Familie Müller Droge Drogerie

Anfangs noch Friseur stieg Erwin Müller bald zu einem der größten Drogerie-Mogule Deutschlands auf. Nachdem er um ein Haar gescheitert wäre, lernte er, nur noch einer Person zu vertrauen: sich selbst. Heute hat der 71-Jährige Schwierigkeiten, von der Macht zu lassen.
Von Martin Scheele

Hamburg - Es sind Unternehmerfamilien, die Deutschlands erfolgreichste Drogerieketten führen. Allen voran Branchenprimus Schlecker mit seinem unerbittlichen Antreiber Anton Schlecker und dessen härteste Rivalen Rossmann aus Hannover sowie DM mit Gründer Götz Werner aus Karlsruhe. Und nicht zu vergessen: die Müller-Handelskette, die sich in Süddeutschland ausgedehnt hat.

Fast allen ist gemein: Die Drogeriedynastien sind nicht von der Krankheit familiengeführter Unternehmen schlechthin, dem offenen Streit unter den Mitgliedern, infiziert. Mit einer Ausnahme - der Müller-Handelskette. Unternehmenschef Erwin Müller und sein Sohn Reinhard beharken sich ganz offensichtlich schon seit Monaten.

Aktuell scheint es fast so, als wolle der Senior den Junior aus dem Unternehmen drängen. Zumindest, das steht fest, hat Erwin die Einflussmöglichkeiten von Reinhard stark eingeschränkt. Der Vater hat dafür einfach aus seiner Müller GmbH & Co. KG eine in London ansässige Müller Ltd. & Co. KG gemacht. Dort sind zwar beide als Geschäftsführer eingetragen, aber die Müller Management Ltd. nimmt den Platz als Komplementär ein, den bislang Sohn Reinhard innehatte. Die Änderung auf Komplementärsseite verhilft dem Vater, wieder voll durchgreifen zu können.

"Ulmer Figarostreit" machte die Runde

Die Eskalation der ernsthaften Reibereien, zu denen sich weder der Patriarch noch der Filius gegenüber manager-magazin.de äußern wollen, zeigt eines deutlich: Der 71-Jährige will offensichtlich das Zepter der Macht nicht aus der Hand geben. Dabei geht er keinem Streit aus dem Weg. Das zeigen einige Beispiele aus der Vergangenheit, die Müller senior selten zum Vorteil gereichten.

Gleich zu Beginn seiner Karriere, als der gebürtige Bayer ins Friseurhandwerk einstieg, machte die Posse um den "Ulmer Figarostreit" die Runde. Damals lag Müller senior im Clinch mit der Friseur-Innung. Der nichtige Anlass bestand darin, dass Müller seinen Coiffeursalon entgegen der Absprachen in der Münster-Stadt partout auch montags öffnen wollte. Das Ergebnis: Müller wurde aus der Innung ausgeschlossen.

Der beruflichen Karriere als Drogist tat der Streit keinen Abbruch. Bald darauf wurde Hugo Mann, der Gründer der SB-Warenhauskette Wertkauf, auf den "Rebell von Ulm" aufmerksam. Mann suchte für seine Warenhäuser noch einen Konzessionär für den Bereich Friseur/Parfümerie. Und Müller schien ihm offenbar der passende Aspirant. 1968 - etwa zeitgleich zum Start der ersten Rossmann- und DM-Märkte - eröffnete Müller sein erstes Geschäft in einem Wertkauf-Haus.

Unruheherd, Energiebündel und Genießer

Ein Schlüsselerlebnis aus dieser Zeit sollte sein Handeln bis heute prägen. Eines der Wertkauf-Center fiel einem Feuer zum Opfer. Müller stand kurzzeitig vor dem Ruin, die Banken zeigten sich nicht gewillt, ihm aus der Patsche zu helfen. Müller zog aus der leidigen Erfahrung mit den Geldinstituten die Lehre, dass er sich auf nichts und niemanden verlassen dürfte. Auf die Frage, wie er sein Imperium mit heute 400 Filialen, 1,7 Milliarden Euro Umsatz und 16.000 Angestellten ohne Fremdkapital hochpäppelte, sagte er der "Südwest Presse": "Arbeiten, arbeiten, arbeiten." Der Rest sei Betriebsgeheimnis.

Der Mann ist kein großer Schwätzer, kein Mann der großen Worte. Dafür ein Unruheherd und Energiebündel, der noch im hohen Alter die Treppen in den dritten Stock seiner gläsernen Unternehmenszentrale nimmt. Aufzug fahren? Kommt nicht in Frage, kostet Zeit. An Erwin Müller entdeckt man, beim genaueren Hinsehen, aber auch noch eine andere Seite, die des Genießers.

Um dem Alltag zu entfliehen, setzt er sich in ein Segelflugzeug und fliegt dem Himmel entgegen. Aber auch hier zeigt sich sein Ehrgeiz. Wie ist es anders zu erklären, dass er Rekorde aufstellt und zusammen mit fünf weiteren Flugbegeisterten einen Gleiter entworfen hat, der von Flügelspitze zu Flügelspitze nicht weniger als 30,90 Meter misst? Der doppelsitzige Supersegler heißt Eta - in der Welt der Technik definiert der griechische Buchstabe "Eta" den größtmöglichen Wirkungsgrad.

"Es war Liebe auf den ersten Blick

Geschäftsgeist bewies der Drogeriekönig, als er sich auf Mallorca einen eigenen Golfplatz errichtete. Statt selbst zu spielen, lässt Müller lieber andere einlochen. Darauf deutet die folgende Anekdote: Der Verleger Hubert Burda fragte Müller einst: "Wollen wir eine Runde golfen?" Müller: "Tut mir Leid, ich spiele kein Golf." Burda: "Wie schade, das ist einer der schönsten Plätze der Welt." Müller: "Ich weiß. Er gehört mir."

Ein Faible für schöne Dinge offenbarte Müller ebenfalls, als er das legendäre Budapester Kaffeehauses Gerbeaud samt 6000 Quadratmeter Bürofläche und dazu noch eine Großbäckerei am Stadtrand kaufte. "Es war Liebe auf den ersten Blick", beschied er den Medien. Mit Millionenaufwand sanierte er das im 19. Jahrhundert gegründete und nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlichte Café, das immer noch zum Besuchsprogramm eines jeden Touristen gehört.

Müller wäre nicht Müller, würde er nicht in erster Linie an den unternehmerischen Erfolg denken. Wie 1973, damals erhielt er den Zuschlag für das gesamte Drogeriesortiment bei Wertkauf, und war damit nicht mehr nur einfacher Konzessionär. Dabei schlug er keinen Geringeren als den DM-Gründer Götz Werner aus dem Feld. Der Deal hatte allerdings einen Haken: Wertkauf-Chef Mann gewährte Müller damals nur dreimonatige Verträge. Das gefiel dem Ulmer nicht und so eröffnete er 1973 seine erste eigene Filiale. Zehn Jahre später waren es bereits über 100 Standorte.

"Da hat mir keiner reingeredet"

Förderlich für den Geschäftserfolg war dabei die Struktur der Branche. Die Drogerie-Mogule hatten Deutschland - wie in kaum einer anderen Branche vergleichbar - in kleine Fürstentümer aufgeteilt. Abgesehen von Schlecker, der seine Krake von Flensburg bis Passau und Aachen bis Berlin ausstreckte, regierte Rossmann weitestgehend in Niedersachsen. Budnikowsky in Hamburg, DM in Hessen und der Rhein-Main-Region und Müller in Süddeutschland. Freilich, der ungeschriebene Nichtangriffspakt ist mittlerweile aufgehoben, die Gegner fallen in die feindlichen Gebiete ein.

Rossmann drängt durch Kauf von Teilen der KD-Märkte von Tengelmann nach Osten und Norden, und möchte bald auch im Süden und Südwesten vertreten sein. DM, der zweitgrößte Player drängt in das angestammte Land von Rossmann, Niedersachsen. Die Hamburger Kette Budnikowsky will über die Stadtgrenzen hinweg nach Nord-Niedersachsen expandieren - und Müller? Müller sieht das mit Unbehagen und expandiert nur relativ zaghaft außerhalb seiner Grenzen. Seine nördlichste Filiale steht in Wolfsburg. Dafür hat er sein Kleeblatt-Logo nach Österreich, Slowenien, Kroatien und Mallorca exportiert.

Andererseits kann Müller den Expansionsdrang der Konkurrenten relativ gelassen sehen - schließlich ist Müller mehr als nur Drogist, sondern eher Kaufhausbetreiber. Sein Sortiment umfasst sage und schreibe 190.000 Artikel, seine Märkte haben Verkaufsflächen von weit über 3000 Quadratmetern. Neben Deos, Shampoos und Toilettenpapier finden sich auch recht ungewöhnliche Dinge wie Alaunstein (Rasier-Zubehör), Puppenhäuser oder überhaupt Holzspielzeug. Und wer auf der Suche nach einer großen Auswahl an Tonträgern ist, der ist bei Müller ebenfalls gut aufgehoben.

Einkaufskooperation mit Rossmann aufgekündigt

Zeitweise wird aber Müllers Geschäftserfolg von seinen Streitigkeiten in den Hintergrund gerückt. Überregionale Bekanntheit erfuhr dabei seine so genannte "Fischerhütte", an einem Baggersee vor den Toren von Neu-Ulm gelegen. 1988 hatte Müller das kleine Häuschen inklusive idyllisch gelegenem Seegrundstück gekauft und alsbald saniert. Ganzjährig bewohnbar machte es Müller, indem er Sonnenkollektoren auf dem Dach und eine in die Hangböschung eingebaute Notstromanlage installierte.

Das Wasser kam aus einem nahen Pumpbrunnen und im Inneren sorgte ein Kachelofen für angenehme Temperaturen. 1999 verfügte dann die Stadt Ulm, dass die Hütte abgerissen werden muss, weil sie schwarz gebaut war. Das anschließend angerufene Augsburger Verwaltungsgericht verhalf den beiden streitenden Parteien zu einem Vergleich. Der besagt, dass Müller das in der Nähe befindliche verrottete Kieswerk abreißt - gleichzeitig darf er seine Fischerhütte behalten.

Während dieser Streit geklärt ist, führte der Zwist mit seinem Sohn zu weiteren Folgen. So annulierte der Patriarch auch gleich die Einkaufskooperation mit Rossmann, die der Sohn eingefädelt hatte. Nach Einschätzung der "Lebensmittel-Zeitung" hatte der Schulterschluss der Hannoveraner mit der Tengelmann-Tochter KD das Fass zum Überlaufen gebracht. Müller senior habe es Rossmann übel genommen, so die Zeitung, plötzlich in seinem Stammgebiet mit Rossmann-Filialen konfrontiert zu werden. Den Kleinkrieg wollte Müller-Einkaufschef Gerhard Kramer offenbar nicht länger mit anschauen, er zog entnervt von dannen.

Vor dem Hintergrund der familieninternen Streitigkeiten erscheinen Reinhard Müllers Aussagen von Ende 1998 heute in einem ganz neuen Licht. Warum, so wurde er von der "Lebensmittel-Zeitung" gefragt, verschrieb er sich ausgerechnet der unternehmenseigenen EDV. "Das war ein Bereich, der noch nicht besetzt war", begründete der Junior und weiter: "Da hat mir keiner reingeredet". Das lässt tief schließen.

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