Fußball-Mafia Betrug, Manipulation und ein Camorra-Boss

Ein Wettskandal ungekannten Ausmaßes schockt Italiens Fußballwelt. Camorra-Boss Giacomo Cavalcanti soll im Internet ein kompliziertes Wettsystem organisiert haben, das der Mafia Gewinne in Millionenhöhe beschert haben soll. Seine Helfer: Fußballspieler diverser Proficlubs.

Rom - Vor dem Ende der Meisterschaftssaison am kommenden Sonntag versinkt Italiens Profi-Fußball im Sumpf eines ausgedehnten Wettspielskandals. Das ganze Ausmaß ist dabei noch nicht abzusehen.

Eine Untersuchung der Anti-Mafia-Staatsanwalt von Neapel wirft einen dunklen Schatten auf den Titelkampf, deren Spiele laut Ermittlern durch die neapolitanische Camorra manipuliert worden sind.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Camorra-Boss Giacomo Cavalcanti. Er soll im Internet ein kompliziertes Wettsystem organisiert haben, das der Camorra mit Spielmanipulationen Gewinne in Millionenhöhe beschert haben soll.

Insgesamt ermitteln die Justizbehörden gegen 20 Personen sowie 12 Klubs der Serie A, B und C. Durchsucht wurden unter anderem die Geschäftsstellen der Serie-A-Klubs Lecce, Chievo und Reggina. Schlüsselfigur des Skandals ist angeblich der ehemalige Torhüter des Erstligisten Siena, Generoso Rossi. Bei einem abhörten Telefonanruf hatte er angeblich betont, er hoffe, 40.000 Euro dank einer Wette auf das Spiel Siena gegen Udinese am 28. März zu gewinnen, berichtete die römische Tageszeitung "La Repubblica".

"Wir haben nichts mit illegalen Wetten zu tun"

Neben Rossi, der im Februar seinen Vertrag mit Siena überraschend aufgelöst hatte, stehen die Siena-Spieler Roberto D'Aversa und Nicola Ventola unter Verdacht. Außerdem gerieten drei Spieler aus der Serie D ins Visier der Ermittler.

Ihnen wird Betrug und Beteiligung an einer kriminellen Organisation vorgeworfen, was in Italien mit bis zu vier Jahren Haft bestraft wird. D'Aversa und Ventola, die bei dem Erstligisten Siena unter Vertrag stehen, wurden suspendiert. "Wir hoffen, dass sie ihre Unschuld beweisen können, andernfalls werden wir gerichtlich gegen sie vorgehen", so Siena-Chef Paolo De Luca. Vernommen wurde auch der Trainer des Erstligisten Chievo, Luigi Del Neri. "Mein Klub hat mit diesem Skandal nichts zu tun, es ist alles absurd", meinte Del Neri.

Die Ermittlung stützt sich unter anderem auf abgehörte Telefonanrufe, bei denen die verdächtigen Spieler die Resultate der Meisterschaftsspiele im Voraus abgesprochen haben sollen. Die Klubs, deren Hauptsitze durchsucht wurden, erklärten sich Opfer des Skandals. "Wir haben nichts mit illegalen Wetten zu tun", versicherte der Siena-Boss.

Lukrative Wetten auf manipulierte Spiele

Berlusconi beruft Krisensitzung ein

Der Wettskandal sorgte auch in Rom für Bestürzung. Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi, Präsident von Meister AC Mailand, traf den Vize-Sportminister Mario Pescante, um über den Fall zu diskutieren. Der italienische Fußballverband FIGC leitete eine Untersuchung ein. "Ich bin froh, dass die Staatsanwaltschaft gegen die Plage der illegalen Wetten kämpft, die in Mafia-Kreisen floriert", sagte Verbands-Präsident Franco Carraro.

Wettskandale sind in Italien keine Neuigkeit. Im Jahr 1980 waren 13 Spieler wegen eines ausgedehnten Skandals um manipulierte Spiele verhaftet worden. Auch der Star der Weltmeisterschaft 1982, Paolo Rossi, war in den Sog der Ermittlungen geraten. Die Erstligisten AC Mailand und Lazio Rom wurden wegen der Manipulation einiger Spiele zum Abstieg in die Serie B verurteilt. Weitere Wettskandale hatten in den Jahren 1986 und 1988 für Schlagzeilen gesorgt.

Im Jahr 2001 hatte das FIGC-Berufungsgericht sechs wegen Wettbetrugs und Spielmanipulation verurteilte Fußballprofis von Atalanta Bergamo und vom Zweitligisten Pistoiese in letzter Instanz überraschend freigesprochen. Erstinstanzlich waren alle sechs Kicker zu Sperren zwischen sechs und zwölf Monaten verurteilt worden. Die Spieler hatten sich angeblich im Cupspiel zwischen beiden Klubs auf ein 1:1 geeinigt und landesweit hohe Wetten auf dieses Ergebnis abgeschlossen. Allerdings konnte die Schuld nie bewiesen werden.

Lukrative Wetten auf manipulierte Spiele

Die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft von Neapel leitete eine Untersuchung in Camorra-Kreisen ein, die angeblich ein florierendes Wettsystem im Internet aufgebaut haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass einige Kicker bis zu 5.000 Euro auf manipulierte Spiele wetteten. Laut dem Staatsanwalt von Neapel, Filippo Beatrice, hatten Kriminelle in Neapel eine Organisation aufgebaut, "die die noch laufende Meisterschaft der Serien A, B und C beeinflusst hat".

Die Staatsanwaltschaft von Neapel will nun klären, ob nur die verdächtigen Spieler, oder auch ihre Klubs für die illegalen Wetten verantwortlich sind. Die Chefs der Erstligisten Chievo Verona und Siena sollen noch diese Woche vernommen werden.

Unterdessen forderte Erstligist Empoli den italienischen Verband FIGC und Sportminister Giuliano Urbani auf, harte Strafen auszusprechen und beide Klubs sofort zum Abstieg in die Serie B zu verurteilen. "Die Verantwortung der beiden Klubs sind offensichtlich", hieß es in einem Schreiben. Verdächtig sei vor allem das Spiel Chievo gegen Siena (1:1) am 21. März, behauptete Empoli. Eine ähnliche Klage will auch der Erstligist Modena einreichen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.