Dieter Schwarz Aldis Erzfeind

Es kann nur einen geben, und das ist Aldi. Dieses eherne Gesetz der deutschen Discounter-Landschaft untergräbt Lidl-Gründer Dieter Schwarz langsam, aber beharrlich. Seine Supermarktkette schickt sich an, den Konkurrenten zu schlagen. Der Strippenzieher im Hintergrund jedoch bleibt ein Geheimniskrämer.
Von Karsten Langer

Hamburg - Fast alle Deutschen kennen Lidl. Aber wer kennt Dieter Schwarz (63)? Der Herrscher über das Lidl & Schwarz-Imperium beherrscht es perfekt, seine Identität zu verschleiern. Nicht nur in diesem Wesenszug ähnelt er seinen Vorbildern Karl und Theo Albrecht, von denen behauptet wird, sie hielten sich besser versteckt als der Yeti.

Wie seine Konkurrenten wünscht auch der Vorsteher der Lidl & Schwarz-Gruppe kein allzu großes Publikum für seine unternehmerischen Aktivitäten: Fotografieren lässt er sich nie, Interviews lehnt er strikt ab, Auskunft zur wirtschaftlichen Lage seines Firmenkonglomerats erteilt er nur Mitstreitern.

Trotz der Gemeinsamkeiten leben Dieter Schwarz und die Herren Albrecht mitnichten in friedlicher Koexistenz. Das Aldi-Prinzip hat Schwarz nahezu perfekt kopiert und sich so im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte vom kleinen Bruder zum Aldi-Erzfeind gemausert. Dem Vernehmen nach ist es das erklärte Ziel von Schwarz, seinen Konkurrenten Deutschlands Discount-Krone zu entreißen.

Hecht im Karpfenteich

Das gelingt dem erklärten Aldi-Jäger den Zahlen zufolge immer besser. So hat Lidl im vergangenen Jahr reiche Beute gemacht: Dem europäischen Branchenzweiten ist es gelungen, dem großen Konkurrenten rund 156 Millionen Umsatz direkt abzuknöpfen. Die Discounter Plus, Penny und Netto verloren zusammen 90 Millionen Euro an Lidl.

Beim Wachstum lagen die Neckarsulmer ebenfalls vorn: so eröffnete Lidl deutlich mehr neue Filialen (422) als Aldi Nord und Süd (290). Bei Markenprodukten kletterte der Lidl-Umsatz um 28 Prozent, bei Handelsmarken um 12 Prozent. Aldi setzt dagegen zu zwei Dritteln auf die eigenen Handelsmarken, die vielfach auch von Markenherstellern produziert werden.

Trotz der wachsenden Popularität dringen nur wenige Lidl-Interna an die Öffentlichkeit, die Erfolgsgeschichte des Dieter Schwarz spielt sich über weite Strecken im Verborgenen ab. Die Zentrale im schwäbischen Neckarsulm sei besser bewacht als Fort Knox, behaupten Insider.

"Jeder stöhnt über den bösen Lidl"

"Jeder stöhnt über den bösen Lidl"

Lidl-Einkäufer gelten in der Branche als besonders aggressiv, von den Zulieferern werden rigoros hohe Preisabschläge eingefordert. Seine Marktmacht nutzt Dieter Schwarz offensichtlich hemmungslos aus.

"Jeder stöhnt über den bösen Lidl, aber am Ende wollen alle mit dabei sein", berichtet ein Branchenkenner. Darüber hinaus ist nur wenig bekannt über das Unternehmen. Deswegen hat sich der Lebensmittelriese in der Branche den Spitznamen "Geheimniskrämer" eingehandelt.

Sein Vermögen hat Dieter Schwarz steuersparend in eine Stiftung eingebracht. Zu dem Konzern, inzwischen die Nummer fünf im deutschen Lebensmittelhandel, gehören auch die Großflächenmärkte Kaufland und Handelshof. Sie werden allerdings getrennt von der Discountsparte geführt.

"Der Schlüssel unseres Erfolgs ist die Einfachheit"

"Unser Grundprinzip und der Schlüssel unseres Erfolgs ist die Einfachheit", teilt Lidl auf seiner Internetseite mit. Alles soll möglichst preiswert sein. Aldi setzt bei seinen Aktionen auf feste Partner wie zum Beispiel den Elektronik-Anbieter Medion. Für Lidl zählt allein das billigste Angebot. Dieses Prinzip verfolgt Dieter Schwarz obsessiv von Anbeginn seiner Karriere.

Die Geschichte des Schwarz-Imperiums beginnt 1930. Vater Josef tritt als Komplementär in die Südfrüchte Großhandlung Lidl & Co. ein, die er rasch zur Sortimentsgroßhandlung für Lebensmittel umgestaltet. Sie wird 1944 zerstört. Binnen zehn Jahren gelingt der Wiederaufbau. Die Firma erhält in Heilbronn erneut ein eigenes Domizil und tritt zugleich in die A&O Handelskette ein.

1972 wird die Zentrale nach Neckarsulm verlegt. Fünf Jahre später stirbt Schwarz senior im Alter von 74 Jahren. Die Macht im Hause Lidl fällt an seinen Sohn Dieter, der die Familiengeschäfte schon seit einigen Jahren an der Seite des Vaters führt.

Ein Tausender für Ludwig

Ein Tausender für Ludwig Lidl

Gleich zu Beginn seiner Karriere beweist der Jungmanager ein gerüttelt Maß Cleverness. Den Namen Lidl, der die väterliche Firma ziert, darf er aus rechtlichen Gründen nicht ohne weiteres übernehmen.

Aber mit einem "Schwarz-Markt" sein Glück versuchen? Kurzerhand kauft er einem pensionierten Gewerbeschullehrer namens Ludwig Lidl dessen Namensrechte für 1000 Mark ab und sorgt fortan ganz legal mit seiner Gesellschaft "Lidl & Schwarz" für Furore.

Diese ist vor allem auf zwei Feldern aktiv, dem Discount und den SB-Warenhäusern. Von Süddeutschland aus startet Dieter Schwarz mit seinen Supermärkten. Erfolg ist ihm beschieden, da er vor allem eines ist: billiger als die Konkurrenz.

"Für Lidl spielt es keine Rolle, ob Aldi schon dort ist"

Dieter Schwarz gehe jeden Preis mit, heißt es, was nicht nur den Schwaben gefällt. Weithin unbemerkt arbeitet sich Schwarz bei den Lebensmittelhändlern in Deutschland hinter Metro, Rewe, Edeka und Aldi auf Rang fünf vor.

Das Unternehmen expandiert zunächst in die Region, bald in die ganze Republik und schließlich auch über die Grenzen hinaus in das europäische Ausland. Dort ist Lidl inzwischen breiter aufgestellt als der Hauptkonkurrent Aldi. Ständig sucht Lidl neue Grundstücke zum Kauf oder zur Miete.

Norwegen, Ungarn und Slowenien sollen 2004 in Angriff genommen werden, der Sprung nach Kanada wird vorbereitet. Branchenbeobachter vermuten, dass das Unternehmen bald den amerikanischen Markt ins Auge fassen könnte. "Für Lidl spielt es keine Rolle, ob Aldi schon dort ist", meint Herbert Kuhn von der Unternehmensberatung M+M Eurodata.

Das Vermächtnis des Dieter Schwarz

Das Vermächtnis des Dieter Schwarz

Experten schätzen, dass der schweigsame Konzernlenker unterdessen über 5600 Supermärkte und SB-Warenhäuser betreibt und damit zum zweitgrößten Lebensmittelhändler des Kontinents aufgestiegen ist. Den Gesamtumsatz für 2003 schätzen die Marktforscher der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) auf 32 Milliarden Euro, die Zahl der Mitarbeiter liegt bei rund 80.000.

Deutschlands Tophändler

Unternehmen Gesamtumsatz in Mrd. Euro* davon Food-Umsatz in Mrd. Euro*
1. Metro 32,0 14,4
2. Rewe 28,6 19,6
3. Edeka/AVA 25,2 20,9
4. Aldi 25,0 20,3
5. Schwarz 17,2 13,8
* z.T. geschätzt; Quelle: M+M Eurodata

Trotz der Konsumflaute konnte das Lidl-Imperium die Erlöse 2003 um 12 Prozent steigern. Aldi (Nord und Süd zusammen) kam auf ein Plus von nur 5,5 Prozent. Die Erlöse der Aldi-Gruppe sollen zwischen 26 und 30 Milliarden Euro liegen.

Vor drei Jahren hat Schwarz, der als weitsichtiger Patron mit Fingerspitzengefühl gilt, seinen Rückzug in die Wege geleitet. Er übertrug das Eigentum an seinem Handelsunternehmen auf die gemeinnützige Dieter Schwarz Stiftung GmbH, deren Zweck unter anderem die Förderung von Wissenschaft und Forschung, von Kunst und Kultur ist.

Diese Stiftung wiederum hält 99,9 Prozent des Kapitals der Schwarz Beteiligungs GmbH, in der alle Beteiligungen an operativen Gesellschaften gebündelt sind. Die beiden wichtigsten: die Kaufland Stiftung & Co. KG, unter deren Dach das Warenhausgeschäft zusammengeführt wird; daneben die Lidl Stiftung & Co. KG, der die "Lidl"-Discounter zugeordnet sind.

Das letzte Wort hat Dieter Schwarz

Zwar verfügt die Dieter Schwarz Stiftung über die Kapitalmehrheit an der Beteiligungsgesellschaft, Stimmrechte hingegen besitzt sie nicht.

Diese liegen bei der Schwarz Unternehmenstreuhand KG, die ihrerseits die restlichen 0,1 Prozent der Kapitalanteile besitzt. Die Holding ist das eigentliche Machtzentrum des Konzerns. Aus dieser hat sich jetzt Dieter Schwarz offiziell zurückgezogen. Zum alleinigen Komplementär wurde Schwarz langjähriger Weggefährte Klaus Gehrig bestimmt.

Diese Stiftungskonstruktion soll gewährleisten, dass die Lidl & Schwarz-Unternehmensgruppe auch in Zeiten wachsender Konzentration in der Branche unabhängig bleibt und "noch in zehn Jahren als eigenständige Firma zu den ersten Zehn des hiesigen Einzelhandels" gehört.

Trotz des formal vollzogenen Abgangs hat Dieter Schwarz im Unternehmen weiterhin das letzte Wort. Der Treuhand KG gehört er weiterhin als außerordentliches Mitglied an. Missliebige Entscheidungen kann Schwarz mit seinem exklusiven Vetorecht auch künftig jederzeit blockieren.

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