Hartmann Volle Kraft zurück

In einer Blitzaktion wurde Vorstandschef Ulrich Hemel aus dem Amt gejagt. Ebenso schnell versuchten die Eigentümer des Medizintechnikherstellers Paul Hartmann einen Nachfolger zu finden. Der Lieblingskandidat - der Fresenius-Manager Rainer Baule – sprang offenbar in letzter Minute ab.
Von Martin Scheele

Heidenheim - Herbe Niederlagen im Berufsleben kannte Ulrich Hemel (47) bisher nicht. Doch vergangene Woche brauten sich dunkle Wolken innerhalb kürzester Zeit über ihm zusammen. Dann ging alles blitzschnell.

Sonntag erhielt der Vorstandschef des Medizin- und Pflegeproduktherstellers Paul Hartmann  die Information, sich am Montag in der Münchener Kardinal-Faulhaber-Straße 10 einzufinden. Dort logiert die Kanzlei des Aufsichtsratsvorsitzenden von Hartmann, Karl-Heinz Weiss (75). Hemel war sofort klar, seine Zeit bei Hartmann war abgelaufen. Und tatsächlich: Am 27. Februar ist sein letzter Arbeitstag beim Heidenheimer Mittelständler.

Parallel zum Rauswurf Hemels versuchte AR-Chef Weiss einen Nachfolger zu finden. Mit dem Fresenius-Manager Rainer Baule (54) schien schon alles klar. Der Vorstandsvorsitzende der auf Ernährungs- und Infusionstherapien spezialisierten Fresenius Kabi-AG hatte schon bei seinem Kontrollgremium vorgefühlt und grünes Licht bekommen. Auf der nächsten Aufsichtsratssitzung von Hartmann am 10. März sollte der Arbeitsvertrag unterschrieben werden. Doch aus bisher ungeklärten Gründen trat Baule den Rückzug an.

Warum ist es überhaupt zu der Trennung von Hemel und Hartmann gekommen? Der Grund sind offiziell Meinungsverschiedenheiten über die künftige Strategie des stark expandierenden Unternehmens. Einer weiteren Expansion erteilten sie eine Absage. Hemel dagegen beabsichtigte das internationale Geschäft auszubauen.

"Sie dürfen alles ändern, aber niemandem kündigen"

Ein weiterer Zankapfel war Hemels unermüdlich vorgetragene Idee, den bislang nur im Freiverkehr notierten Konzern für den Kapitalmarkt weiter zu öffnen. Der Streubesitz von derzeit 15 Prozent sollte deutlich erhöht werden. Größter Anteilseigner ist mit 31 Prozent die Familie Hartmann, institutionelle Investoren - darunter die R+V Versicherung - halten 27 Prozent.

Dass Hemel erfolgreich gewirtschaftet hat, bestreitet kaum jemand. Zeit seines Schaffens bei Hartmann erhielt Hemel viel Lob. 1996 startete er seine Karriere bei dem Hersteller von Fixies und Kneipp-Artikeln. Von Personalvorstand Friedrich Pohl angeheuert, staunte Hemel anfangs nicht schlecht über die Behäbigkeit des Mittelständlers, der mit seiner beeindruckenden Eigenkapitalquote von 65 Prozent von sich reden machte - dessen Umsatz aber bei 500 Millionen Euro herumdümpelte.

Vom Theologie-Prof zum Topmanager

Einser-Abitur nach 11 Schuljahren, mit 31 Professor

Hemel stieg in das Unternehmen als Abteilungsleiter Akquisitionen und Internationale Unternehmensentwicklung ein. Zu diesem Zeitpunkt war "Hartmann beratungsresistent, die Führungsriege beschäftigte sich lieber mit sich selber" lästerten damals Kenner des Unternehmens von der Schwäbischen Alb. Hemel sollte das ändern, sollte dem alteingessenen Betrieb Dampf machen. "Sie dürfen alles ändern, aber niemandem kündigen", hieß es kühn von Eigentümerseite.

Hemel gelang die eigentlich unmögliche Aufgabe. Wohl auch Dank seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten, die er schon früh an den Tag legte. So bestand er nach elf Schuljahren das Abitur mit der Note 1,0, promovierte mit 23 und habilitierte mit 31. Der Theologie-Professor gründete danach ein Software-Unternehmen und verkaufte kirchlichen Organisationen PC-Programme.

Mehr und mehr lernte er die Wirtschaftswelt zu schätzen und wechselte als Unternehmensberater zu Boston Consulting. Ein ideales Karrieresprungbrett für den ehrgeizigen Mann. 1996 schließlich erhielt er den Ruf zur Paul Hartmann AG, nicht ohne weiterhin an der Universität Regensburg katholische Religionspädagogik zu lehren.

Procter & Gamble und Johnson & Johnson lauern

Wo auch immer Hemel auftrat, seine offene und faire Art wurde stets gelobt. Das hieß mitnichten, dass er naiv oder ein Gutmensch ist. Er weiß sich durchzusetzen. Bei "Paulchen Hartmann", wie der schwäbische Mittelständler liebevoll von den Angestellten genannt wird, wurde Hemels energische Art zwar anfangs skeptisch beäugt. Überzeugt hatte Hemel die Belegschaft mit seinem Konzept, indem er das Unternehmen stark redete und versprach auf die schwäbischen Wurzeln zu achten.

Unaufhörlich predigte Hemel allerdings auch, dass der Konzern schnell groß werden müsse, dass die noch größeren Konzerne ihn nicht verdauen können. Multis wie Procter & Gamble  und Johnson & Johnson  hatten schon vorgesprochen und wollten Hartmann übernehmen.

Also schlug Hemel den Expansionsweg ein. Schnell kursierte der folgende Witz: Seine Sekretärin buche für ihn nur noch Nonstop-Flüge, damit er nicht unterwegs eine Firma kaufen könne. Seit 1998 im Vorstand des Unternehmens und seit 2001 Vorstandsvorsitzender änderte sich vor allem das Tempo des Wachstums. Der Umsatz wuchs in Hemels Amtszeit um mehr als 50 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro, die Zahl der Mitarbeiter stieg von 6000 auf 10.100, die Zahl der Tochtergesellschaften von 18 auf 38. Noch wichtiger: Zuletzt kletterte der Jahresüberschuss auf 38 Millionen Euro - Rekord in der Geschichte der Paul Hartmann AG, die 1818 gegründet wurde.

Weiss unterschätzte Hemels Dynamik

Finanzvorstand sollte Hemel kontrollieren

Dieser Erfolg sprach sich schnell herum. Der Bundesverband der Unternehmensberater verlieh Hemel den Management Award 2003/2004. "Hemel habe innerhalb kurzer Zeit wesentlich zur beeindruckenden Umsatz- und Gewinnentwicklung der Paul Hartmann AG beigetragen und den Weg in die Zukunft als globales Unternehmen geebnet", hieß es in der Laudatio. Um auch darauf hinzuweisen, dass Hemel mit "Ethik, Klarheit und Offenheit wie vielleicht kein anderer Manager in Deutschland ausgestattet ist."

Trotz der rasanten Expansion stieg in Hemels Amtszeit sogar die Umsatzrendite. Im Jahr 2000 betrug sie 1,4 Prozent, Ende 2003 ergab sich ein Wert von 2,5 Prozent. Den Eigentümern war dieser Wert wohl immer noch zu niedrig - schließlich betrug die Umsatzrendite in den neunziger Jahren schon einmal fast vier Prozent. Nicht anlasten kann man Hemel sein Wirken hinsichtlich der Verschuldungssituation. Laut dem Aktionärsbrief ist die Verschuldung des Konzerns, die Ende 2002 217 Millionen Euro betrug, im vergangenen Jahr um 46 Millionen Euro gesenkt worden. Objektiven Grund zur Kritik haben die Anteilseigner wohl nur hinsichtlich des Rückgangs der Eigenkapitalquote, die im Moment etwa 40 Prozent beträgt. "Das Unternehmen hat Substanz verloren", grummelte denn auch ein hochrangiger Manager.

Für viele Unternehmenskenner hat die Entlassung Hemels eher mit einem persönlichen Konflikt zutun. Der im Aufsichtsrat sitzende IG-Metall-Beauftragte, Rudolf Neidlein meint heute: "Die Anteilseigner haben völlig unterschätzt, welche Dynamik Hemel entwickeln würde." Eine Dynamik, die Hemels Gegenspieler, der langjährige Chef des Aufsichtsrats, Karl-Heinz Weiss, wohl nicht länger mittragen wollte. Eigentlich hatte er beabsichtigt den Tatendrang Hemels zu steuern - so wie es ihm richtig erschien. Deshalb wurde mit Finanzvorstand Hans-Peter Wagner Mitte 2002 ein Weiss-Vertrauter installiert, der Hemel kontrollieren sollte. Doch offenbar war Hemel nicht zu stoppen.

Hemel hatte Belegschaft auf seiner Seite

Das Ende von der Geschicht': Gegenüber Weiss saß Hemel am kürzeren Hebel. Der Wirtschaftsanwalt aus München dominiert den Aufsichtsrat schon seit über 15 Jahren, kennt das Unternehmen wie kein Zweiter. Auf Außenstehende wirkt Weiss gemütlich, doch Kenner berichten, dass Weiss autokratische Züge trägt. Gegen Hemels Rauswurf sprachen sich vehement die Arbeitnehmervertreter aus. Bei einer Pattsituation im Aufsichtsrat zählt die Stimme des Vorsitzenden aber doppelt. Weiss kam also mit seinem Vorhaben durch.

IG-Metall-Beauftragter Neidlein erwartet trotz des Vorstandswechsels zunächst keine bedeutenden Veränderungen in der Strategie. "Bis zum Anfang des zweiten Halbjahres glaube ich an keine Veränderungen." Gerüchte, wonach Standorte im Ausland geschlossen werden sollen, konnte Neidlein nicht bestätigen.

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