Familie Brenninkmeyer Nadel verpflichtet

Hohe Verluste, ein lädiertes Image: In den neunziger Jahren drohte dem Textilhändler C&A Schiffbruch. Dann kam Dominic Brenninkmeyer. Der Gründerenkel sanierte den Traditionskonzern und verpasste ihm eine Frischzellenkur.
Von Clemens von Frentz und Martin Scheele

Hamburg - Dass ein neuer Konzernchef am ersten Arbeitstag ehrgeizige Prognosen abgibt, ist nichts Ungewöhnliches. Vollmundige Ankündigungen sind an der Tagesordnung, und oft genug heißt es später bei Nichterfüllung des Versprechens in bester Adenauer-Manier: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern ..." Umso erstaunlicher, wenn die Prognose nicht nur erfüllt, sondern auch noch übertroffen wird, und das in Zeiten, in denen weltweit Krisenstimmung herrscht.

Dominic Brenninkmeyer ist dieses Kunststück gelungen - nur ein Jahr nach Amtseinführung. Der Deutschland-Chef von C&A schaffte 2001 den Turnaround, nachdem sein Vorgänger vier Jahre lang Verluste angehäuft hatte. Im zurückliegenden Geschäftsjahr 2003/2004 erwirtschaftete der Textilhändler gar einen Überschuss von 109 Millionen Euro.

Damit hatte das Kürzel C&A eine neue Bedeutung bekommen. Wurde es früher bisweilen herablassend mit "Cheap & Awful" (billig und hässlich) übersetzt, stand es nun plötzlich für "Couragiert & Aggressiv", wie das "Handelsblatt" Anfang 2003 titelte. Dem könnte man noch heute zustimmen.

Tumultartige Szenen vor Münchener Filiale

Den Unternehmensgründern und Namensgebern Clemens und August Brenninkmeyer hätte das gefallen. 20 Jahre hatte es gedauert, bis 1861 aus dem bescheidenen Lager der westfälischen Brüder das erste C&A-Geschäft geworden war. Dies befand sich allerdings nicht in ihrem Heimatort Mettingen, einer Kleinstadt nahe Osnabrück, sondern im holländischen Sneek, in das die beiden 1841 ausgewandert waren.

Ob es nun aber am Standort lag, dass die Geschäftsidee wie eine Bombe einschlug, muss bezweifelt werden. Der Grundgedanke jedenfalls war bestechend: Man verkaufte serienmäßig industriell gefertigte Bekleidung für ein breites Publikum, und das zu Preisen, die sich wirklich jeder leisten konnte.

Unkonventionelle Ideen liegen der streng katholischen Familie offenbar im Blut, denn auch die Nachfahren der altehrwürdigen Gründerväter fallen des Öfteren durch eigenwilliges Verhalten auf. So kommt es im März 1953 zu tumultartigen Szenen vor der Münchner C&A-Filiale, weil der Textilhändler sich geweigert hatte, die vom Stadtrat verfügte Samstagsschließung um 14 Uhr anzuerkennen. Als erboste Einzelhändler und Gewerkschafter bedrohlich näher rücken, eskaliert die Situation und nur dem Einsatz der berittenen Polizei ist es zu verdanken, dass Schlimmeres verhindert wird.

Die Grenzen des Wachstums

Die Grenzen des Wachstums

Weitere Vorfälle dieser Art wird es nicht geben, denn die Brenninkmeyers reagieren unverzüglich: Sie treten aus den Einzelhandelsverbänden aus. So macht man das, wenn man Deutschlands führender Massenschneider ist. Nadel verpflichtet ...

Die Folgezeit beschert den Brenninkmeyers einen Boom, der selbst für Wirtschaftswunderjahre ungewöhnlich ist. Und als in Deutschland beinahe jede Großstadt einen C&A-Discounter hat, nimmt man kurzerhand den Mond in Angriff - wenn auch nur als Werbegag. Als am 21. Juli 1969 der amerikanische Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch einen Fuß auf den Erdtrabanten setzt und ganz Deutschland gebannt vor dem Fernseher hockt, wirbt C&A mit einem TV-Spot, in dem ein Erdbewohner mit einem Mondmännchen über Kleidungseinkauf redet. Der Clip endet mit dem Stoßseufzer: "Hoffentlich gibt's bald Filialen dieses Geschäftes auf dem Mond."

"Wir haben uns verzettelt"

Ganz soweit kommt es allerdings nicht, auch wenn die Expansion der Textil-Tycoons zunächst durch nichts zu bremsen ist. Anfang 1980 ist die Zahl der Filialen in Deutschland auf 115 angewachsen, und der Umsatz konnte binnen weniger Jahre auf fast sechs Milliarden Mark verdoppelt werden.

Dann aber zeigen sich die Grenzen des Wachstums. In einem Interview mit dem "Stern" wird Europachef Lucas Brenninkmeyer später dazu eingestehen: "Wir haben uns verzettelt." Und wieder kommt das All ins Spiel. "Dass ein C&A-Eigentümer mit Journalisten spricht", so die Illustrierte, "ist etwa so selten wie das Erscheinen des Halleyschen Kometen. Die Familie Brenninkmeyer hat über ein Jahrhundert eisern geschwiegen."

Ganz falsch ist das nicht. Das Gespräch, veröffentlicht im März 2001, ist Teil einer bemerkenswerten Öffentlichkeitskampagne, mit der das Unternehmen die Flucht nach vorn antrat. Hintergrund sind die Probleme, die das Geschäft seit Anfang der neunziger Jahre zunehmend beeinträchtigen. Das letzte Jahrzehnt vor dem Millennium war düster für die Brenninkmeyers, so düster, dass einige Fachleute gar den Untergang gekommen sahen. 76 Millionen Euro Verlust bei 2,9 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2000, das war die Hypothek, mit der der Gründerenkel Dominic sein Amt antrat.

Rabattaktion in aller Munde

Ein Verlust von rund 500 Millionen Mark in nur drei Jahren, ein durch und durch lädiertes Image und nur noch sieben statt der zuvor elf Prozent Marktanteil - das war schon keine Krise mehr, sondern ein veritables Untergangsszenario. Ein schwacher Trost fürs deutsche C&A-Geschäft, dass auch die Auslandstöchter schwerstens angeschlagen waren. Ganz schlecht lief der Verkauf in Großbritannien. Dort wurden alle 110 Filialen geschlossen. Gleiches gilt für Dänemark, wo C&A heute nicht mehr vertreten ist.

Dass dieses Schicksal Deutschlands C&A-Filialen erspart blieb, ist wohl "Herrn Dominic" zu verdanken, wie ihn die 16.000 Mitarbeiter des Konzerns zu nennen pflegen. Als Vetter Lucas, seines Zeichens Chairman in der Brüsseler Europa-Zentrale, ihm im März 2000 den Saniererposten antrug, fackelte er nicht lange und trat an, eine Woche nach der Zusage. Danach war nichts mehr, wie es vorher war. Der Vater von vier Kindern, der nach Stationen in Holland und England Karriere in den USA gemacht hatte, hatte offenbar seine eigene Interpretation für das Kürzel C&A gefunden.

"Check and Attack" würden amerikanische Manager-Handbücher wohl die Strategie nennen, mit der der heute 46-Jährige zu Werke ging. Der Sturmangriff, mit dem er verlorenes Terrain zurückeroberte, war gründlich überlegt und offensichtlich bestens vorbereitet. Die Mitbewerber kamen aus dem Staunen nicht heraus. Der Handelsriese, bis dahin ein Garant für Biederkeit, fiel plötzlich auf durch Originalität und mitunter ziemlich freche Marketingaktionen.

Eine davon sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Als Anfang 2002 der Euro eingeführt wurde, lobte C&A einen Rabatt von 20 Prozent für alle Käufe aus, die mit EC- oder Kreditkarte gezahlt wurden, und plötzlich drängten sich in den 185 deutschen Filialen nicht nur die Schnäppchenjäger, sondern auch Reporter und Kamerateams internationaler Sender.

Es versteht sich von selbst, dass diese Maßnahme umgehend verboten wurde. Auf Antrag des Vereins zur Wahrung des lauteren Wettbewerbs aus Düsseldorf sowie der Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs aus Bad Homburg wurde eine einstweilige Verfügung erlassen, die man bei C&A jedoch geflissentlich ignorierte.

"Sex and the City"

"Sex and the City" - statt Nadel und Faden"

Die Strafe folgte auf dem Fuße, das Landgericht Düsseldorf verhängte mehrere Ordnungsgelder in Höhe von insgesamt einer Million Euro. Die sofortige Beschwerde von C&A blieb beim Oberlandesgericht Düsseldorf insofern erfolgreich, als die Oberlandesrichter das Ordnungsgeld von einer Million Euro auf 200.000 Euro herabsetzten. C&A ging jedoch auch gegen diesen Betrag rechtlich vor und legte Rechtsbeschwerde beim Bundesgerichtshof (BGH) ein. Der BGH bestätigte allerdings das Urteil. Unterm Strich dürfte der Textilhändler aber gewonnen haben: Nach Einschätzung der Richter brachte die Aktion ein Umsatzplus von 172 Prozent ein.

Zur gleichen Zeit übrigens begann ein anderer Spross der Familie von sich reden zu machen, allerdings nicht im Konfektionsgeschäft, sondern im bundesdeutschen Fernsehen. Dort sah man immer häufiger einen höchst sympathischen Darsteller, der unter anderem in der Serie "Girl Friends" die Frauenherzen höher schlagen ließ. Die Rede ist von Philipp Brenninkmeyer, geboren 1964 im englischen Wimbledon.

Nach Internatsaufenthalten in Brighton, Düsseldorf, Bonn und der Schweiz arbeitete er mit 21 Jahren für einige Monate in der Kinderabteilung der Kölner C&A-Filiale, aber das war "nicht sein Ding". Anders als die meisten anderen Brenninkmeyers hat er mit Textilien nichts im Sinn, stattdessen studierte er in London und New York Schauspielerei und hatte bald die ersten Engagements auf renommierten Bühnen und in Fernsehproduktionen.

Selbst in der Kultserie "Sex and the City" war er schon zu sehen, wenn auch nur in einer Szene. Dort sagt er als Barmann zu einer der Hauptdarstellerinnen: "This is from that guy at the end of the bar." Für den Oscar wird das noch nicht reichen, aber das muss nichts heißen. Auch seine Vorfahren Clemens und August haben ja mal klein angefangen.

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