Familie Porsche Burli und Butzi hätten es gemacht

Vor gut 30 Jahren verabschiedeten sich die Nachkommen Ferdinand Porsches aus der Konzernleitung. Nicht zu ihrem Schaden: Allein in den vergangenen fünf Jahren vervierfachte sich der Börsenwert des Unternehmens.
Von Arne Stuhr

Hamburg - Der Name Porsche  spaltet die Gemüter. Für die einen sind die Boliden aus Zuffenhausen die Sportwagen schlechthin, für die anderen sind sie - je nach Alter des Fahrers - Yuppie-Karren oder Potenzersatz.

Dabei hatte alles einmal viel bescheidener angefangen: Clan-Begründer Ferdinand Porsche, 1875 im böhmischen Maffersdorf geboren, begann seine Laufbahn als Lehrling in Wien beim Elektrounternehmen Béla Egger (später in Brown Boveri aufgegangen). Schnell stieg er zum Leiter des Prüfraums auf, wechselte zum Kutschenbauer Ludwig Lohner und präsentierte bereits 1900 auf der Pariser Weltausstellung zusammen mit seinem Entdecker den Lohner-Porsche-Wagen, der übrigens, so Porsche-Biograf Herbert Völker, noch im gleichen Jahr auch mit Allradantrieb zu haben war; 80 Jahre vor dem ersten Audi Quattro.

Ein deutsches und ein österreichisches Geschäftsfeld

Nachdem Porsche 17 Jahre bei Austro Daimler angestellt war, wechselte er 1923 zu Mercedes nach Stuttgart. Wie sein Enkel Ferdinand Piëch - der 67-Jährige ist heute Aufsichtsratsvorsitzender bei Volkswagen  - in seiner Biografie schreibt, glaubte sein Großvater an ein längeres Engagement und ließ daher als neues Stammhaus für die Familie gleich eine Villa am Killesberg in Stuttgart bauen. Damit begründete er unfreiwillig bereits die Trennung in "ein deutsches und ein österreichisches Geschäftsfeld" der Porsches.

Oberfläche: Der neue 911er hat wieder ein Unschuldsgesicht, aber verräterische Muskeln

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Foto: Porsche
Startschuss: Gleich zur Markteinführung am 17. Juli werden zwei unterschiedliche Modelle angeboten

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Sportlerheim: Trotz Navi wirkt das Cockpit schlicht

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Fluchtpunkt: Der wohlgerundete Po ist stilistisch so nah am Original wie lange kein 911er mehr

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Der jüngste Spross der Familie:
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Nach einem Zwischenspiel als Technik-Chef bei Steyr in Österreich, kehrte Porsche 1931 nach Stuttgart zurück und eröffnete sein eigenes Konstruktionsbüro. Damals schon an seiner Seite der Sohn Ferdinand "Ferry" Porsche (1909 - 1998). Porsches Tochter Louise (1904 - 1999) hingegen blieb in Österreich und heiratete den Wiener Anwalt Anton Piëch, der allerdings auch als Rechtsberater von Porsche tätig war und später bei Volkswagen in Wolfsburg mit seinem Schwiegervater zusammenarbeitete. Seit dieser Zeit bilden die Piëchs den österreichischen Porsche-Flügel, der noch heute in der so genannten Porsche Holding, die exklusiv Porsche- und VW-Fahrzeuge in Österreich vertreibt, besteht.

Ferdinand Porsche, Förderer von VW

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Durch die europaweiten Erfolge der von Ferdinand Porsche konstruierten Rennwagen der Auto-Union intensivierte sich in der zweiten Hälfte der 30er Jahre der Kontakt zum nationalsozialistischen Regime und zu Adolf Hitler persönlich. 1938 wurde unter maßgeblicher Beteiligung von Porsche der Grundstein für das Volkswagen-Werk am Mittellandkanal gelegt, dass Hitler offenbar sogar Porsche-Werk nennen wollte. Heute erinnert dort die Porschestraße, Wolfsburgs autofreie Einkaufsmeile, an den Urvater des Käfers.

Ex-Volkswagen-Chef Piëch, zur Abgrenzung von seinen zahlreichen gleichnamigen Verwandten in der Familie "Burli" genannt, zieht sich in seiner Biografie bei der Beschreibung der Rolle seines Großvaters im Dritten Reich auf den Historiker Hans Mommsen zurück. "Wie weit sich Porsche über den verbrecherischen Charakter des Regimes, dem er diente und dem er entscheidende Förderung verdankte, im Klaren gewesen ist, muss offen bleiben", so Mommsen.

Die acht Porsche-Enkel, vier Porsches und vier Piëchs, erlebten den Zweiten Weltkrieg sowie die Nachkriegszeit samt Hausdurchsuchungen und Internierung von Ferdinand Porsche, Ferry Porsche und Anton Piëch auf dem familieneigenen "Schüttgut" im österreichischen Zell am See.

Familientreffen im Aufsichtsrat

Von den vier Porsche-Brüdern Ferdinand Alexander, Gerd, Peter und Wolfgang sitzen heute der Älteste und der Jüngste im Porsche-Aufsichtsrat. Dort treffen Ferdinand Alexander und Wolfgang Porsche regelmäßig auf ihre beiden Cousins Ferdinand und Hans Michel Piëch.

Der bekannteste Porsche-Nachfahre ist neben seinem Cousin Ferdinand Piëch sicherlich der 68-jährige Ferdinand Alexander, der firmenintern F.A. genannt wird, aber in Abgrenzung zu Großvater, Vater und Cousin von Kindesbeinen an "Butzi" gerufen wird. Dem Designer gelang mit dem 911er wohl ein Entwurf für die Ewigkeit. Das sieht auch die heutige Porsche-Führung so und wird daher den nächsten 911er optisch wieder stärker an den Urahnen anlehnen, nachdem die Experimente mit der Baureihe 996 die Käufer zwar nicht verschreckten, aber den Kultstatus des Sportwagens bedrohten. Auch bei der Entwicklung des Geländewagens Cayenne floss die Genialität von F.A. mit ein.

"Ich liebe Sauen"

"Ich liebe Sauen"

Eigentlich hat er sich aber schon ins Privatleben nach Zell am See zurückgezogen, wo sich auch die Kapelle mit dem Familiengrab der Porsches und Piëchs befindet. Dort frönt er seiner zweiten Leidenschaft, der Jagd.

Übrigens ein Hobby, dass er mit seinem Bruder Wolfgang teilt, der damit auch offensiv umgeht. "Ich bin Jäger - ich liebe Sauen", sagte der mit der Filmemacherin und Society-Lady Susanne Porsche Verheiratete einst der "Bild"-Zeitung. Auch Bruder Gerd, der sich nie in die Unternehmensgeschicke einmischte, hat sich als Landwirt dem Leben in der Natur verschrieben.

Ihren Reichtum haben die Porsche-Erben einer vor allem im Nachhinein weisen Entscheidung zu verdanken. Statt sich in das "System zwischen Gefühl und Geschäft" (Psychiater Fritz B. Simon) zu verstricken, fällten sie im Sommer 1971 den Beschluss, dass sich alle Familienmitglieder zum 1. März 1972 aus der Geschäftsführung zurückziehen und ihre Stimmrechte (100 Prozent der Stammaktien, 13 Prozent der Vorzugsaktien) nur noch im Aufsichtsrat ausüben. Zusätzlich gab Ferdinand Alexander Porsche 1992 dort den Vorsitz an den ehemaligen Henkel-Chef Helmut Sihler ab, der zwischenzeitlich auch als Interims-Primus der Deutschen Telekom  reüssierte.

Die Entscheidung, den Familienbetrieb in fremde Hände zu legen, fiel nicht allen Beteiligten leicht. Gut 30 Jahre nach dem "Erbfolgekrieg" glaubt Ferdinand Piëch noch heute, dass er zusammen mit seinem "Lieblingscousin Butzi" in einer Art Doppelspitze - Piëch für die Motoren zuständig, Porsche für das Design - ein gutes Führungstandem abgegeben hätte.

Den Vorwurf, er hätte aus Verbitterung über den Rückzug der Familie aus dem operativen Geschäft im Sommer 1972 eine Affäre mit der Frau seines Cousins angefangen, weist Piëch in seiner Biografie zurück. Die Verschiebung der Besitzanteile durch die Scheidung von Gerd und Marlene Porsche, mit der Piëch dann zwölf Jahre zusammenlebte, sei kein von ihm aus Rache ersonnener Plan gewesen.

Wende mit Wiedeking

Wende mit Wiedeking

Wie dem auch sei, als erster familienfremder Vorstandsvorsitzender trat Ernst Fuhrmann 1972 die Nachfolge von Porsche-Gründer Ferry Porsche an. Auf Fuhrmann folgten der Deutschamerikaner Peter Schutz, der Finanzexperte Heinz Branitzky und der aus der Computerindustrie kommende Arno Bohn.

Sie alle schafften es aber nicht, die Depression bei Porsche - die Absatzzahlen brachen massiv ein - zu beenden. Die Lage war so dramatisch, dass sogar kurzzeitig ein kompletter Verkauf des Unternehmens erwogen wurde.

Auf dem Höhepunkt der Krise im Jahre 1992 fiel schließlich die Entscheidung, Wendelin Wiedeking zum neuen Porsche-Chef zu machen. Favorit war zwar Wolfgang Reitzle, BMW ließ den heutigen Linde-Chef aber damals nicht ziehen. Auch die mögliche Rückkehr der Familie in die operative Führung wurde verworfen, da der einzige mögliche Kandidat - Ferdinand Piëch - bereits als Thronfolger von Carl Hahn bei Volkswagen gehandelt wurde.

Den Entschluss, auf den Produktionsfachmann Wiedeking gesetzt zu haben, dürfte der Porsche-Clan genauso wenig bereut haben, wie die 1994 von der Familie erbrachte Kapitalerhöhung in Höhe von 200 Millionen Mark. Mittlerweile steht Porsche glänzend da.

Allein in den vergangenen fünf Jahren vervierfachte sich der Börsenwert des Unternehmens. Angesichts des großen Erfolgs des Geländewagens Cayenne, der anstehenden Präsentation des neuen 911er im Juli dieses Jahres und der bereits diskutierten vierten Baureihe - entweder eine viersitzige Sportlimousine oder ein großes Coupé - dürfte sich an diesem Trend so schnell nichts ändern.

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