Siemens Kleinfeld beerbt von Pierer 2005

Der Siemens-Chef will seinen Posten zur nächsten Hauptversammlung im Januar kommenden Jahres abgeben. Heinrich von Pierer geht damit früher als erwartet. Noch in diesem Jahr wird die Organisationsstruktur des Konzerns grundlegend geändert.

München - Pierer werde nach seinem Abgang den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen, kündigte Siemens  heute an. Pierers Vertrag wäre eigentlich mit Ende des Geschäftsjahres zum 30. September dieses Jahres ausgelaufen.

Er hatte aber bereits angedeutet, dass er den Vertrag noch einmal verlängern wolle. In Branchenkreisen war damit gerechnet worden, dass er bis zur Hauptversammlung 2006 weitermacht. Nun hört der langjährige Vorstandschef bereits ein Jahr früher auf. Nachfolger von Pierers soll Klaus Kleinfeld werden. Bisher ist Kleinfeld für die Sparte I&C (Information and Communication) verantwortlich. Mit seiner Handyproduktion gilt I&C als schwierigste Sparte des Konzerns.

Der 46-Jährige solle zum 27. Januar 2005 den Vorstandsvorsitz übernehmen und bereits Anfang kommenden Monats Stellvertreter von Konzernchef von Pierer werden. Dessen Vertrag soll bis zum 27. Januar verlängert werden. An diesem Tag, an dem die Siemens-Hauptversammlung stattfindet, soll auch vorgeschlagen werden, von Pierer in den Aufsichtsrat zu wählen.

Von Pierer soll im Kontrollgremium den Vorsitz übernehmen, kündigte Siemens weiter an. Dort wird er Karl-Hermann Baumann ablösen, der dann mit Erreichen des 70. Lebensjahres die hausinterne Altersschwelle überschritten hat. Mit dem Wechsel an der Konzernspitze leite Siemens die lange erwartete Verjüngung ein, hieß es weiter.

Kleinfeld hatte sich vor allem während seiner Zeit als US-Statthalter für den Posten qualifiziert. Nach Einschätzung von Pierers hat der promovierte Betriebswirt seine Amerika-Mission mit Bravour erfüllt und damit einen Markt in Ordnung gebracht, auf dem Siemens mehr Umsatz erzielt als in Deutschland.

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Als Kleinfeld das Ruder 2002 übernahm, werkelten die rund 70.000 Mitarbeiter in über 100 Tochtergesellschaften, 24 Firmenteile schrieben rote Zahlen. Kleinfeld koordinierte die Organisation und straffte das Management - erfolgreich, wie sich zeigte. Heute sind gerade noch fünf Siemens-Töchter in der Verlustzone. Der Konzern erwirtschaftet mit zuletzt 16,6 Milliarden Dollar mehr als ein Fünftel seines Umsatzes in den USA.

Neue Struktur für den Vorstand

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Ferner werde der Siemens-Vorstand ebenfalls zum 1. Oktober eine neue Struktur erhalten. Er soll aus neun Mitgliedern bestehen, teilte Siemens weiter mit.

Thomas Ganswindt und Rudi Lamprecht werden für den Zentralvorstand vorgeschlagen und dort den designierten Vorstandschef Kleinfeld, Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger, Personalvorstand Jürgen Radomskis sowie Johannes Fendmayer, Uriel Sharef, Edward Krubasik und Klaus Wucherer ergänzen.

Außerdem legt Siemens seine Mobilfunk- und Festnetzsparten zusammen. Die Fusion der Handysparte ICM und des Festnetzbereichs ICN erfolge zum 1. Oktober, teilte Siemens mit. Die Leitung übernehme Lothar Pauly, derzeit Bereichsvorstand bei ICM.

Der ICM-Vorsitzende Lamprecht sei künftig unter anderem für die Betreuung der Region Afrika und Naher und Mittlerer Osten zuständig. ICN-Chef Ganswindt dagegen verantwortet das Arbeitsgebiet Information und Kommunikation, das bisher der künftige Siemens-Chef Kleinfeld führte. Die Zusammenlegung der Telekommunikations-Bereiche ist eine der größten Umstrukturierungen in den vergangenen Jahren.

Heinrich von Pierer - ein Siemens-Urgestein

Seine Laufbahn begann von Pierer 1969 als Syndikus in der Rechtsabteilung. 1977 wechselte er zur Siemens-Tochter Kraftwerk Union (KWU), bei der er von kaufmännischer Seite Großprojekte betreute. Nachdem die KWU 1987 im Siemens-Konzern aufgegangen war, wurde der promovierte Jurist und diplomierte Volkswirt 1988 kaufmännischer Leiter für den gesamten Geschäftsbereich Kraftwerke.

1991 wurde von Pierer zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden ernannt. Schneller als erwartet musste er in die erste Reihe treten. Nachdem sich der damalige Siemens-Chef, Karlheinz Kaske, Anfang 1992 einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen hatte, vertrat von Pierer - mit beachtlichem Erfolg - seinen Chef, bis er im Oktober 1992 dann auch offiziell zum ersten Mann bei Siemens ernannt wurde.

Aus seiner politischen Heimat hat von Pierer nie ein Geheimnis gemacht. Von 1972 bis 1990 saß er für die CSU im Erlanger Stadtrat und scheiterte Anfang der Siebziger nur knapp an einer Bundestagskandidatur. Neben seinem Job als Siemens-Chef stand er Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl viele Jahre als einer der engsten Berater zur Verfügung.