DaimlerChrysler Die nach dem Stern greifen

Bodo Uebber und Wolfgang Bernhard, beide Protegés des Konzernlenkers Jürgen Schrempp, erfahren höhere Weihen. Der Ex-Debis-Vorstand und der Chrysler-Vize rücken in der Konzernhierarchie auf. Nun warten auf sie schwierige Aufgaben.

Düsseldorf - Die Neuordnung der Führungsetage von DaimlerChrysler  scheint beschlossene Sache. Es wird wohl so kommen, wie es sich Konzernlenker Jürgen Schrempp (58) vorgestellt hat.

Als ausgemacht gilt, dass Wolfgang Bernhard (42) "Mister Mercedes" wird, also die Sparte Mercedes anführen soll. Altersbedingt scheidet dafür Jürgen Hubbert (65) im kommenden Jahr aus. Aus dem gleichen Grund wird das Amt des Finanzvorstandes des deutsch-amerikanischen Autobauers neu besetzt. Erster Aspirant für die Nachfolge von Manfred Gentz (62) ist Bodo Uebber (45).

Bernhard ist derzeit Produktionschef von Chrysler, wo er zusammen mit Frontmann Dieter Zetsche (50) mit allen Kräften versucht, den amerikanischen Patienten wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Immerhin: Die DaimlerChrysler-Sparte hat nach Medienberichten im Geschäftsjahr 2003 "nur" einen minimalen Verlust verbucht. Im zweiten Quartal des Jahres wurde noch ein Minus von fast einer Milliarde Euro erwirtschaftet.

Maut-Pleite kratzt am Image von Debis

Dagegen gilt Bodo Uebbers letzte berufliche Station, die Finanzierungs- und Leasingsparte, als äußerst profitables Unternehmen. Bei seinem Intermezzo bei Debis konnte er allerdings in Sachen Lkw-Maut nicht mehr das Ruder herumreißen. DaimlerChrysler ist neben der Deutschen Telekom  und dem französischen Autobahnbetreiber Cofiroute an Toll Collect beteiligt. Am heutigen Dienstag erklärte Bundesverkehrsminister Stolpe die Verhandlungen mit Toll Collect für gescheitert. Ein gewaltiger Imageschaden für alle Beteiligten. Mehr noch: Den Unternehmen droht ein finanzieller Verlust in Milliardenhöhe.

Uebber stand dem Debis-Vorstand erst seit Mitte Dezember 2003 vor, nachdem Klaus Mangold aus diesem Amt geschieden war, der sich künftig im Auftrag der Bundesregierung auf die Kontaktpflege zu mittel- und osteuropäischen Staaten widmen will. Aufgefallen ist Uebber Konzernchef Schrempp vor genau zehn Jahren. Damals war Schrempp Chef bei der Daimler-Tochter Dasa, dem Luft- und Raumfahrtunternehmen, das später im deutsch-französischen Konzern EADS  aufging.

Kennzeichen: Understatement

Uebber war zu diesem Zeitpunkt Controlling-Leiter der Dasa-Tochter Dornier. Der gebürtige Solinger, dessen Eltern einen Handwerksbetrieb besitzen, fiel bei Schrempp schnell durch Sachkenntnis, scharfe Analyse und Entschlossenheit auf. Auch im Mitarbeiterkreis kommt der Skatspieler und Skifahrer Uebber gut an. Gern erinnern sich MTU-Angestellte an gemeinsame Stelldicheins mit dem studierten Wirtschaftsingenieur, bei denen im Winter neue Skier ausprobiert wurden. Abends lädt der Genießer, der eine legendäre "Pagode" (Mercedes SL-Coupé der Baureihe W113) fährt, gern Freunde und Geschäftspartner zu sich nach Hause ein, um sie von seiner Kochkunst (Spezialität: italienische Küche) zu überzeugen.

Mit deutlich schnelleren Autos als einer Pagode umgibt sich lieber der Mann, der ein Jahr (1999-2000) die Mercedes-Tuning-Schmiede AMG anführte und dem es dort innerhalb kurzer Zeit gelang, Umsatz und Gewinn zu verdoppeln: Wolfgang Bernhard. Bei AMD hatte er es ausschließlich mit Autos zu tun, die von 0 auf 100 in weniger als drei Sekunden beschleunigen können. Privat favorisiert der "Pierce Brosnan der Autoindustrie" ebenfalls schnelle Flitzer.

"Fallschirmjäger über dem Minenfeld"

Ähnlich wie Uebber hat Bernhard berufliche Krisen bisher noch nicht erlebt. Mercedes holte den drahtigen Allgäuer, nachdem dieser einen McKinsey-Auftrag - den Materialeinkauf von Mercedes zu durchforsten - erfolgreich erledigte. "Innerhalb von drei Jahren haben wir 2,7 Milliarden Euro reingeholt", sagt Bernhard um noch fast entschuldigend hinzuzufügen "Das ist brutal gelaufen". Besonders stolz ist Bernhard auf diese Station aber offenbar nicht mehr. Der Name McKinsey wird in seinem Lebenslauf nicht erwähnt.

Im Gegensatz zu Uebber genießt Bernhard bei einigen Arbeitnehmervertretern nicht den besten Ruf. Kaum verwunderlich - der "Kostenkiller par excellence" mit MBA der New Yorker Columbia University drückte bei Chrysler ein milliardenschweres Sparprogramm durch. 26.000 Angestellte mussten gehen, Fabriken wurden geschlossen. Für persönliche Emotionen wie am Anfang - "ich fühlte mich wie ein Fallschirmjäger im Minenfeld" - war bald kein Platz mehr.

Im Blaumann ans Fließband

Anerkennung erwarb sich Bernhard bei Schrempp, als er die Montage der Mercedes S-Klasse leitete - mit gerade mal 33 Jahren. Dabei agierte Bernhard fast schon kumpelhaft, als er zweimal in der Woche im Blaumann ans Fließband trat und mit anpackte. "Ich hab damals das Autobauen von Grund auf gelernt", sagt er heute rückblickend.

Bei Mercedes erwartet Bernhard eine schwierige Zeit. In den vergangenen zwölf Monaten verkaufte die Nobelmarke zwei Prozent weniger als die 1,1 Millionen Fahrzeuge des Vorjahres. Die Gründe liegen für Auto-Experten auf der Hand: zu wenig Komfort fürs Geld, Qualitätsprobleme, miserables Abschneiden bei Pannenstatistiken und schwindende Kundenzufriedenheit.

Die traditionsreiche Marke erreichte etwa in den USA lediglich Platz 15 des wichtigen Qualitäts-Rankings der Marktforschungsfirma J.D. Power. 1996 hatte Mercedes noch Rang sieben belegt. Selbst in deutschen Gefilden sinkt der Stern: Beim ADAC-Automarkenindex Marxx fiel Mercedes aktuell hinter den Erzrivalen BMW  zurück - insbesondere wegen der Unzufriedenheit der Kunden, die vor allem über Probleme mit der komplexen Elektronik klagen. Genug Arbeit also für Bernhard.

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