Stadionaffäre Blut ist dicker als Geld

"Mein Vater hat nichts gewusst." Karl-Heinz Wildmoser junior lädt im Korruptionsskandal um das Münchener Stadion alle Schuld auf sich. Dem Staatsanwalt genügt das nicht. Wildmoser senior, Präsident des TSV München 1860, bleibt in U-Haft.

München - Im Korruptionsskandal um den Bau des neuen Münchner Fußballstadions "Allianz Arena" ist Karl-Heinz Wildmoser junior in den Mittelpunkt der Anschuldigungen gerückt.

Die Vorwürfe fokussieren sich auf den Wildmoser junior, sagte der Leiter der Staatsanwaltschaft München I, Christian Schmidt-Sommerfeldt, am Mittwochabend in der "Tagesschau". Er wolle aber nicht unbedingt sagen, dass der TSV München 1860-Präsident Karl-Heinz Wildmoser damit entlastet worden ist.

Unterdessen befürchten Vertreter aus Sport und Politik einen Imageschaden für die Weltmeisterschaft 2006 und fordern eine lückenlose Aufklärung. Franz Beckenbauer, der Präsident des deutschen WM- Organisationskomitees, sagte: "Es wird etwas hängen bleiben. Die Schlagzeilen gehen in die ganze Welt." Das werde nicht leicht zu verschmerzen sein, sagte Beckenbauer am Abend in Madrid bei einem Pressegespräch des Pay-TV-Senders "Premiere".

Familienbande

Nach den Schmiergeldvorwürfen in Millionenhöhe gegen TSV München 1860-Präsident Karl-Heinz Wildmoser, seinen Sohn und zwei weitere Verdächtige, nahm Wildmoser junior seinen Vater am Mittwoch mit dem Eingeständnis, Geld genommen zu haben, in Schutz.

"Er hat erklärt, dass er Gelder bekommen hat und dass sein Vater davon nichts wusste", sagte Anwalt Ulrich Ziegert. Er habe mit dem Geld Verluste einer Immobilienfirma der Wildmosers in Dresden ausgleichen wollen. Wildmoser junior wurde am Mittwoch ebenfalls in Untersuchungshaft genommen.

Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) verlangte umfassende und schnelle Aufklärung. Nur so könne verhindert werden, "dass ein Schatten auf die Ausrichtung der WM 2006 fällt". Auch Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) warnte vor Schaden für das Ansehen Deutschlands. Der Fall gebe ein verheerendes Bild ab.

Mitgehangen, mitgefangen

Mitgehangen, mitgefangen

"Löwen"-Chef Wildmoser senior saß am Mittwochabend weiter in Untersuchungshaft.

Er war am Dienstag verhaftet worden. Er lässt nach Angaben seines Anwalts, der von einer "gigantischen Vorverurteilung" sprach, seine Vereinsämter zunächst ruhen.

Das Vermögen der Wildmosers ist nach einem Pfändungsbeschluss gesperrt. Einer der vier Festgenommenen kam am Mittwoch nach einem umfassenden Geständnis wieder frei. Er soll an dem Geldfluss beteiligt gewesen sein und 60.000 Euro kassiert haben.

Wildmoser junior, der Geschäftsführer der Weißer Hirsch Immobilien GmbH in Dresden ist, habe einen Betrag von mehr als zwei Millionen Euro von einem ebenfalls verdächtigten Schulfreund erhalten, berichtete sein Anwalt. Dieser habe von der Baugesellschaft Alpine eine Provisionszahlung von 2,8 Millionen Euro bekommen.

"Sie können nicht weitermachen"

Es sei darum gegangen, das Modell der Alpine für die neue Fußballarena in der bayerischen Landeshauptstadt durchzubringen. Dabei habe sich der Freund Wildmosers Unterstützung erhofft. Es seien aber keinerlei Informationen über Preise oder ein Angebotslimit für das Stadion weitergegeben worden.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), der Mitglied im Aufsichtsrat beim TSV 1860 München ist, forderte von Vater und Sohn Konsequenzen. "Ich glaube, dass der Skandal ein solches Ausmaß hat, dass sie nicht weitermachen können, als wäre nichts geschehen", sagte Ude gegenüber dem Fernsehsender N-TV.

Für Ude ändert offenbar auch die Aussage von Karl-Heinz Wildmoser junior nichts an seiner Meinung. Beide Wildmosers seien nach seinem Eindruck als "enge Einheit" aufgetreten.

Untreue, Bestechlichkeit, Steuerhinterziehung

Untreue, Bestechlichkeit, Steuerhinterziehung

Der Vorwurf in der Affäre: Der "Löwen"-Chef und sein Sohn sollen bei der Vergabe des Auftrags für die "Allianz Arena" an die Alpine Bau Deutschland GmbH Schmiergelder in Höhe von 2,8 Millionen Euro kassiert haben. Nach Angaben der Fahnder besteht der Verdacht der Untreue, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung.

Konkret soll Wildmoser Alpine gesteckt haben, dass die Münchner Bundesligavereine als Bauherren maximal 280 Millionen Euro für den Neubau des Stadions akzeptieren wollten. Damit konnte die Firma - so der Verdacht - den Betrag voll ausreizen. Der Auftrag für den Bau wurde nach Auffassung der Ermittler genau zum Maximalbetrag und damit zu "einem deutlich überhöhten Preis" vergeben.

Das österreichische Bauunternehmen Alpine Mayreder in Salzburg zeigte sich betroffen. "Wir sind über die erhobenen Vorwürfe zutiefst schockiert und bieten der Staatsanwaltschaft selbstverständlich volle Kooperation an", hieß in einer Mitteilung. Der deutsche Rekordmeister FC Bayern will prüfen, ob ihm durch die Affäre Nachteile entstanden sind. Der Versicherungskonzern Allianz als Namensgeber will zunächst keine rechtlichen Schritte einleiten.

"Das Stadion ist nicht in Gefahr"

Beckenbauer sagte, vom Internationalen Fußball-Verband (FIFA) sei das WM-OK wegen der Affäre bislang nicht kontaktiert worden, Um den Weiterbau der "Allianz Arena", in der am 9. Juni 2006 das WM- Eröffnungsspiel stattfinden soll, mache er sich keine Sorgen: "Das Stadion ist nicht in Gefahr. Es wird weiter gebaut. Es gibt vielleicht eine kleine zeitliche Verzögerung."

Für den FC Bayern, der das Stadion gemeinsam mit dem TSV 1860 München baut und finanziert, sieht Beckenbauer keine Schwierigkeiten. "Wir haben die Finanzierung fest im Griff." Allerdings benötige man die "Löwen" weiterhin als Partner: "Wir brauchen die Sechziger schon und sie werden auch in dem Stadion spielen." Nur mit Spielen des FC Bayern seien die Kosten für die Arena nicht zu finanzieren.

Unterdessen wird schon über die Nachfolge des 64-jährigen Wildmosers bei den "Löwen" spekuliert. Ude brachte den früheren bayerischen Wissenschaftsminister Hans Zehetmair ins Gespräch. Der CSU-Politiker ist Mitglied des Verwaltungsrats bei den "Löwen".

Zehetmair ist grundsätzlich zu einer Kandidatur für das Präsidentenamt bereit, zeigte sich jedoch keinesfalls begeistert. Der Aufsichtsrat des TSV soll am kommenden Montag beraten. "Auf dieser Sitzung werden wohl die Würfel für die Zukunft des Vereins fallen", sagte Zehetmair.

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