Familie Simon Geschlossene Mannschaftsleistung

Internationale Brau-Multis schüttelten den deutschen Biermarkt zuletzt kräftig durch. Gegen den Trend stemmt sich die traditionsreiche Bitburger-Gruppe. Ihr Vorteil: Die Gründererben halten zusammen wie Pech und Schwefel.
Von Martin Scheele

Hamburg - Als die Bitburger Brauerei ihren Werbespot mit der Deutschen Nationalmannschaft für die Europameisterschaft in Portugal drehte - das waren noch Zeiten. Ein Carsten Ramelow grient in die Kamera, ein Oliver Neuville wirft lässig den Ball zum Teamchef, ein Christian Rahn staunt jungenhaft und ein Slavo Freier verkneift sich schelmisch ein Lächeln.

Jetzt zu Beginn des vielleicht wichtigsten Sportereignisses 2004 in Europa, sieht der Kader um einiges anders aus. Ramelow? Nicht dabei. Neuville? Nicht dabei. Freier? Nicht dabei. Rahn? Nicht dabei. Was für DFB-Teamchef Rudi Völler und Kompagnon Michael Skibbe reichlich ärgerlich ist, kann für die Brauerei aus der Eifel als Künstlerpech, als unvorhersehbare Werbepanne gewertet werden.

Spötter könnten nun behaupten: Das kommt davon, wenn man keinen gesteigerten Wert auf Publicity legt als eigentlich verschwiegene Getränkegruppe mit noch mehr verschwiegenen Eigentümern, von denen die meisten nicht mit Bild in der Öffentlichkeit existieren.

Andere, ernsthaftere Menschen werden sagen: Es gibt keinen Grund zur Aufregung oder zur Häme. Schließlich steht die Bitburger-Gruppe wie eine Eins im Deutschen Biermarkt da und schlägt Konkurrenten zum Beispiel in Sachen Profitabilität aus dem Feld. Mehr noch: Der Getränkeriese behauptet sich auch gegen die ausländische Konkurrenz. Und Niederlagen in der Geschichte oder aktuelle Schwächen anno 2004 sind so rar gestreut wie Biertrinker am Nordpol.

Dabei war der Aufstieg zum Getränketitan keineswegs abzusehen und langsam und beschwerlich. Ein gewisser Johann Peter Wallenborn gründete 1817 eine Brauerei in Bitburg - die Keimzelle der heutigen Gruppe. Mehr als 4000 Hektoliter kamen damals nicht aus den Anlagen. Heute kommt Bitburger allein beim Bier auf acht Millionen Hektoliter - und bringt mittlerweile sogar den angestammten Platzhirschen Warsteiner ernsthaft in Bedrängnis. Bei Fassbieren sind die Bitburger sogar unangefochtene Spitzenreiter.

Warum ein Verkauf nicht in Frage kommt

Zum Erfolgsrezept der Bierbrauer aus dem 13.000 Einwohner kleinen Städtchen trägt der Zusammenhalt der Eigentümer wohl am stärksten bei. Zerrüttete Verhältnisse wie in anderen deutschen Familienunternehmen kennt die Bitburger-Gruppe nicht. Hinzu kommt das Dogma der personellen Kontinuität an der Firmenspitze. Ergänzt um Ehrgeiz und Durchhaltewillen der oberen Schankmeister der Gruppe.

Beispielhaft sei aus der hauseigenen Chronik genannt: 1913 gewannen die Bitburger Brauer aus der Südeifel einen lang andauernden Rechtsstreit gegen die Brauhäuser in Pilsen, welche gegen die Verwendung des Zusatzes "Pilsener" Klage eingereicht hatten. Das Reichsgericht in Leipzig entschied, dass die Bitburger ihr nach Pilsener Art gebrautes Bier auch "Pilsener" nennen durften.

Die personelle Kontinuität lässt sich am besten an einer Ziffer ablesen. Seit Gründung 1817 bildet zurzeit erst die sechste Familiengeneration die Führungsspitze. Im Schnitt bleiben die Geschäftsführer rund 30 Jahre in Amt und Würden. Das einzige Missgeschick in der Personalplanung ereignete sich 1999. Der Versuch, mit Winand Rose einem familienfremden Manager die Geschäfte zu übertragen, scheiterte. Rose ging nach nur 20 Monaten, nach ihm musste noch mal Michael Dietzsch ran, der mit dieser kleinen Auszeit auf 32 Jahre Amtszeit an der Führungsspitze kam.

Ordentliche Rücklagen für die Kriegskasse

Dietzsch, der in die Eigentümerfamilie Simon einheiratete, übergab schließlich 64-jährig in diesem Mai die Geschäfte an den bisherigen Technikchef Axel Simon ab. Dietzsch hat nun wieder mehr Zeit für den Wald und kann als passionierter Jäger wieder mehr auf die Pirsch gehen. Dietzsch bleibt aber als Mitglied der Gesellschafterversammlung dem Unternehmen erhalten. In dem Gremium müssen die Interessen von 37 Angehörigen - aus drei Familienstämmen - unter einen Hut gebracht werden.

Andererseits werden mögliche Lagerkämpfe nicht publik, scheinbar haben sich alle lieb. Erst recht, wenn wieder mal Kaufangebote ausländischer Konkurrenten angesprochen werden. Die lassen die Eifeler Bierbrauer kalt. Anders etwa als die Erben der Bremer Traditionsbrauerei Beck, die ihr Unternehmen an die belgische Interbrew-Gruppe (Stella Artois, Diebels) veräußerten, kommt ein Verkauf für die Bitburger partout nicht in Frage. "Die Philosophie der Familie lautet: Alle Kraft dem Unternehmen", so brachte es Dietzsch in einem Interview mit der "Lebensmittel-Zeitung" kürzlich auf den Punkt.

Dietzsch erklärt weiter: "Unsere Gesellschafter bekennen sich zur Unternehmensphilosophie, indem sie alljährlich eine entsprechende Rücklagendotierung beschließen". Abgesehen davon: Eine Trennung der jeweiligen Gesellschafter vom Unternehmen ist praktisch nicht möglich. Einen Verkauf an Dritte verbietet die Satzung, nur die gesamte Gesellschafterversammlung kann das Unternehmen veräußern.

"Wagen, ohne Kopf und Kragen zu riskieren"

Die Tradition des Unternehmens zeigt sich auch in der Werbung. Der Slogan "Bitte ein Bit" wurde 1937 erstmals gesendet und besitzt nach wie vor Gültigkeit. Das Festhalten an dem Motto scheint sich gelohnt zu haben: "Bit" hat in Deutschland in der Markenbekanntheit von Nivea und Tesa gleichgezogen. Werbung hat in der Gruppe einen hohen Stellenwert: Nicht selten führen die Bitburger die Rangliste deutscher Bierbrauer in Sachen Mediaausgaben an.

Mit dem gewaltigen Werbeetat können große Coups gelandet werden. Praktisch im Alleingang bewarben die Brauereiexperten das deutsche Fußballweltmeisterschaftsteam und beförderten so Konkurrenten ins Werbeabseits, bei der Europameisterschaft in Portugal sind sie gleichermaßen präsent. Auch ganze Sportwettkämpfe sponserte die Brauerei schon früh. Bei der Eröffnung der Rennstrecke Nürburgring im Jahre 1927 schenkt die Brauerei ihr untergäriges Vollbier aus. Diese traditionsreiche Verbindung besteht bis heute.

Die vorsichtige, behutsame Expansionsstrategie des Konzerns, der heute mit rund 1000 Mitarbeitern etwa 765 Millionen Euro umsetzt, hat ihr Übriges zum Erfolg beigetragen. Dietzschs Motto bei Investitionen und Akquisitionen lautet: "Etwas wagen, ohne Kopf und Kragen zu riskieren". Damit fuhr er gut. Zumindest meistens.

Von einem Einstieg in den polnischen Biermarkt versprach sich Dietzsch viel, doch die Träume zerplatzten. "Wir hatten die Marktentwicklung falsch eingeschätzt". Glück im Unglück: Immerhin hat das Engagement nach eigenen Angaben nichts gekostet, denn "Carlsberg hat die zwei Brauereien übernommen".

"Wir haben keinen Zloty verloren"

"Wir sind schnell wieder raus, ohne einen Zloty zu verlieren", bringt es Dietzsch auf den Punkt. Gewagt und verloren - so lautete auch das Fazit für den Einstieg in den italienischen Markt, wo die Eifel-Brauer eine lokale Mineralwassermarke gekauft hatten. Nach zwei Jahren Kampf gab Dietzsch auf. Gegen etablierte Italo-Marken wie San Pellegrino war Hopfen und Malz verloren.

"Schuster bleib' bei deinen Leisten" - der Spruch erlebt bei den Bitburgern seine Renaissance. Denn die Bierbrauer fokussieren sich weitestgehend auf das Inlandsgeschäft und lassen das Ausland links liegen. Anders als andere Großkonzerne beträgt der Umsatzanteil von Bitburger im Ausland gerade mal 10 Prozent. "Die weltweiten Märkte sind längst vergeben", meint Dietzsch.

Mehrmarkenstrategie statt Monomarke

Zum Geldverdienen konzentriert sich Bitburger auf das Inland - obwohl der Bierverbrauch rückläufig und der Biermarkt stark diversifiziert ist. Die fünf großen Gruppen kommen auf einen Marktanteil von zusammen knapp 50 Prozent, den Rest teilen sich rund 1200 unabhängige Brauereien wie Flensburger, Herforder oder Fürstenberg. Bierexperten zählen in Deutschland 5000 Marken.

Als Beispiel für den cleveren Expansionsfeldzug der Bitburger muss vor allem der Kauf der Köstritzer Schwarzbierbrauerei in Thüringen 1991 genannt werden, der gemeinhin als Glücksgriff bezeichnet wird. Mit der Einverleibung wird "Das Schwarze mit der blonden Seele" Deutschlands Schwarzbier Nummer eins. Die Bitburger greifen sich außerdem im Jahr 2002 die Wernesgrüner Brauerei.

Als in den 90er Jahren die Fitnesswelle in Deutschland ausbricht und nichtalkoholische Getränke noch stärker als ohnehin gefragt sind, greift Dietzsch bei dem zum Verkauf stehenden Gerolsteiner Brunnen zu. Heute ist Gerolsteiner deutscher Marktführer bei Mineralwässern. "Gerolsteiner ist quasi eine Lebensversicherung für die Bitburger-Gruppe."

Nach dem Kauf der Duisburger König-Brauerei und dem Hessen-Biermarktführer Licher aus dem Bestand der Holsten-Gruppe hat sich die Bitburger zur drittgrößten Braugruppe hinter die zum Oetker-Imperium gehörende Radeburger-Gruppe (DAB, Binding, Clausthaler) und die belgische Interbrew (Beck, Diebels, Hasseröder) aufgeschwungen. Den Bitburger geht dabei der Durst auf weitere Konkurrenten keineswegs aus. Immer wieder wird spekuliert, dass bald eine Weizenbiermarke aus Süddeutschland oder eine Kölsch-Marke unter ihre Fittiche kommt. Geschehen ist das noch nicht.

Das Unternehmen strotzt vor Ertragskraft

Trotz der Übernahmen können die Bitburger aus einer prall gefüllten Kriegskasse schöpfen. Letzte aktuelle Zahlen aus 2002 zeigen: Die liquiden Mittel beliefen sich auf 195 Millionen Euro. Dem standen Bankschulden nur in Höhe bei 4,5 Millionen Euro gegenüber. "Das Jahr 2003 war sogar noch besser als 2002" erläuterte Dietzsch Anfang Juni die neuen Zahlen. Das Unternehmen strotzt vor Ertragskraft: "Die Bruttoumsatzrendite betrug 14,2 Prozent."

Wer weiß, vielleicht kaufen die Bitburger ja bald ganze Fußballmannschaften, finanzschwache versteht sich.


Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.