Karl-Heinz Kipp Später Herbergsvater

Erst machte er in Trachten, dann als "Mister Massa" ein Vermögen. Heute genießt Karl-Heinz Kipp im Schweizer Graubünden seinen Ruhestand und pflegt ein exklusives Hobby: Er sammelt Hotels.
Von Christian Keun und Martin Scheele

Hamburg - In Westdeutschland wird soeben die Währung reformiert, als auch Karl-Heinz Kipp - Jahrgang 1924 - beschließt, dass die Zeit reif sei für einen Neubeginn.

Der gelernte Speditionskaufmann, der "als Kind gern Fleischer geworden" wäre, will sich künftig auf den Handel mit Textilien verlegen - am liebsten gleich en gros. Und so begibt er sich auf die Suche nach einem Firmenmantel, denn zur Gewerbefreiheit ist man in jenen Tagen in der französisch besetzten Zone noch nicht zurückgekehrt.

Kipp wird bald fündig. 1948 erwirbt der Sohn eines Pfälzer Landwarenhändlers die Trierer Trachten- und Bänderhandlung Alfred Massa.

Unterwäsche und Wein für die Winzerin

Die Rechte an dem einprägsamen Namen erkauft er sich von dessen Witwe mit einigen tausend Flaschen Wein, so die Legende. Nach bescheidenen Anfängen am neuen Firmensitz Alzey - der Chef fährt noch selbst über Land, um den Winzerinnen der Region Unterwäsche anzudienen - steigt er ein paar Jahre später in die Textilproduktion ein.

1965 erwächst daraus schließlich der erste Massa-Verbrauchermarkt, dessen Hauptattraktion neben der Bekleidung die Frischfleischtheke ist. Zügig gelingt nun der Aufstieg unter die führenden SB-Warenhäuser. Mit seinem Faible für "Kampfpreise" schockt "Mister Massa" die Konkurrenz in den siebziger Jahren ein ums andere Mal und lockt die Kundschaft scharenweise in seine Riesenläden auf der grünen Wiese.

Zu Beginn der achtziger Jahre aber zeichnen sich erste Ermüdungserscheinungen ab. Mit dem bei den Verbrauchern beliebten, betriebswirtschaftlich aber kaum durchdachten zinslosen Finanzkauf kann Massa-Kipp zwar noch die Umsätze erhöhen. Die Erträge der Unternehmensgruppe schwinden jedoch zusehends. Der finanziellen Sorgen weiß sich der Gründer aber geschickt zu entledigen.

"Es kann ja mal einer zählen"

1986 wandelt er den Familienbetrieb in eine Aktiengesellschaft um, deren Papiere er in zwei Tranchen an die Börse bringt. Stolze 225 Mark (rund 112 Euro) sind im Frühjahr, 515 Mark (rund 257 Euro) gar im Herbst des Jahres für eine Massa-Aktie fällig.

Eigene Anteile verkauft Kipp nach und nach, das letzte Paket - rund 30 Prozent - 1987 an die Asko AG, die später im Metro-Konzern aufgeht. Welch günstigen Zeitpunkt Kipp für seinen Rückzug gewählt hat, erweist sich Jahre später. Als Metro den noch verbliebenen Massa-Aktionären 1997 ein Kaufangebot macht, werden 150 Mark (rund 75 Euro) pro Stück für großzügig gehalten.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Kipp-Sippe, zu der neben dem Senior und Gattin Hannelore noch Tochter Ursula L. Bechtolsheimer gehören, längst im Schweizer Graubünden sesshaft geworden. Kipps Sohn Ernst-Ludwig hatte sich auszahlen lassen und lebte mit seiner Familie als Aussteiger und Erfinder in Florida. Er verstarb im letzten Jahr unerwartet.

Vater Kipp geht seit über zwei Jahrzehnten einer alten Leidenschaft nach: Dem Erwerb von Immobilien, bevorzugt Schweizer Fünf-Sterne-Hotels und Bürotürme in Manhattan. Anfängliche Hürden nahm er in leichtfüßiger Manier. Denn eigentlich dürfen Ausländer in der Schweiz keinen Grundbesitz erwerben (Lex Furgler). Kipp durfte. "Ich besaß in Deutschland auch ein paar Reisebüros. So konnte ich einen Bedarf nachweisen und kam schließlich durch."

Graubündener Hobby-Hotelier

Legendär ist der Coup, mit dem Kipp das Luxushaus "Eden Roc" in Ascona in seinen Besitz brachte: Des Feilschens überdrüssig geworden, hielt er den freudig erregten Mitgliedern der Erbgemeinschaft 50 Millionen Franken unter die leuchtenden Augen. Im Nu verschwanden die geschockten Mitbieter von der Bildfläche, und Kipp gehörte endlich jenes Hotel, das er mehr als jedes andere begehrte. Dort war er schließlich schon als 16-Jähriger abgestiegen.

Wie ärgerlich muss es für solch hotelliebenden Milliardär sein, wenn seine Paläste recht mäßig klassifiziert werden, wie vor vier Jahren sein "Eden Roc"? Unerträglich. Kipp reagierte sofort und zückte das Scheckheft. Deutlich über 100 Millionen steckte er in die Renovierung. Die Investition hatte Erfolg. Der Luxuspalast wurde in einer Umfrage des Wirtschaftsmagazins "Bilanz" zum besten Schweizer Ferienhotel gekürt.

Dass ihm dieses ausgefallene Hobby einmal zu kostspielig werden könnte, steht nicht zu befürchten. Noch immer ist der jetzt 80-jährige Eigentümer der ehemaligen Massa-Immobilien, deren Vermietung an die Metro ihm bis 2015 garantiert 50 Millionen Euro pro Jahr in die Kasse spült.

Wie hoch sein Vermögen genau ist, weiß offenbar Kipp selbst nicht. "Das ist eine Frage der Bewertung, aber es kann ja mal einer kommen und ein paar Wochen lang zählen", meinte er einmal. Andere Dinge im Leben seien wichtiger: "Was für mich zählt, ist die Gesundheit und eine glückliche Familie."

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