Montag, 22. April 2019

Junge Akademiker Pragmatisch, praktisch, gut

Was sagt ein Akademiker zum anderen? "Eine Currywurst, bitte!" - immer noch kein allzu schlechter Witz, aber längst ein Klischee, meinen Arbeitsmarktforscher. Sie loben Hochschulabsolventen für ihren Realismus und ihr Engagement. Nur wissen die oft selbst nicht, was sie alles können.

Eigentlich wollte Andreas Scheuer Realschullehrer werden. Dann sattelte er um auf Soziologie, Politik und Wirtschaft, gründete nach dem Examen seine eigene Marketing-Firma. Seit dem 22. September 2002 hat Scheuer einen anderen Job - Bundestagsabgeordneter. Vom eigentlich aussichtslosen Platz 31 der CSU-Landesliste rutschte der 29-jährige Passauer als einer der jüngsten Volksvertreter ins Parlament. "Damit habe ich nicht gerechnet, aber wenn ich es nicht versucht hätte, hätte es auch nicht geklappt."

Uni-Hörsaal: "Sie können sehr viel, aber sie wissen oft nicht, was"
Der Berufseinstieg von Regina Wegner, 27, verlief weniger spektakulär. Ihre professionelle Leidenschaft gilt dem sambischen Graumull. Seit zwei Jahren erforscht die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Essen die Nervenbahnen des Nagetiers, das ausschließlich in Afrika lebt. Titel ihrer Doktorarbeit im Fach Zoologie: "Neuroethologie der Magnetfeldwahrnehmung bei Coetomys anselli". Ihr Traumziel stand für Wegner lange fest: "Ich wollte immer in die Wissenschaft gehen."

Ina Rosentreter, 28, schloss im Herbst 2003 ihr Studium in Geschichte, Politik und Islamwissenschaft an der Universität Hamburg ab. Seit Februar arbeitet sie als freiberufliche Projektmanagerin in der klinischen Forschung des britischen Pharmakonzerns GlaxoSmithKline. "Absicht war der Quereinstieg nicht", erzählt Rosentreter. "Mir war aber klar, dass ich gerne Projektmanagement machen wollte." Mit abendlichen Arabisch-Kursen hält die Geisteswissenschaftlerin ihre Sprachkenntnisse frisch.

Doktorandin Wegner (mit Graumull und Schülern): Traumziel Wissenschaft
Drei Beispiele für einen besonders gelungenen Berufsstart - aber keinesfalls untypisch. Personalverantwortliche und Arbeitsmarktexperten stellen angehenden Akademikern von heute durchweg ein gutes Zeugnis aus: Pragmatisch seien sie und engagiert obendrein.

"Die allermeisten Studenten wissen, dass im Arbeitsleben Leistung gefordert ist, und sie sind durchaus bereit, diese Leistung zu bringen", sagt Sigmar Gleiser, Arbeitsmarktexperte bei der Bundesagentur für Arbeit. Der sprichwörtliche Germanist, der 20 Semester lang auf den unvermeidlichen Taxischein zusteuert, existiere nur noch in Stammtischreden.

"Ich habe gelernt, dass man sich aus Praktika einen Lebenslauf zusammenzimmern kann", sagt der Bundestagsabgeordnete Scheuer. Regina Wegner meint, bei ihr habe neben der wissenschaftlichen Neugier der gute Kontakt zum Professor und zur Zoologie-Forschergruppe den Ausschlag gegeben. Ina Rosentreter nahm nach dem Abschluss erst einmal einen Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg an - in der Klinik für Nuklearmedizin, denkbar weit entfernt von ihrem eigentlichen Fachgebiet, dem Nahen Osten. Während des Studiums belegte sie Kurse für Rhetorik und Bewerbungstraining bei einer politischen Stiftung.

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