Management Toptalent auf Abruf

Viele Unternehmen, die ihre Abteilungen rigoros verkleinert haben, können wichtige Projekte nur noch mit externer Verstärkung meistern. Selbstständige, gut vernetzte Spezialisten bieten ihre Dienste an: Interimsmanager sehen sich als Alternative zu Unternehmensberatern.

Hamburg/Zürich - Sandro Cornella blieben drei Wochen Zeit. Der Kunde, ein Private-Equity-Unternehmen aus den USA, stand kurz vor dem Einstieg in eine europäische Medienfirma. Anwälte und Buchprüfer des Kunden arbeiteten bereits auf Hochtouren. Bevor der Deal festgezurrt wurde, sollte das Objekt der Begierde noch einmal strategisch durchleuchtet werden.

Wie sieht es mit der Konkurrenz aus, wie wird sich die Beteiligung mittelfristig entwickeln? Um diese Fragen zu beantworten, brauchte das "Deal-Team" Verstärkung - man arbeitete auf einen "knowledge peak" hin, wie es vornehm im Beraterjargon heißt. Zeit, um einen zusätzlichen Spezialisten zu mieten: "Ich habe geholfen, eine Kapazitätslücke zu schließen", sagt Cornella.

Einen Spezialisten auf Abruf, einen "Manager on demand" an Unternehmen zu vermitteln, darauf hat sich das Schweizer Unternehmen a-connect spezialisiert. Der 36-jährige selbständige Berater Cornella griff während des Einsatzes auf sein eigenes Netzwerk sowie auf die Vor- und Zuarbeiten von a-connect zurück: Zwei von a-connect vermittelte Miet-Manager tauschten täglich Informationen mit dem Deal-Team des Kunden aus, verstärkten dessen Mannschaft - und verabschiedeten sich, als der Job erledigt war.

Nachfrage steigt

Der Einsatz der Interimsmanager oder "Independent Professionals" (IPs), wie a-connect sie nennt, macht Schule. In Deutschland meldet das Personalmanagement-Unternehmen Zetesis steigenden Bedarf. Die in der Schweiz basierende a-connect eröffnet bis Ende 2004 Büros in USA, China und Deutschland.

Nicht nur der Kostendruck treibt Unternehmen dazu, hoch bezahlte Führungskräfte nur für begrenzte Zeit zu mieten. Auch die sich rasch verändernden Anforderungen verleiten dazu, das fest angestellte Team klein zu halten und je nach Bedarf mit wechselnden Spezialisten zu verstärken.

"Spezialisten sind schwer zu finden und auf Dauer kaum zu bezahlen", sagt der langjährige McKinsey-Partner Nils Hagander, der mit Hanne de Mora vor zwei Jahren a-connect gegründet hat. Beide setzen auf das Geschäftsmodell "talent on demand": Der kurzfristige Einsatz selbstständiger Spezialisten könne für Unternehmen eine Lösung sein, die sich nicht für jede denkbare neue Aufgabe eine fest angestellte Fachkraft leisten wollen. "Manager auf Abruf arbeiten projektbezogen und bringen zusätzliche Kenntnisse in die Firma", sagt Hagander. Das Unternehmen stärke seine Kompetenz und zahle dafür nur so lange, wie es die Verstärkung braucht.

"Talent ist liquider geworden"

Hoch qualifizierte Einzelkämpfer

a-connect sieht sich dabei als Bindeglied. Das Unternehmen wählt geeignete IP's nach strengen Kriterien aus, bindet diese in ein Netzwerk ein und übernimmt die Akquisition von Aufträgen. Die Kunden können über die Kontaktstelle des Unternehmens auf einen Pool von Fachleuten zurückgreifen: Aus 1000 Bewerbern hat a-connect bislang 130 "Independent Professionals" ausgewählt.

Die Spezialisten auf Abruf sind meist hoch qualifizierte Einzelkämpfer. Für die Kunden bedeutet dies weniger Kosten, doch gleichzeitig fehlt dem einzelnen Independent Professional der Zugriff auf Wissen und Serviceleistungen.

Diese Lücke will a-connect schließen, indem das Unternehmen "seine" IPs mit Diensten für Recherche, Analyse, Grafik und Präsentation unterstützt. a-connect lege Wert darauf, dass ihre Schützlinge sich auch qualitativ weiterentwickeln - was Kunden, IP wie langfristig auch dem Vermittler nützt. "Die vermitteln nicht nur, sie pflegen auch", sagt Cornella.

Personalabbau hat Spuren hinterlassen

Kurzeinsätze von drei Wochen sind jedoch die Ausnahme. Der selbstständige Spezialist Daniel Ilar zum Beispiel blieb ein halbes Jahr beim Kunden, nachdem er zunächst zwei Monate lang einen Strategie-Workshop für ein europäisches Telekomunternehmen vorbereitet hatte.

"Man war der Ansicht, dass ich das Team noch länger verstärken könnte", sagt Ilar. Der 38-jährige Strategieberater schätzt die Situation, als professioneller "Einzelkämpfer" in ein Projekt eingebunden zu sein, ohne gleichzeitig ein Unternehmensberaterteam koordinieren zu müssen. "Ich bin dem Projekt und dem Kunden verpflichtet, aber sonst mein eigener Chef", sagt Ilar.

Der rasche, oft hektische Auf- und Abbau in den Unternehmensabteilungen sowie die Kündigungswellen haben Spuren hinterlassen. Viele Manager und Spezialisten wurden selbstständig, weil sie ihre Ziele wegen der unsicheren Wirtschaftslage nicht oder nur zögerlich verwirklichen konnten. Andere wurden trotz bester Qualifikation Opfer des Stellenabbaus. Die Vorstellung, sich ein Leben lang an ein Unternehmen zu binden, erscheint nur noch wenigen der Independent Professionals interessant. Sie sehen sich in erster Linie dem Erfolg ihrer Projekte und ihren individuellen Zielen verpflichtet. "Talent ist liquider geworden", sagt Ilar.

Nichts für Einsteiger

Nichts für Einsteiger

Manager auf Abruf genießen weniger Sicherheit, dafür aber mehr Freiheit. Überzeugte Independent Professionals wie Ilar und Cornella arbeiten außerdem in ihren eigenen Unternehmen; ihre Einsätze über a-connect sehen sie als Ergänzung. Sie schätzen die Flexibilität, die der Projekteinsatz mit sich bringt: "Ich kann auf hohem Niveau bei verschiedenen Unternehmen arbeiten, aber auch einige Monate des Jahres für eigene Vorhaben nutzen", sagt Ilar. Wichtig sei für ihn, dass er als Leih-Manager Kontakte und operative Erfahrung hinzugewinnt. Er bleibt Teil des Netzwerkes, testet seine Kenntnisse und lernt weitere Spezialisten kennen.

Als Sprungbrett für Berufseinsteiger eignet sich a-connect jedoch nicht. Ein Abschluss an einer erstklassigen Universität, häufig ein MBA sowie langjährige Managementfunktion sind Voraussetzungen. Gefragt sind Professionals mit einigen Jahren Berufserfahrung und genug Kontakten, um ein Projekt bei Bedarf auch binnen weniger Wochen durchzuziehen. Für lange Einarbeitung haben die IPs keine Zeit.

Verstärkung auf Abruf, keine Sozialleistungen sowie ein bequemer Abschied nach Beendigung des Projekts: Dies gilt für Independent Professionals wie für herkömmliche Unternehmensberater. Vermittler selbstständiger Spezialisten konkurrieren inzwischen immer häufiger mit gestandenen Unternehmensberatungen, zumal beide auch kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) als Zielgruppe entdeckt haben.

Die Vermittler sehen sich im Kostenvorteil: "Bei uns fallen weniger Overhead-Kosten an, und wir können mit dem Einsatz einzelner Professionals flexibler agieren", sagt Hagander.

Die Vorteile der externen Berater

Kleinere Unternehmen und Start-ups müssen zudem häufig ehrgeizige Projekte mit überschaubaren Projektbudgets vereinbaren. "Ein, zwei Externe sind da leichter hineinzubekommen als ein Unternehmensberaterteam", berichtet Daniel Ilar. Als Miet-Manager sei er aus eigener Erfahrung "näher dran" am Unternehmen. Er stünde dem Kunden nicht nur beratend zur Seite, sondern beteilige sich auf Unternehmensebene direkt an der Lösung des Problems.

"Unternehmen haben bislang zusätzliche Aufgaben an Beratungen outgesourct. Wir geben unseren Kunden die Möglichkeit, das Projekt selbst zu bewältigen, indem wir zusätzliche Kenntnisse und Kapazitäten hineinbringen", wirbt a-connect-Gründer Hagander für seinen Ansatz. Zudem kommen große Beraterfirmen meist in Dreier-Teams, das heißt ein erfahrener Berater bringt zwei jüngere mit. "Bei großen, komplexen Strategieprojekten kann diese Kombination aus Coaching und Teamarbeit auch sinnvoll sein", meint der ehemalige McKinsey-Mann.

Nicht nur die Zahl der frei verfügbaren Spezialisten ist gestiegen. Auch der Druck auf Unternehmen, ihre Mitarbeiterstäbe klein zu halten, bleibt groß. Zahlreiche Konzerne haben in den vergangenen Jahren ihre Beratungs- oder Strategieabteilungen von mehr als 100 auf 20 bis 30 Leute eingedampft. Trotz anziehender Konjunktur ist die Bunker-Mentalität geblieben, selbst in den USA wächst die Zahl neuer Jobs nur zaghaft. Kaum jemand plant, im großen Stil wieder einzustellen.

Ein weites Feld für Miet-Manager: Bis zum Jahr 2010 würden große Unternehmen 20 bis 30 Prozent ihrer Spezialisten von Fall zu Fall mieten, statt sie anzustellen, schätzt Hagander. Vor allem die sich rasch verändernden Anforderungen in den Unternehmen bestärken ihn in seiner Prognose: Jemand, der gestern ein Projekt zum Erfolg geführt hat, muss für ein neues Projekt nicht unbedingt erste Wahl sein. Den langjährigen Mitarbeitern droht verstärkt Besuch von außen.

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