlief, gestaltete sich der Wechsel von Eduard Benteler an seine beiden Söhne schwierig. Sehr schwierig sogar. Chefmanager Helmut Benteler traute Aufsichtsratschef Erich Benteler nicht über den Weg, und umgekehrt verhielt es sich genauso - es herrschten Intrigen, Misstrauen und Zwietracht an der Firmenspitze.

Erfolg mit der vierten Generation

Dann kam es zum Eklat: Helmut beschimpfte Erich als einen "unfähigen Aufsichtsrat", und Erich verlängerte schließlich Helmuts Vertrag als Vorstandschef nicht mehr. Die wirtschaftliche Folge: Die Umsätze sanken rapide.

Doch Helmut disharmonierte nicht nur mit seinem Bruder - auch mit seinem Sohn Rolf Peter eskalierten die Streitigkeiten. Weil der Filius nicht nur großzügig Spesen in fünfstelliger Höhe berechnete, sondern auch noch einen Spitzenposten für sich reklamierte, wurde der Störenfried kurzerhand gefeuert.

Seit 1991 ist Hubertus Benteler (58) am Ruder, Vorzeigemann der vierte Generation. Mit Erichs ältestem Sohn im Amt des Vorstandsvorsitzenden fährt das Unternehmen ganz offensichtlich gut. Benteler und negative Presse? Fehlanzeige. Das liegt nach Ansicht von Beobachtern zum großen Teil in der Person des unangefochtenen Konzernlenkers begründet, der am feinen Lyceum Alpinum im schweizerischen Zuoz die Schulbank drückte und als öffentlichkeitsscheuer Manager und bodenständiger Typ gilt.

"Hier findet kein Konzernmonopoly statt"

Seine Heimatverbundenheit mit Paderborn bringt er auch zum Ausdruck, wenn er größere Teil des Firmennachwuchs direkt aus der Nachbarschaft rekrutiert, von der Paderborner Universität. Gestiftet hat der Unternehmenspatriarch der Lehranstalt den Eduard-Benteler-Preis, mit dem die besten Absolventen des Fachbereiches Maschinentechnik ausgezeichnet werden. 100 Studierende erhalten zudem jährlich auf Unternehmenskosten ein Betriebspraktikum. Für die Verdienste wurde dem Konzernlenker die Würde eines Ehrensenators der Paderborner Universität übertragen.

Hubertus Benteler, der mit dem familienfremden Manager Siegmund Wenk die zwei Mann starke Holding der Gruppe anführt, lässt sich nicht mit den üblichem Managertypus vergleichen, für den die Rendite das Nonplusultra, das Mantra des Kapitalismus, ist. Der Tradition verpflichtet, achtet der Patriarch sehr genau auf den Betriebsfrieden und hört sich auf Betriebsversammlungen besonnen die Nöte seiner Mitarbeiter an. Ebenso passt Hubertus Benteler darauf auf, dass die vier Geschäftsfelder auch in Zukunft bestehen können und nicht gegeneinander ausgespielt werden. "Hier findet kein Konzernmonopoly statt", sagt anerkennend der zuständige IG Metall-Mann Clemens Franzen, der im Aufsichtsrat von Benteler sitzt, gegenüber manager-magazin.de.

"Die sind einfach unverzichtbar"

Gleichwohl wirft der Unternehmenschef einen scharfen Blick auf die Zahlen der Geschäftsbereiche. Formal genießen die Geschäftsbereichsleiter zwar eine große Selbstständigkeit, in der Realität wird das Treiben der zweiten Riege aber genau unter die Lupe genommen.

Immer in Blick hat Benteler dabei den nach Branchenbeobachtern "grundsoliden" Konzern, dessen Automobiltechnik in der Branche einen exzellenten Ruf genießt. Die Reputation der Sparte begründet sich darin, dass die Produkte wie Rohre für Achssysteme von Konkurrenten kaum billiger und hochwertiger hergestellt werden. Und während andere Automobilzulieferer von Autoherstellern stark unter Druck gesetzt werden, was Preise und Liefermenge angeht, ist Benteler kaum angreifbar. "Die sind nicht nur in der Automobiltechnik einfach unverzichtbar", sagt IG Metall-Mann Franzen.

Fraglich ist aber, ob die von Großkonzernen wie Siemens  oder DaimlerChrysler  angestoßene Debatte über Arbeitszeitverlängerung und Verlagerung von Betriebsteilen auch das bodenständige Unternehmen Benteler erreicht und Unruhe in die Betriebe bringt. Zurzeit ist eine Verlagerung von Betriebsteilen ins Ausland aber offenbar kein Thema.

Viel eitel Sonnenschein also in Paderborn, die skandalträchtigen Zeiten der Benteler-Sippe gehören längst der Vergangenheit an. Oder hat der gegenwärtige Unternehmenserfolg nur mit der Generationenfolge zu tun? "Wenn ein Familienunternehmen die dritte Generation überlebt, dann geht es auch weiter gut", sagte in Anspielung auf den Wirtschaftshistoriker Gustav von Schmoller der ehemalige Aufsichtsratschef von Benteler, Klaus Kuhn. Bentelers bewegte Unternehmensgeschichte untermauert diese These.

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