Familie Diehl Abgerüstet gegen die Übernahme

Der Rüstungskonzern Diehl hat stets mit Imageproblemen zu kämpfen. Inzwischen setzen die drei Gründer-Söhne stärker auf zivile Produkte. Die Konfrontation mit der umstrittenen Vergangenheit dürfte dies aber genau so wenig verhindern wie die Kaufgelüste internationaler Waffenschmieden.
Von Christian Keun und Martin Scheele

Nürnberg - Ehre, wem Ehre gebührt, sagten sich die Stadtväter Nürnbergs, als sie 1997 beschlossen, Karl Diehl mit ihrer höchsten Auszeichnung zu bedenken. Für seine Verdienste als engagierter Unternehmer, fürsorglicher Firmenpatriarch und großzügiger Mäzen machten sie den damals 90 Jahre alten Großindustriellen zu ihrem Ehrenbürger.

Doch der schöne Schein trügt. Die Würdigung Diehls war und ist höchst umstritten. Diehls Nürnberger Firma, 1902 vom Vater als Kunstgießerei gegründet, hatte sich unter Karls Ägide zu einem der größten Rüstungsproduzenten der Republik entwickelt.

Einen erklecklichen Teil des im vergangenen Jahr erwirtschafteten Umsatzes in Höhe von 1,6 Milliarden Euro machte der knapp 10.600 Mitarbeiter zählende Konzern mit Lenkflugkörpern, intelligenter Munition und anderem Kriegsgerät. Nicht ohne Stolz zählt sich Diehl selbst zu den wichtigsten Ausrüstern der Bundeswehr und der Nato-Armeen. "Per Kampfpanzer zum Ehrenbürger", kommentierte die nicht für reißerische Aufmacher bekannte Wochenzeitung "Die Zeit" die Vorgänge im Land der Franken.

Von der NS-Vergangenheit eingeholt

Als sich dann auch noch die Gerüchte mehrten, Diehl habe als "Waffenfabrikant für Hitler-Deutschland" Zwangsarbeiter in seinen Betrieben wie Sklaven schuften lassen, brachen die Dämme. Statt auf einem heimeligen Platz unter den honorigen Bürgern der Stadt fand sich Diehl unversehens am Pranger wieder: "Nürnberg ehrt KZ-Profiteur" titelte "Die Tageszeitung".

Geehrter Senior: Karl Diehl

Geehrter Senior: Karl Diehl

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Mitglied im Aufsichtsrat: Werner Diehl

Mitglied im Aufsichtsrat: Werner Diehl

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Unternehmenschef: Thomas Diehl

Unternehmenschef: Thomas Diehl

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Zentrum der Macht: Unternehmenszentrale in Nürnberg

Zentrum der Macht: Unternehmenszentrale in Nürnberg

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Instandsetzung: Mitarbeiter der ehemaligen Diehl-Tochter FFG bei Arbeiten im Panzer "M 113"

Instandsetzung: Mitarbeiter der ehemaligen Diehl-Tochter FFG bei Arbeiten im Panzer "M 113"

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Rohlinge: Messing- und Kupferstangen im Ringlager

Rohlinge: Messing- und Kupferstangen im Ringlager

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Die Stadtratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen beantragte später, Diehl die Ehrenbürgerwürde wieder abzuerkennen. Eine in Deutschland wohl beispiellose Initiative, die Christsoziale und Republikaner mit der Mehrheit ihrer Stimmen indes zu vereiteln wussten.

Diehl reagierte zunächst mit einem hier zu Lande wohl bekannten Reflex: Er hätte gar keine andere Wahl gehabt, so die Stellungnahme. "Als Eigentümer eines als 'kriegswichtig' eingestuften Betriebes lag es seinerzeit an mir, mich den vom NS-Regime diktierten Forderungen zu stellen oder - im Zweifel bei Gefahr für Leib und Leben - zu verweigern. Ich habe mich für Ersteres entschieden."

Gegen Kanzler und Finanzminister

Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiterinnen

Gleichwohl schien es nun auch Diehl an der Zeit, Reue zu zeigen. Nachdem seine Firma bis dahin Leistungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen stets mit dem Argument verweigert hatte, nicht sie, sondern die Bundesrepublik Deutschland sei zuständig, weil es "sich um eine staatliche Zuweisung von Arbeitskräften" gehandelt habe, ließ der Unternehmer einen freiwilligen Fonds einrichten. Ohne einen juristisch verbindlichen Anspruch anzuerkennen, überwies Diehl jeweils 10.000 bis 15.000 Mark an 180 Frauen jüdischen Glaubens, die einst zur Arbeit in seinen Munitionsanstalten gezwungen worden waren.

Im Hause Diehl jedenfalls, dem seit 1998 Karls Sohn Thomas vorsteht, scheint man aus der eigenen Vergangenheit gelernt zu haben. Im Gegensatz zu manch anderem deutschen Konzern ist die Nürnberger Firma der "Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft" zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter beigetreten.

Zimperlich ist Thomas Diehl trotz der späten Reue seines Vaters nicht. Als ein Waffenhandel mit der Türkei von der rot-grünen Regierung verzögert wurde, drohte der Vorstandschef dem Schröder-Fischer-Kabinett mit einer Klage. "Da die nationalen Absatzmärkte für wehrtechnische Güter zu klein sind, ist für unser Unternehmen der Exportmarkt sehr wichtig und auch in Zukunft unverzichtbar", lautete sein plausibles Argument.

Steuergeschenke vom Finanzminister?

Der Kasus landete am Ende nicht vor Gericht. Im Sommer 2001 erhielt Diehl grünes Licht für das Exportvorhaben - trotz angeblich restriktiver Bestimmungen. Dem Vernehmen nach hatte das Kanzleramt seinen Einfluss geltend gemacht. Die Generäle in der Türkei jedoch waren nicht Willens gewesen, auf die Regierungsentscheidung aus Deutschland zu warten: Der Auftrag wurde an eine andere Firma vergeben.

Ob quasi als späte Wiedergutmachung statt des Kanzlers sich Finanzminister Hans Eichel für den politischen Lapsus revanchierte, bleibt offen. Bei einem langjährigen Steuerstreit zwischen einer notorisch kritischen Betriebsprüferin des Finanzamtes Nürnberg und den Diehls, bei dem es um 30 Millionen Euro ging, votierte das Bundesamt für Finanzen jedenfalls als letzte Instanz zu Gunsten des Rüstungskonzerns. Die Begünstigten allerdings wollten von einem unschönen Beigeschmack der Angelegenheit nichts wissen. Die Angaben der Presse "entbehrten jeder Grundlage", so ein Konzernsprecher.

Obwohl der Diehl-Konzern, der offiziell als Diehl Stiftung & Co. KG firmiert, gemeinhin als Rüstungsschmiede bezeichnet wird, hat sich der Anteil an rüstungsfernen Produkten in den vergangenen Jahren kräftig erhöht. Mittlerweile erwirtschaftet das fränkische Unternehmen nur noch rund 35 Prozent seiner Einnahmen mit Kriegsgerät.

Treueschwüre und Portfoliobereinigung

Treueschwüre und Portfoliobereinigung

Zunehmend wichtiger - gerade in Zeiten leerer Haushaltskassen bei der Bundeswehr - wird für Diehl die zivile Produktion. Dazu zählen neben elektronischen Steuerungen für Hausgeräte- und Heizungshersteller Zulieferteile für die Luftfahrtindustrie, wie zum Beispiel für den neuen Airbus A380. Ebenso stellt Diehl Bänder her, aus denen die Rohlingindustrie Chips für Geldmünzen macht.

Von einigen Randaktivitäten hat sich die Familie Diehl aber in den vergangenen Jahren getrennt. Was nur die wenigsten wussten: Auch der Uhrenhersteller Junghans gehörte einst in das Diehl'sche Reich.

Die Pokerpartie um den angemessenen Preis für Junghans dauerte Jahre an. Ende 2002 erwarb schließlich Hans-Jörg Seeberger, Inhaber des weithin unbekannten Luxusmarken-Konzerns EganaGoldpfeil, den Spezialisten für Funk- und Solararmbanduhren. Seebergers Worten nach erlösten die Diehls deutlich weniger als die einst verlangten 125 Millionen Mark.

"Die Familie steht klar zu ihrem Unternehmen"

Berichte über angebliche Streitigkeiten in der Familie in den vergangenen Monaten dementiert Diehl scharf. "Da ist nichts dran, diese Berichte überraschen uns", sagte ein Diehl-Pressesprecher gegenüber manager-magazin.de. Er weist darauf hin, dass alle drei Söhne von Karl Diehl, also neben Vorstandschef Thomas auch Werner und Peter, Mitglieder des Aufsichtsrats sind. Das Gremium leitet Werner, stellvertretender Vorsitzender ist Peter Diehl.

Die Franken wissen diese familiäre Kontinuität zu schätzen, haben sie doch noch plastisch vor Augen, wie nach dem Tode von Max Grundig eines der wichtigsten Unternehmen der Region in Grund und Boden gewirtschaftet wurde. Ein anderes Schicksal hat die über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Eisfabrik Schöller ereilt, die sich vor zwei Jahren der Lebensmittelriese Nestlé einverleibte. Ihre Eigenständigkeit hat auch das Versandhaus Quelle mit der Integration in den Warenhauskonzern Karstadt verloren.

Sich in fremde Hände begeben oder gar aufkaufen zu lassen - das kommt für das Traditionsunternehmen Diehl, das im internationalen Vergleich eher ein spezialisierter Nischenanbieter ist, nicht in Frage. Als das US-Unternehmen General Dynamics  einst Interesse an der Übernahme anmeldete, wurde wie üblich von Seiten Diehls ein Verkaufsinteresse strikt dementiert. "Die Familie steht klar zu ihrem Unternehmen", sagt auch heute ein Konzernsprecher gegenüber manager-magazin.de.

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