Familie Bentz Die Melitta-Männer

Mit einem brillanten Einfall und 73 Reichspfennigen legte Frau Bentz den Grundstein für ein Unternehmen, das seit Jahrzehnten unter ihrem Vornamen "Melitta" bekannt ist. Die drei Enkel Thomas, Jörg und Stephan führen den Konzern heute in ungewöhnlicher Eintracht.
Von Christian Keun und Karsten Langer

Hamburg - Dresden, Marshallstraße, das Haus Nummer 31. In der Wohnung der Familie Bentz wird seit einiger Zeit eifrig gehämmert. Frau Bentz, ihr Gatte Hugo und die zwei Söhne Willy und Horst haben ihre Abstellkammer zur Werkstatt gemacht. Mit Nägeln schlagen sie Löcher in kleine Messingtöpfe. Sind es der Löcher genug, werden die Töpfe gesäubert, ordentlich verpackt und zum nächsten Postamt getragen.

Wir schreiben das Jahr 1908 und erleben Melitta Bentz, 35, am Anfang ihrer Karriere als Unternehmerin. Unlängst hat sich die ebenso einfallsreiche wie geschäftstüchtige Hausfrau vom kaiserlichen Patentamt den Gebrauchsmusterschutz für eine Erfindung bewilligen lassen, deren Serienproduktion sie nun aufnimmt.

Melitta Bentz produziert Kaffeefilter, laut Patentblatt vom 8. Juli 1908 "mit auf der Unterseite gewölbtem und mit Vertiefung versehenem Boden sowie schräg gerichteten Durchflusslöchern" - nebst "Filterpapier". Sie ist des bitteren Kaffeesatzes überdrüssig gewesen, der sich beim Brühen bisher nicht vermeiden ließ. Also hat sie erst zu Hammer und Nagel und dann zum Löschpapier aus den Schulheften der Söhne gegriffen und das Problem auf geniale Weise gelöst.

Drei gute Seelen für den Haushalt

Aus dem beim Handelsregister Dresden angemeldeten "Kaufmännischen Agentur- und Kommissionsgeschäft" - Startkapital: 73 Reichspfennige! - ist die Melitta Unternehmensgruppe Bentz KG mit Sitz im westfälischen Minden geworden.

Im Jahr 2003 erwirtschafteten die rund 3700 Beschäftigten des weltweit agierenden Konzerns einen geschätzten Bruttoumsatz von über 1,1 Milliarden Euro. Angaben zur Gewinnsituation macht Melitta traditionell nicht.

Das Familienunternehmen, zu dem heute rund 50 Firmen gehören, leiten als persönlich haftende Gesellschafter die Enkel der Gründerin, die Brüder Thomas, Jörg und Stephan Bentz. Neben Kaffeefiltern und Papierfiltertüten zählen inzwischen vor allem Röstkaffee und Haushaltsartikel wie Frischhaltefolien oder Staubsaugerbeutel, die unter dem Label Swirl feilgeboten werden, zu ihren Produkten. Gleichzeitig haben sie "Melitta" zur international bekannten Marke geformt.

"Da sprach der Vater ..."

Die immensen Wachtumsraten der vergangenen Jahre sind allerdings Vergangenheit. Ein sinkender Kaffeekonsum in Deutschland und ein harter Preiskampf der großen Anbieter hat dem ehemaligen Kerngeschäft, der Melitta Kaffee GmbH in Bremen, das Geschäftsjahr 2003 gründlich verdorben.

Der Umsatz ist nach Unternehmensangaben um 4,9 Prozent auf 325 Millionen Euro (Vorjahr: 342 Millionen) gesunken. Auch das Ergebnis ist "nicht so gut wie im Jahr zuvor" ausgefallen, sagt Geschäftsführer Hermann Arnold.

"Es war ein knochenhartes Jahr", kommentiert Arnold rückblickend die Ergebnisse. Unter dem andauernden Kampf der großen Anbieter um Marktanteile leide die gesamte Branche. "Ich hoffe, dass der Leidensdruck unter den Beteiligten so stark geworden ist, dass sich ökonomische Vernunft wieder durchsetzt", so Arnold weiter. Unter Berücksichtigung des enormen Wettbewerbs ist das Ergebnis "noch zufrieden stellend" gewesen, meint dagegen Melitta-Gesellschafter Thomas Bentz.

Obwohl Bentz das Familienunternehmen "vor dem konjunkturellen Hintergrund insgesamt gut behauptet sieht", gibt es für für die Melitta-Erben etliche Probleme zu lösen. Unter anderem belasten hohe Abschreibungen auf Fehlinvestitionen am Neuen Markt die Bilanz. Auch der Einstieg in den Markt der Stehcaffee-Ketten Ende der 90er Jahre in den USA und den Niederlanden misslang.

"Jeder hat immer das gesamte Unternehmen im Blick"

Dennoch gibt es kaum Zweifel, dass den Brüdern Bentz auch diese schwierige Aufgabe gelingen wird. Zwar bewegt sich die Gruppe mit ihrem Geschäft fast ausschließlich in stagnierenden Märkten ohne große Wachstumschancen, aber alle drei Brüder eint eine Eigenschaft, die Melitta bisher stets aus allen Krisen geholfen hat: Disziplin. Gegenüber der "Wirtschaftswoche" sagte Thomas Bentz: "Wenn alle sich diszipliniert verhalten, können wir den Burgfrieden wahren". Damit stapelt der mittlere der drei Brüder wie gewöhnlich tief.

Neben der Geschäftsordnung, die das Bentz-Trio peinlich genau einhält, ist ihnen ein weiterer Wesenszug gemein: Toleranz. Jeder lässt jedem seine persönlichen Freiheiten. Während Thomas Bentz mittags gern Tennis spielt, ist Jörg Bentz Nachtarbeiter und taucht manchmal erst nach zehn Uhr im Unternehmen auf.

Außerdem gilt ein Prinzip, für das vor allem die Grünen bekannt waren: Rotation. Die Zuständigkeiten wechseln alle drei bis fünf Jahre, mittlerweile haben alle drei Brüder jedes Ressort einmal geführt. "So hat jeder immer das gesamte Unternehmen im Blick", sagt Thomas Bentz.

Ende der 30er Jahre, als das Vorzeigeprodukt des Hauses noch nicht in jedem besser sortierten Küchenschrank zu finden war, variierte der damals sehr populäre Illustrator Erich Ohser eine seiner Zeichnungen von "Vater und Sohn" zum Reklame-Bildchen. "Da sprach der Vater: Weißt du schon, der Filter heißt Melitta, Sohn." Dieser Tage weiß das die halbe Welt.

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