Dieter Schaub Der mysteriöse Medienmogul

Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit schuf Dieter Schaub mit der Medien-Union eines der größten Presseimperien Deutschlands. Geholfen haben ihm dabei seine Verschwiegenheit, die Alliierten, eine konservative Unternehmensstrategie und die sprichwörtliche Pfälzer Geduld.
Von Karsten Langer

Hamburg - Dieter Schaub mag es nicht, wenn man über ihn spricht. Genau wie sein Vater Josef würde er am liebsten alle Informationen zu seiner Person aus dem öffentlichen Leben tilgen. Warum Schaub das Rampenlicht scheut, weiß niemand so genau. Abgesehen von den Querverbindungen in seinem verschachtelten Verlagskonglomerat, der Medien-Union, hat der 65-jährige Pfälzer nichts zu verbergen.

Trotzdem mussten sich seine Mitarbeiter bei der Einstellung verpflichten, keine Details über ihren Chef und sein Presseimperium auszuplaudern. "Schon seit Jahren leben wir in einem Informationszölibat, mit dem wir gut gefahren sind", sagte Mitte der 80er Jahre stolz ein schwatzhafter Angestellter. Der Mann musste es wissen. Er war für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

"Wissen, was läuft" - dieser Slogan ziert das Eingangsportal der "Rheinpfalz". Die Ludwigshafener Zeitung, Lieblingslektüre von Ex-Kanzler Kohl, der sich sein Heimatblatt per Eilboten nach Bonn zustellen ließ, ist die Keimzelle der Medien-Union, der Presseholding von Dieter Schaub. Der verschwiegene Medienmagnat wusste schon früh, was läuft.

Am Anfang war die Lizenz

Kurz nach der Kapitulation 1945 wurde "Die Rheinpfalz" mit tatkräftiger Unterstützung der Alliierten gegründet. Die Franzosen vergaben die Lizenz für eine Regionalzeitung an fünf Fachkräfte des Zeitungswesens, die als Anzeigenkaufmann, Verlagskaufmann, Metteur, Rotationer und Setzer in dem jungen Betrieb arbeiteten.

Einer der Gründer war Josef Schaub, der Vater des damals siebenjährigen Dieter. In einer kleinen Druckerei bei Neustadt an der Weinstraße, dort, wo die Schaubs noch heute wohnen, erblickte die erste Ausgabe am 29. September 1945 das Licht der Welt. Der junge Verlag florierte. Schon zwei Jahre später betrug die Auflage 200.000 Exemplare.

Aber Schaub wäre nicht Schaub, wenn er sich mit dem vom Vater Erreichten zufrieden gegeben hätte. Der kleine, aber sichere Erfolg war seine Sache nicht. Ihn drängte es nach Höherem. Nachdem Dieter Schaub 1964 die Leitung bei der "Rheinpfalz" übernommen hatte, dürstete es ihn nach Expansion. Und zwar schnell. Als die Familie Bosch ihre Anteile an der "Stuttgarter Zeitung" verkaufen wollte, schlug Schaub zu und übernahm knapp 30 Prozent, inklusive dem Immobilienvermögen im Zentrum der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Durch Zukäufe ist sein Anteil an der "Stuttgarter" inzwischen auf stattliche 45 Prozent gestiegen.

Geplatzte Elefantenhochzeit

Geplatzte Elefantenhochzeit

Kurz darauf bot sich die nächste Gelegenheit, Geld und Macht zu mehren. Schaub wollte sich den "Mannheimer Morgen", das zweitgrößte Blatt der Region, im Frühjahr 1971 einverleiben. Aber der Deal platzte.

Bis heute sind die genauen Gründe für das Scheitern nicht geklärt. Offiziell waren sich beide Parteien über "organisatorische Fragen" nicht einig geworden. In Wirklichkeit aber dürfte die Angst des Lokalkonkurrenten vor dem unersättlichen Appetit Dieter Schaubs der Grund gewesen sein.

Nach der schmachvollen Niederlage wurde es ruhig um den gewieften Pfälzer. Der agile Verleger würde zu Geschäftsreisen gern Flugzeuge chartern und am Wochenende mit seiner Luxusyacht durch heimische Binnengewässer kurven, vermerkte der SPIEGEL. Nebenbei vergrößerte Schaub klammheimlich sein Medienimperium, gründete den prosperierenden Zeitungsvertrieb Süwe, um unabhängig zu sein, wurde Geschäftsführer der "Stuttgarter Zeitung" und gab den Posten nach internen Streitigkeiten wieder ab.

"Doktor Schaub ist leider von Armleuchtern umgeben"

Erst Mitte der 80er Jahre tauchte Schaub wieder aus der Versenkung auf. Ausgerechnet ein dubioser Finanzskandal, der durch die Gazetten der Schweizer Boulevardpresse geisterte, brachte seinen Namen in die Öffentlichkeit zurück - und in Verruf. Schon 1984 hatte Schaub in die konkursgefährdete Benziger AG in Zürich/Einsiedeln investiert. Sein Ziel: Die "Keimzelle Schweiz" sollte Ausgangspunkt für seinen weiteren Expansionsdrang werden. 40 Millionen Schweizer Franken, sagte Schaub damals, wolle er in neue Projekte stecken.

Aber der Ausflug in das Land der Eidgenossen missglückte. Die ihm anvertrauten Millionen veruntreute der mit allen Vollmachten ausgestattete und allen Wassern gewaschene Rudolf S. als Treuhänder. Schaub fand sich unversehens als Besitzer eines maroden Hotelkomplexes an der Luzerner Riviera wieder, Benzinger drohte die Pleite. Zuletzt höhnten die "Luzerner Neueste Nachrichten": "Doktor Schaub ist leider von Armleuchtern umgeben."

Aufstieg und Fall des Jürgen Richter

Aufstieg und Fall des Jürgen Richter

In der Folge zog sich Schaub völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Nun führte der gewitzte Jürgen Richter, später Vorstand beim Axel Springer Verlag und bei Bertelsmann, die Geschicke des Konzerns. Nach der Übernahme und Sanierung des Westermann-Verlags wurde Richter 1987 Geschäftsführer der Medien-Union.

Die Übernahme der Chemnitzer "Freie Presse" 1991 war Richters letztes Husarenstück für Schaub. Immerhin 100 Millionen Euro zahlte dieser für die Zeitung, die auch andere Verlage gern gekauft hätten. Unter anderem die "Rheinische Post", die vergeblich Ansprüche auf das Filetstück der DDR-Verlagslandschaft bei der Treuhandanstalt angemeldet hatte. Beim Zuschlag für die Medien-Union sollen Schaub, so wurde später kolportiert, die guten Kontakte zu Kohls damaligem Ministerialdirigenten Johannes Ludewig geholfen haben.

In einem Leserbrief an manager-magazin.de bestreitet Ex-Kanzler Kohl jede Nähe zu Dieter Schaub. "Ich lege Wert auf die Feststellung, dass es die angedeutete besondere Beziehung zu den Herren Schaub nicht gab und gibt", so Kohl.

Next Generation

Richters Ende als Geschäftsführer war unschön, aber durchaus klassisch für Familienunternehmen vom Schlage der Medien-Union. Als Schaubs Söhne Thomas und Michael in die Konzernführung nachrücken sollten, ergab sich ein Problem: Die Nachfahren kamen nicht mit Richter klar, er war ihnen zu dominant.

"Ich muss das Problem Richter lösen, bevor der Thomas kommt", soll Schaub senior schon Ende 1992 gesagt haben. Im Dezember 1993 machte er dann kurzen Prozess: Ein Abschiedsessen mit Richter, eine schöne Abfindung und eine Vereinbarung, Stillschweigen zu bewahren - Thomas Schaub trat in die Holding ein, Richter trat ab. Seit 1994 sind Schaubs Söhne offiziell die neuen Herren über die Medien-Union.

Strippenzieher im Hintergrund

Den letzten Schachzug des Medienriesen haben die beiden aber mit Sicherheit den guten Kontakten ihres Vaters zu verdanken. Über die 44-prozentige Beteiligung an der Südwestdeutschen Medien Holding (SWMH; "Stuttgarter Zeitung", "Stuttgarter Nachrichten") kaufte sich die Medien-Union Ende 2002 als sechster Gesellschafter mit 18,75 Prozent beim Not leidenden Süddeutschen Verlag (SV) ein. Die SWMH ist der drittgrößte Zeitungsverlag Deutschlands.

Den Schachzug organisierte Dieter Schaub gemeinsam mit seinem wichtigsten SWMH-Mitgesellschafter Eberhard Ebner, der das Projekt maßgeblich mit eingefädelt hatte. Um seine Stellung im Süddeutschen Verlag zu zementieren, verließ sich Schaub von Anfang an auf einen seiner versiertesten Männer: Den wichtigen Lenkungsausschuss, der als regulierendes Bindeglied zwischen Gesellschaftern und SV-Geschäftsführung installiert wurde, leitet Oliver C. Dubber als Vorsitzender. Neben seinem Job beim SV ist Dubber seit Jahren Geschäftsführer der Medien-Union.

Der harte Sanierungskurs hat unterdessen angeschlagen. Nach hohen Verlusten ist der Süddeutsche Verlag im vergangenen Jahr wieder in die Gewinnzone zurückgekehrt. Im Vorjahr stand noch ein Verlust von über 76 Millionen Euro in den Büchern. Der Süddeutsche Verlag leidet wie seine Wettbewerber unter dem Einbruch der Anzeigeneinnahmen, der nun seit drei Jahren anhält.

Hecht im Karpfenteich

Auch an der "Rheinpfalz" ist die Medienkrise nicht spurlos vorübergegangen. Noch im Sommer vergangenen Jahres kündigte Verleger Thomas Schaub einen harten Sanierungskurs an. Neue Redakteure werden nicht mehr eingestellt und befristete Verträge nicht mehr verlängert. Insgesamt sollen bis Mitte 2004 rund ein Drittel der rund 600 Stellen wegfallen.

Nach wie vor aber ist die "Rheinpfalz" im Besitz der fünf Gründer, die die Lizenz 1945 von den Alliierten erhalten haben. Die gleichen Familien halten mittelbar oder unmittelbar die Anteile an der Medien-Union. Neben dem Stamm Schaub als Mehrheitsgesellschafter (50,5 Prozent) sind die Nachfahren der anderen Gründer Arthur Lenk, Hans Wipprecht, Xaver Resch und die Familie Nagel im Handelsregister eingetragen. Welchen Einfluss die Erben der Gründerfamilien gegenwärtig haben, ist nicht bekannt.

Sicher aber ist, dass sich Dieter Schaub - wenn er nicht gerade neue Geschäftsideen ausheckt - auf sein Altenteil zurückgezogen hat und seine Hobbys pflegt: Er sammelt Ölgemälde alter Meister der "Frankenthaler Schule" und geht angeln. Am liebsten fischt er in seiner Heimat bei Bad Kissingen in der Fränkischen Saale, wo er nahe Hammelburg eine alte Mühle zum Luxusdomizil umbauen ließ.

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