Chantal Grundig Die "eiskalte Witwe"

Sie versüßte dem alten Max Grundig seine letzten Lebensjahre, er dankte es ihr mit einem gigantischen Erbe. Heute lebt Chantal Grundig zurückgezogen auf ihrem Gut in Südfrankreich. Der Grundig-Betriebsrat, der dem Untergang des Elektronikkonzerns ohnmächtig zusehen musste, nimmt der Witwe ihre Tatenlosigkeit noch heute übel.
Von Christian Keun und Karsten Langer

Hamburg - Ob sie wohl sehr leide, fragte die "Bunte" vor einigen Jahren mitfühlend. Ist gar die Scheidung schon eingereicht? Die aufrichtige Sorge der Münchener Promi-Postille galt dem Befinden von Chantal Grundig, geborene Rubert, der Witwe des 1989 verstorbenen Industriellen Max Grundig.

Nach achtjähriger Ehe hatte sich die inzwischen 55 Jahre alte Französin soeben von Ehemann Nummer drei getrennt, dem auf Herzen spezialisierten Mediziner Günther Dietze, dereinst Leibarzt des verstorbenen Gatten. Dietze hatte als Chefarzt in der zum Grundig-Imperium gehörenden Klinik Bühler Höhe in Baden-Baden gearbeitet. Nach der Trennung trennte sich auch die Klinik vom Ex-Gatten der Grundig-Witwe. Seelentrost galt es also zu spenden. Im Übrigen ist Chantal Grundig rundum exzellent versorgt.

Ihren Alltag verbringt sie dem Vernehmen nach wahlweise in einer ihrer herrschaftlichen Baden-Badener Villen oder auf einem weitläufigen Anwesen in Südfrankreich. Hier wie dort bemüht sich Hauspersonal, Frau Grundig dienstbar zu sein. Beruflichen Verpflichtungen indessen geht die gelernte Hotelfachfrau nicht nach, auch durch anderweitiges Engagement tritt sie öffentlich eher selten in Erscheinung. Zuletzt durfte sich das Behindertenprojekt "Lagune 2000" der ehemaligen alpinen Rennläuferin Christa Kinshofer über eine Spende von Frau Grundig freuen.

Der finale Coup des "alten Max"

Dass sie ein Leben voller Annehmlichkeiten führt, verdankt die Dame des Hauses ihrem zweiten Ehegatten Max Grundig. In erster Ehe war sie mit dem Bergbauer Jean-Louis Girard verheiratet. Ende der 60er Jahre diente sie sich der Familie als Gesellschafterin und Französischlehrerin für Grundigs damalige Frau Anneliese an. 1980 war sie vom Hausherrn schwanger. Der ließ sich prompt scheiden, um seine 42 Jahre jüngere Geliebte zu heiraten.

Nach dem Tod des Patriarchen gehörten Madame Grundig und die Töchter Valerie und Maria-Alexandra zu den ersten Begünstigten. Presseberichten zufolge soll der Senior seinen Erben ein Vermögen von geschätzten fünf bis sechs Milliarden Mark vermacht haben. Außerdem profitierten sie reichlich vom letzten grandiosen Deal, mit dem Max Grundig die Schäfchen seiner Sippe ein für allemal ins Trockene gebracht hatte.

Ende der 70er Jahre, als Grundigs internationaler Elektronikkonzern sowohl durch Missmanagement als auch wachsende Konkurrenz aus Fernost zunehmend unter Druck geriet, diente der Gründer sein Unternehmen dem Philips-Konzern an. Die Niederländer griffen zu. 1979 stiegen sie mit einer Minderheitsbeteiligung von 24,5 Prozent ein. Fünf Jahre später kauften sie Grundig weitere 7 Prozent seiner Anteile ab - unternehmerische Führung inbegriffen beim schon seit geraumer Zeit nicht mehr profitablen Hersteller von Fernsehern und anderer Unterhaltungselektronik.

Verweserin der Grundig-Interessen?

Verweserin der Grundig-Interessen?

Für ihr Engagement zahlten die Philips-Manager einen hohen Preis. Im Gegenzug für das erste Aktienpaket überließen sie einer 1970 von Max Grundig ins Leben gerufenen gleichnamigen Stiftung rund 6 Prozent der Philips-Papiere. Ihr Wert: etwa 600 Millionen Mark.

Ferner verpflichteten sich die Niederländer, der Familienstiftung 20 Jahre lang eine Garantiedividende in Höhe von 45 Millionen Mark per anno zu überweisen, ganz gleich, ob bei Grundig Gewinne oder Verluste anfallen würden. Und schließlich vereinbarten sie, die restlichen Grundig-Anteile gegen Zahlung von 540 Millionen Mark übernehmen zu dürfen.

Nutznießerin all dieser lukrativen Abreden ist die Max-Grundig-Stiftung. Deren Satzung versucht erst gar nicht, den Anschein von Gemeinnützigkeit zu erwecken. Klipp und klar ist festgelegt, dass Stiftungszweck "die Wahrung und Förderung gemeinsamer Interessen der Angehörigen der Familie Grundig" ist. Über die Einhaltung dieser Vorschrift wacht seit Max Grundigs Tod niemand anders als seine Witwe Chantal.

Eine Gewerkschaft beißt auf Granit

Als der Grundig-Konzern auch Mitte der 90er Jahre seine Talfahrt ungebremst fortsetzte, Maßnahmen zur Sanierung partout nicht greifen wollten, Arbeitsplätze in Nürnberg und Fürth dahin schmolzen wie Butter an der Sonne, rechnete es die Stiftungsvorsitzende nicht zum Familieninteresse, einen finanziellen Beitrag zu leisten.

1945 begann es mit dem Röhrenmessgerät Novatest bei Grundig.

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Foto: Grundig
Mit der Einführung der Ultrakurzwelle in Deutschland bringt Grundig 1950 den Radioempfänger 380 W auf den Markt.

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Foto: Grundig
1953 kommt mit dem 998 Mark teuren Fernsehempfänger 610 erstmals ein erschwingliches Gerät auf den Markt.

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Foto: Grundig
1955: Der Musikschrank 7080 W3 D, wegen seiner Füße "schräger Max" genannt, vereinigt Radio und Plattenspieler.

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Foto: Grundig
Der Tonbandkoffer TK830 wird 1958 der "Hit des Jahres". Er kostete 965 Mark.

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Foto: Grundig
Für den Urlaub 1963: Der Weltempfänger Ocean Boy mit drei Kurzwellenbereichen

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Foto: Grundig
Foto: [M]PR;mm.de
1964: Mit Einlochbandmagazin und Folien-Tonträger hat das neue elektronische Notizbuch EN 3 insgesamt 44 Minuten Aufnahmekapazität.

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Foto: Grundig
1967 startet des Farbfernsehen in Deutschland. Passend dazu präsentiert Grundig unter anderem den T 1000 Color.

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Foto: Grundig
1968 kommt von Grundig der HiFi-Stereo-Verstärker SV 140 mit eingebauten Equalizer auf den Markt. Er kostet damals 1245 Mark.

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Foto: Grundig
1972: Die Kompaktanlage Studio 2000 Hi-Fi 4D-Stereo erscheint in einer Slimline-Optik.

1972: Die Kompaktanlage Studio 2000 Hi-Fi 4D-Stereo erscheint in einer Slimline-Optik.

Foto: Grundig
1976 wird der Begriff Receiver (für Radio und Verstärker in einem Gerät) eingeführt. Bei Grundig trägt der HiFi-Receiver 50 als erster diesen Namen.

1976 wird der Begriff Receiver (für Radio und Verstärker in einem Gerät) eingeführt. Bei Grundig trägt der HiFi-Receiver 50 als erster diesen Namen.

Foto: Grundig
Die HiFi-Aktiv-Box 50 Professional erscheint 1978. Sie hat einen integrierten Verstärker und schafft 120 Watt Nennleistung.

Die HiFi-Aktiv-Box 50 Professional erscheint 1978. Sie hat einen integrierten Verstärker und schafft 120 Watt Nennleistung.

Foto: Grundig
Mit Video 2000 kommt 1981 ein neuer Standard bei Heimvideorecordern heraus. Die Wendekassette löst schnell die SVC-Kassetten ab. Das System war nach verschiedenen Tests dem gleichzeitig erscheinendem VHS-System überlegen - das sich aufgrund der Marktmacht der Anbieter aber trotzdem durchsetzte.

Mit Video 2000 kommt 1981 ein neuer Standard bei Heimvideorecordern heraus. Die Wendekassette löst schnell die SVC-Kassetten ab. Das System war nach verschiedenen Tests dem gleichzeitig erscheinendem VHS-System überlegen - das sich aufgrund der Marktmacht der Anbieter aber trotzdem durchsetzte.

Foto: Grundig
1983 noch Telefonbeantworter genannt: Der Teleboy 1000 für den Privatmann.

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Foto: Grundig
1995 als revolutionäres Sound-System gefeiert: Space Fidelity "erzeugt Raumklang unabhängig von Standort des Zuhörers", versprach Grundig.

1995 als revolutionäres Sound-System gefeiert: Space Fidelity "erzeugt Raumklang unabhängig von Standort des Zuhörers", versprach Grundig.

Foto: Grundig
Seit 1999 kann man bei Grundig MP3 auch mobil hören: Der MPaxx-Walkman.

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Foto: Grundig


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Wiederholte Bitten von Arbeitnehmervertretern, Frau Grundig möge vielleicht einmal auf ihre jährliche Apanage verzichten und so dem galoppierenden Stellenabbau entgegenwirken, ignorierte sie geflissentlich. Alle Vorstöße, "die eiskalte Witwe", so der Nürnberger IG- Metall-Bevollmächtigte Gerd Lobodda, dazu zu bewegen, ihre Tantiemen "investiv bei Grundig einzusetzen", blieben erfolglos.

Chantal Grundig schweigt

Der Niedergang einer Nachkriegslegende

Die Gewerkschaft hatte der "Süddeutschen Zeitung" zufolge sogar den ehemaligen Krupp-Bevollmächtigten und Freund von Max Grundig, Berthold Beitz, für einen Vorstoß bei Chantal Grundig gewinnen können. "Aber auch Herr Beitz hatte keinen Erfolg und bat uns schließlich, ihn nicht mehr in der Angelegenheit zu bemühen", berichtete Lobodda damals.

Seit 1997 braucht kein Grundig-Werker mehr in Harnisch zu geraten ob solch feudaler Attitüde. Chantal Grundig hatte sich endgültig aus dem Unternehmen zurückgezogen - und ein letztes Mal abkassiert. Schätzungsweise 450 Millionen Mark legte Philips auf den Tisch des Hauses, um der Dame auch ihre restlichen Unternehmensanteile abzukaufen. Die Eigentumsverhältnisse waren endlich abschließend geordnet - solide Ausgangsbasis für eine umfassende, Erfolg versprechende Restrukturierung der Firma, wie man glaubte.

Doch weit gefehlt. Monat für Monat drangen aus dem Grundig-Konzern vorwiegend Hiobsbotschaften an die Öffentlichkeit. Der Turnaround wurde zwar immer mal wieder avisiert. Doch die Verluste stiegen, das Eigenkapital schrumpfte, die Suche nach einem finanzstarken Partner für das Not leidende Unternehmen gestaltete sich schwieriger als erhofft.

Chantal Grundig schweigt

Im Juli 2003 schließlich begann nach diversen gescheiterten Rettungsversuchen das Insolvenzverfahren. 500 der zuletzt rund 1300 Mitarbeiter sicherten den Fortbestand des Geschäftsbetriebs, 700 Beschäftigte wechselten in eine Auffanggesellschaft, 100 Lehrlinge wurden weiter ausgebildet. In seinen besten Zeiten hatten 40.000 Menschen für den Konzern aus Franken gearbeitet.

Ende Januar 2004 räumt der letzte Vorstandssprecher Werner Saalfrank seinen Posten. Sein Job ist erledigt, die Reste des ehemaligen deutschen Elektronikriesen sind abgewickelt.

Und was macht Chantal Grundig, die zumindest dem Namen nach mit dem maladen Unternehmen verbunden ist? Die Erbin tut, was dem Sinnspruch nach Gentlemen zu tun pflegen: sie schweigt. Schweigt, als die Pleite droht, schweigt, als es Grundig nicht mehr gibt. Selbst als Ende vergangenen Jahres Meldungen durch die Gazetten geisterten, Georgiens Ex-Präsident Eduard Schewardnadse hätte ihre Luxusvilla am Annaberg gekauft, sind der Grundig-Erbin keine Worte zu entlocken.

An ihrer statt äußerte sich Tochter Valerie Lauda: "Wir sind bestürzt und fühlen mit den 3500 Mitarbeitern, die nun um ihre Existenzen bangen müssen", sagte die Grundig-Tochter im April 2003 gegenüber der "Welt am Sonntag". Für den Niedergang des Unternehmens sei ihre Mutter nicht verantwortlich: "Verkauft ist verkauft, mein Vater hat gewusst, warum."

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