Familie Bahlsen Jeder backt seinen eigenen Keks

Es ging drunter und drüber bei den Bahlsens in den 90er Jahren. Die Keks- und Snack-Erben stritten sich so lange, bis eine Teilung des Konzerns unausweichlich wurde. Seitdem arbeiten die Streithähne jeder für sich - erfolgreich.
Von Katy Weber und Martin Scheele

Hamburg - Es gibt in Deutschland wohl kaum eine ägyptische Hieroglyphe, die bekannter ist als das TET, gesprochen "dschet". Das TET setzt sich zusammen aus einem Oval, einer Schlange, einem Halbkreis und drei Punkten und bedeutet so viel wie "ewig dauernd".

Und wer sich mit seinem Einkaufswagen durch ein Kaufhaus schiebt und in der Süßwarenabteilung nach den berühmten Leibniz-Butterkeksen greift, der hat das TET ganz nah vor Augen. Die Wahl kann auch auf eine Packung "Ohne Gleichen", ABC-Kekse, Chokinis oder, oder, oder fallen; die Schlange ist überall, weiß auf rotem Grund, neben dem nicht minder bekannten Schriftzug von Hermann Bahlsen, weiß auf blauem Grund.

Leibniz und der Keks

Hermann Bahlsen, Exportkaufmann und Erfinder leckerer Dinge, machte sich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auf den Weg nach England und kehrte mit der Idee zurück, die deutsche Bevölkerung auf den Geschmack englischer Cakes zu bringen. Er fing an, Cakes, die er später Kekse nannte, im großen Stil zu produzieren, verpackte sie mit luft- und feuchtigkeits-undurchlässigem Material, machte sie damit "dschet", ewig dauernd haltbar, und schuf die Marke Bahlsen, mit ebenfalls langem Haltbarkeitsdatum.

Was er anfasste, wurde zu Gold. Gleich seine erste goldgelbe Backwarenkreation gelang zu internationalem Ruhm. Er benannte das Gebäck nach dem landesweit bereits viel geschätzten Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716). Vier Jahre nach der Gründung der "Cakesfabrik H. Bahlsen" in Hannover (1889) erhielt Hermann Bahlsen für die Leibniz-Cakes auf der Weltausstellung in Chicago eine Goldmedaille.

Sein Unternehmen wuchs. Bei der Gründung beschäftigte Hermann Bahlsen zehn Mitarbeiter, zehn Jahre später waren es 300. 1905 führte er das erste Fließband in Europa für die Verpackung von Leibniz-Keksen ein, vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs backten und packten 1700 Mitarbeiter in der Bahlsen-Fabrik. Hermann Bahlsen war auf dem Höhepunkt seines Schaffens.

Querelen in der Familie

Danach ging es steil bergab. Dringend benötigte Rohstoffe konnten in den Wirren des Krieges nicht geliefert werden, das Geschäft brach zusammen und kam nach wenigen Jahren vollständig zum Erliegen. Hermann Bahlsen stand vor den Trümmern seines Lebenswerks. Dabei übersah er ganz das Unternehmergeschick seiner noch jungen Söhne. 1919 starb er als gebrochener Mann.

Hans (1901 - 1959), Werner (1904 - 1985) und Klaus (1908 - 1991) Bahlsen ließen das nach den zwei Weltkriegen stark angeschlagene Unternehmen jedes Mal wie Phoenix aus der Asche auferstehen. Sie belebten nicht nur die Keksproduktion, sie weiteten auch die Produktpalette um Salzletten, Kartoffelchips, Erdnüsse, Tortenböden, Schokolade und Fertigkuchen aus und perfektionierten die Vertriebswege.

Allen voran lenkte Werner Bahlsen die Geschicke des Unternehmens und baute es zu einem weltumspannenden Konzern aus. Es entstanden neue Produktionsstätten in Berlin, Lindau, Varel und Oldenburg, daneben Produktions- und Vertriebsgesellschaften in den USA, der Schweiz, Frankreich, Spanien und Österreich.

Familien-Fehde

Fast 60 Jahre stand Werner Bahlsen an der Spitze des Familienunternehmens. Er konnte sich von dem väterlichen Betrieb nicht trennen, vielleicht weil er ahnte, dass mit seinem Ausscheiden das Unternehmen auseinander bröckeln würde wie ein missratener Kuchen.

Klaus Bahlsen blieb ohne Kinder, das Verhältnis zwischen Hans' Sohn Hermann und den Kindern Werners - Lorenz, Werner Michael und Andrea -, die alle im Unternehmen mitmischten, war durch Missgunst und Streit getrübt. 1996 ließ sich Hermann mit der Tochtergesellschaft Austin Quality Foods in den USA abfinden und schied bei der Bahlsen KG als Gesellschafter aus. Die Querelen zwischen Lorenz, Werner Michael und Andrea blieben.

Werner Michael Bahlsen, dem ein Hang zu autoritärem Gehabe nachgesagt wird, berief der Beirat zum Sprecher des Unternehmens, vorbei an seinem älteren Bruder Lorenz, was dieser wiederum nur schwer ertragen konnte. Es krachte, und um nicht in einem Strudel von Streitigkeiten unterzugehen, wurden die Unternehmensgruppen schließlich aufgeteilt. Ein weiteres Beispiel für die traurige Tatsache, dass florierende Familienfirmen durch Streit und Gier der Erben runtergewirtschaftet werden.

Gewinne? - "Wir arbeiten profitabel"

Gisbert von Nordeck, der Ehemann von Andrea, übernahm die Firmen Kelly in Österreich und Wernli in der Schweiz, daneben Immobilien und Finanzdienstleistungsgesellschaften. Das Kerngeschäft Süßgebäck steht weiterhin unter der Leitung von Werner Michael Bahlsen. Lorenz Bahlsen übernahm das Snack-Geschäft (Salzletten, Crunchips) und firmierte es in Lorenz Bahlsen Snack-World um. 3500 Mitarbeiter erwirtschafteten 446 Millionen Euro Umsatz in 2003.

Über die konkrete Höhe ihrer Gewinne schweigen sich die Bahlsen-Brüder vornehm aus. Lorenz Bahlsen sagt nur so viel: "Wir arbeiten profitabel". Die Beteiligung Dritter an seinem Unternehmen schließt er definitiv aus. "Wir bezahlen einen erheblichen Teil unserer Investitionen aus dem Cashflow, den Rest über Bankdarlehen", betont er.

Auch den Keksfabriken von Werner Michael Bahlsen geht es dem Vernehmen nach gut. Nach zuletzt verfügbaren Zahlen setzte das Unternehmen in 2002 mit 3900 Mitarbeitern 551 Millionen Euro um. Fast die Hälfte des Umsatzes wird im Ausland generiert. Betriebsratschef Walter Windmann lobt in der "Welt": "In Familienunternehmen gibt es oft ein höheres Verantwortungsgefühl für die Arbeitsplätze. Das spürt man auch bei uns". Größere Entlassungswellen gab es bisher nicht. Auch soll der Schwerpunkt der Produktion weiterhin in Deutschland bleiben. Das Keks-Imperium produziert außer in Deutschland in zwei Fabriken in Frankreich und in einer polnischen Manufaktur.

Wie sehr Führungsetage und Mitarbeiterschaft an einem Strang ziehen und harmonieren, zeigt sich in der Kantine. Nach guter Tradition bereitet einmal die Woche eine Abteilung ein Gericht zu - mit Hilfe der Profi-Köche. Da will auch Konzernchef Werner Bahlsen den Mitarbeitern in nichts nachstehen: Er briet zwei Stunden lang Lachs für die gesamte Belegschaft. Zum Nachtisch gab es - Kekse.

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