Sonntag, 22. September 2019

Interimsmanagement Führung zum Mieten

Spitzenmanager verdienen zu viel, Unternehmensberater bewirken zu wenig, so die landläufige Kritik. Was muss man dann von den Zwittern beider Spezies halten, den Interim-Managern? Sind Führungskräfte auf Leihbasis das Modell der Zukunft? Oder stellen sie eine Gefahr für die Unternehmenskultur dar?

München - "Sind unsere Manager das Geld wert, das sie bekommen?" Vor wenigen Jahren, als die Wirtschaft noch boomte, wäre diese Frage wohl als Provokation empfunden worden. Wenn Rainer Marr, Professor für Betriebswirtschaft an der Bundeswehr-Universität in München, sie heute bei einer Podiumsdiskussion stellt, schweigt das Publikum. Niemand will mehr eine Lanze für deutsche Führungskräfte brechen.

 Der Neue regiert kein kleines Königreich: Interim-Manager haben den Blick von außen
Der Neue regiert kein kleines Königreich: Interim-Manager haben den Blick von außen
Denn nicht nur Marr, der einen Lehrstuhl für Personal- und Organisationsforschung innehat, weiß: Wer heutzutage nicht in der Lage ist, rasch mit dem dynamischen Markt mitzuziehen, kommt unter die Räder. "Time-to-Market" nennt sich dieser Anpassungsdruck. Ist der klassische Manager dafür zu behäbig - ein überteuertes Auslaufmodell? Jedenfalls schlägt Marr den Unternehmen einen "wirksamen, kostenbremsenden Einflussfaktor" vor: den Interim-Manager.

Eine solche Leih-Führungskraft, auch "Manager on Demand" genannt, fungiert als Feuerwehrmann in hilfsbedürftigen Unternehmen. Diesen fehlt oft die Kapazität, ein Problem selbst zu lösen, beispielsweise eine ungeklärte Nachfolgeregelung. Dann ist der schnelle Einsatz externer Fachleute gefragt: "Interim-Manager haben keine 100 Stunden Zeit, um sich in eine Aufgabe einzuarbeiten", sagt Achim Rhode, Geschäftsführer des Personalmanagement-Unternehmens Zetesis, "sie legen sofort Hand an und sind sofort verantwortlich für einen bestimmten operativen Bereich."

Wenn der Miet-Manager seinen Job erledigt hat, dann verschwindet er wieder. Meist bereits nach wenigen Monaten. Dabei wird seine Leistung "eins zu eins abgerechnet", erklärt Rhode. Er vergleicht den Interim-Manager mit einem Kopierapparat, der nur dann bezahlt wird, wenn er auch druckt, nicht aber, wenn er nur untätig herumsteht. Die Nachfrage am Manager-Leasingmarkt wird steigen, glaubt Rhode: Schließlich stünden durch den demografischen Wandel in wenigen Jahren deutlich weniger Fachkräfte zur Verfügung als bisher.

Bei einer Podiumsdiskussion am Starnberger See, wo Zetesis seinen Sitz hat, diskutiert Rhode mit anderen Personalexperten. Sein Unternehmen hat einen Pool von 70 Mitarbeitern, die er zu professionellen Interim-Managern qualifizieren will. Dabei plant Rhode eine Spezialisierung auf den Personalbereich. Diesbezüglich benötigen Unternehmen laut Rhode heutzutage besondere Unterstützung. Denn: "Personalabteilungen werden nicht nur schlanker gebaut, sondern zum Teil sogar vollständig eliminiert."

"Kernaufgaben nicht an Fremde delegieren"

Martin Schütte steht dem Einsatz von Interim-Managern jedoch skeptisch gegenüber. Das ehemalige Vorstandsmitglied der HypoVereinsbank bemängelt, Personalarbeit werde viel zu wenig von unternehmenseigenen Führungskräften wahrgenommen, dabei sei sie die "ureigenste Aufgabe des Managements". Als langjähriger Personalchef der ehemaligen Hypobank sei es für ihn kein Thema gewesen, einen Interim-Manager ins Haus zu holen: "Eine solche Kernaufgabe nur auf Zeit zu vergeben, konnte ich mir nicht vorstellen."

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