Zeitmanagement Flüchtiger Luxus

Jung, erfolgreich, gut verdienend - es gibt ihn noch, den erfolgreichen Nachwuchs in den Führungsetagen. Doch der Handel profitiert nicht von der überquellenden Kaufkraft. Denn Manager haben einen vollen Terminkalender, und so sind die Profiteure der Zeitarmut nicht Cartier und Gucci, sondern Aldi, Amazon und Lidl.

Nürnberg - Junge Manager mit ihren Familien sind de perfekte Zielgruppe für den Handel, könnte man meinen. Doch tatsächlich tragen kaufkräftige Verbraucher unter 40 Jahren nicht viel dazu bei, den Konsum in Deutschland anzukurbeln.

Ihr Problem: Zeitmangel. 36 Prozent der Bürger gehören zu den "Zeitarmen", ergab eine Studie des Marktforschers GfK, die am vergangenen Freitag in Nürnberg vorgestellt wurde. Nur 27 Prozent - überwiegend Rentner - werden dagegen zu den "Zeitreichen" gezählt - der Rest bewegt sich in der Mitte.

Es sind die Jüngeren und dabei insbesondere die Frauen, die über Zeitstress klagen. "Die Zeitnot scheint weiblich zu sein", sagte die Marketingexpertin Christa Wehner. "Kinder und Karriere lassen vielen Frauen zeitlich besonders wenig Spielraum."

Zeitspar-Srategien: Die Qual der Wahl

Denn bei den "Zeitarmen", so ergab die Befragung von rund 2000 Bürgern, sind Frauen mit 58 Prozent klar in der Mehrheit. Nur jede Zehnte ist Single, 60 Prozent haben Kinder, aber nur 17 Prozent sind ausschließlich Hausfrauen.

Um das steigende Tempo des Alltagslebens zu bewältigen, entwickeln die "Zeitarmen", die als besonders ungeduldig und perfektionistisch gelten, eigene Zeitspar-Strategien.

Außerordentlich lästig ist ihnen das Beschaffen der Alltagsprodukte. Sie kaufen stärker auf Vorrat ein und erwerben mehr Fertiggerichte. Dem Spruch "Wer die Wahl hat, hat die Qual" stimmen rund drei Viertel aller Gehetzten zu. "Die Leute haben keine Lust, aus einem zehn Meter langen Jogurt-Regal einen auszuwählen", sagte Wehner.

Aldi und Lidl profitieren

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"Schlaf ist reine Zeitverschwendung"

Profiteure des Zeitstresses seien daher besonders Discounter wie Aldi und Lidl. "Dort gibt es zwei Sorten Jogurt. Das finden die meisten Leute völlig ausreichend." Auch ein Parkplatz vor der Türe ist für die "Zeitsparer" ein wichtiges Kriterium, ebenso die schnelle Abfertigung an der Kasse.

Um Zeit zu sparen, wird auch weniger geschlafen. "Schlaf ist für manchen offenbar reine Zeitverschwendung", sagte Wehner. Bei fast jedem zweiten "Zeitarmen" klingelt bereits nach weniger als sechs Stunden Nachtruhe wieder der Wecker.

Die klaren Gewinner in der Konkurrenz um Zeit und Aufmerksamkeit seien dagegen die Medien. "Man könnte auch sagen, sie seien mit schuld an der zunehmenden Zeitnot." Besonders das Internet werde intensiv genutzt, zum ausgiebigen Fernsehen bleibe allerdings nur am Wochenende Zeit.

Online werben

Für die Werbung bedeutet das: Sie muss mit neuen Strategien auf das gewandelte Einkaufs- und Medienverhalten reagieren. "Werbung, die Verbraucher mit höherem Einkommen, aber knappem Zeitbudget erreichen will, muss ihnen dorthin folgen, wo sie sich aufhalten", sagte der Geschäftsführer der Münchner Agentur Serviceplan, Peter Haller, auf der GfK-Tagung.

Er empfahl mehr Online-Werbung, denn da der zeitknappe Verbraucher während der Woche weniger fernsehe und häufig unterwegs sei, erreichten ihn die TV-Werbebotschaften nur selten.

Stephan Maurer, dpa

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