Ludwig Georg Braun Christlicher Provokateur

Mit Kathetern, Kanülen und Spritzen setzt B. Braun Melsungen Milliarden um. Das Oberhaupt der Eigentümerfamilie, Ludwig Georg Braun, trimmte den Konzern auf Weltformat. Sein Handeln als Unternehmenslenker und Verbandsfürst treibt dabei manchmal kuriose Blüten.
Von Martin Scheele

Hamburg - Erfolgreiche Familienfirmen haben oft sonderbare Attitüden: Ihre meist schwerreichen Eigentümer scheuen die Öffentlichkeit, die Familienstämme sind nicht selten heftigst verfeindet.

Davon kann man beim Medizintechnikhersteller B. Braun aus dem nordhessischem Melsungen nicht gerade sprechen. Der Clan ist bisher nicht von der Dallas-Denver-Krankheit infiziert. Dafür trieben Produktskandale den Blutdruck hoch und Patriarch Ludwig Georg Braun, der eigenwillige Vorstandsvorsitzende, ist immer für eine Schlagzeile gut.

Der Chef aus der fünften Familiengeneration, Jahrgang 1943, bringt seine Umgebung immer wieder zum Staunen, wenn er sich ins öffentliche Leben einmischt. Dabei wirkt der überzeugte Nordhesse auf den ersten Blick äußerst konservativ, zurückhaltend. Dunkle, unauffällige Anzüge, schlanke Erscheinung, fast kahler Kopf - ein Mann, der keine Blicke auf sich zieht.

Entgegen dem äußerlich konservativen Erscheinungsbild präsentiert sich der begeisterte Marathonläufer seinen Gesprächspartnern überraschend spontan und progressiv. Und weil Braun meistens sagt, was er denkt, hat er schon so manches mal Verwirrung gestiftet.

Die größte Wirkung in der Öffentlichkeit erzielen seine Reden als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Braun führt den größten Unternehmerverband Deutschlands seit Anfang 2001. Hohe Wellen schlug damals sein provozierendes Plädoyer für "Nullrunden" bei Lohnabschlüssen. "Verheerend" und "katastrophal" lauteten nur einige der Verbalinjurien, die daraufhin aus dem Lager der Wirtschaft drangen, wollten die übrigen Verbandsbosse doch die Gewerkschaften umgarnen.

Mitarbeiter packen jeden Abend Koffer

Mitarbeiter packen jeden Abend ihre Koffer

"Der Braun agiert total unpolitisch", formulierte ein Lobbyinsider aus dem Politikbetrieb Berlin geharnischt und wünschte sich wie manch seiner Kollegen Hans Peter Stihl zurück. Stihl war Brauns Vorgänger und gilt als politische Routinier. Den effizienten Verbandsmenschen gab Braun (Lebensmotto: Überschätze dich nicht) zudem Rätsel auf, als er ankündigte, er nehme nicht am Bündnis für Arbeit teil, wenn dies weiterhin am Sonntag stattfinde: Dieser Tag gehöre der Familie, findet der fünffache Vater und engagierte Protestant, der Synodale der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck ist.

Eine hoch emotionale Debatte hatte Braun gar kürzlich in Gang gesetzt, als er im "Tagesspiegel" sagte: "Ich empfehle den Unternehmen, nicht auf eine bessere Politik zu warten, sondern jetzt selbst zu handeln und die Chancen zu nutzen, die zum Beispiel in der Osterweiterung liegen." SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter warf ihm daraufhin vor, "vaterlandslos" zu sein. Der Kanzler bewertete Brauns Äußerungen in einer ersten Reaktion als "unpatriotischen Akt". Kurze Zeit später revidierte Schröder aber seine Ansicht, noch am selben Tag telefonierte er mit Braun.

Jeden Mittag wird eine fromme Botschaft verschickt

Braun, der auch das "Jahrhundert der Frauen" ausrief, hat seine Prinzipien, die kaum Raum für Kompromisse lassen. An seiner Passion, das Christentum täglich zu praktizieren, dürfen täglich seine Mitarbeiter teilnehmen. Jeden Mittag, pünktlich um zwölf Uhr, verschickt das Kirchenmitglied eine fromme Botschaft, "die Gedanken zum Tage", - an seine 29.000 Mitarbeiter weltweit. Per E-Mail, bei Brauns wird digital innegehalten. "Die Sorgen sind wie Gespenster. Wer sich nicht vor ihnen fürchtet, dem können sie nichts anhaben", heißt es da oder an einem anderen Tag: "Wer will, dass die Kirche so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt".

Reichlich ungewöhnlich auch Brauns Vorstellungen vom möglichst hierarchiefreien Arbeitsumfeld. So verlieren jeden Abend die Mitarbeiter des Verwaltungsgebäudes ihren Arbeitsplatz, räumlich versteht sich. Wer wo sitzt, entscheidet sich täglich neu, je nachdem wer gerade mit wem zusammenarbeitet. Die Braun'schen Büronomaden ziehen jeden Abend ihren Rollcontainer mit Laptop, schnurlosem Telefon und vier, fünf Hängekarteien hinter sich her auf dem Weg zum neuen Arbeitsplatz. Zu diesem Bürokonzept gehört auch: Auf Statussymbole und persönliche Privilegien müssen die Angestellten verzichten.

Bei so viel revolutionärem Arbeitsumfeld ist es nur konsequent, dass die Braun'schen Wanderameisen in einem extravagant anmutenden Headquarter arbeiten, das vor den Toren der Stadt steht. Eine moderne Skulptur, Quader, Dreieck und Kegel zugleich. Viel Glas, viel Farbe, kaum Türen. Im Volksmund "Braun-Town" genannt, hingestellt von James Stirling, Architekt der Postmoderne. Ein himmelschreiender Kontrast zur Baukunst des 15.000-Einwohner-Städtchens Melsungen: schmalbrüstige Fachwerkhäuser, verziertes Gebälk, enge Gassen - eine deutsche Idylle, in Stilreinheit.

Erfolgsgeheimnis den Rothschilds abgeschaut

Erfolgsgeheimnis den Rothschilds abgeschaut

Überhaupt nicht in diese Idylle passt die hässliche Geschichte, die das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL 1993 enthüllte. B. Braun war gegen Bezahlung über Sektionsgehilfen in Krankenhäusern an illegal beschaffte Hirnhäute gelangt. Aus diesen Hirnhäuten stellte der Konzern eine teure Arznei her, die etwa bei Hauttransplantationen eingesetzt wurde.

Nach Behandlungen mit diesem "Lyodura"-Pflaster erkrankten in Japan zwischen 1985 und 1996 mehr als 40 Menschen. Heute sind fast alle von ihnen gestorben. Die Produktion des Pflasters wurde eingestellt. Braun einigte sich vor Gericht mit den Klägern und zahlte Entschädigungen in Millionen-Euro-Höhe. Die Skandale haben eine tiefe Wunde hinterlassen, deren Narbe nur langsam verheilt. Doch der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte des Unternehmens konnten diese Affären kaum etwas anhaben.

Julius Wilhelm Braun hatte 1839 in einer Apotheke die Firma gegründet und diverse Wässerchen und Heilmittel verkauft. Zum Welterfolg führte die Entwicklung der ersten Kunststoffspritze. Der heutige Umsatz der Weltfirma, die auf fünf Kontinenten Produktionsstätten betreibt, liegt bei 2,8 Milliarden Euro.

Der Kaufmann hat das Sagen

Der traditionsreiche Konzern legt bei aller notwendigen Globalisierung und Internationalisierung Wert auf heimische Standorte und schwört auf Produktion "Made in Germany". Allerdings müssen "Braunianer" sich schon mal zur Mehrarbeit verpflichten, damit deutsche Standorte nicht in Niedriglohnländer ausgesiedelt werden.

Vorteilhaft wirkt sich für die B. Braun-Angestellten aus, dass die Inhabergruppe untereinander nicht zerstritten ist. Zum Familienfrieden trägt sicherlich die langfristige Regelung der Erbfolge und des Vermögensübergangs bei. Und das Rothschild-Prinzip, wonach einzelne Familienmitglieder Tochtergesellschaften im Ausland führen und so vom Unternehmen nicht ausgeschlossen werden. Zudem hat sich die Sippe darauf verständigt, "dass der Kaufmann das Sagen hat".

Womit sich der Kreis wieder beim Betriebswirt Ludwig Georg Braun schließt, dem unangefochtenen Vorstandschef, dem engagierten Protestanten, dem Marathonläufer, dem Verbandsfürsten. Ein Mann, der zu provozieren weiß. Ohne seine unorthodoxen Vorschläge oder Appelle wäre die verbandspolitische Bühne sicherlich ein gutes Stück ärmer. Nicht anzunehmen, dass Braun von diesem Posten so schnell abtritt. Sein Vorgänger, Hans Peter Stihl, führte den DIHK immerhin 13 Jahre lang.

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