Gründer "Wir freuen uns nicht, wenn jemand Erfolg hat"

Die Kapitalgeber halten sich zurück, die Steuern sind hoch und die Beratung lässt zu wünschen übrig. Warum es in Deutschland so schwierig ist, Unternehmen zu gründen - eine Momentaufnahme.

Potsdam - Marc Hildebrandt hat es geschafft. Seit drei Jahren vertreibt der 23-Jährige Software für 3D-Anwendungen. Seine IT-Firma Equaduct in Schwielowsee (Potsdam-Mittelmark) hat inzwischen 15 Festangestellte und erzielte im vergangenen Jahr 606.000 Euro Umsatz (2002: 298 000).

Doch Hildebrandt ist fast eine Ausnahme. Seit Jahren sinkt in Deutschland die Zahl derer, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Für den Rückgang der Existenzgründungen machen Experten ein ganzes Bündel von Ursachen verantwortlich - und sehen Deutschland international einmal mehr im Hintertreffen.

Zum einen halten sich derzeit Banken und Geldgeber eher zurück. Zum anderen sei es in Deutschland generell nicht besonders attraktiv, sich selbstständig zu machen, klagt der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger Unternehmer (ASU), Max Schön.

"Wir freuen uns nicht, wenn jemand Erfolg hat, sondern überlegen: Wie schöpfen wir das am besten ab?" Die Steuerlast auf einen Gewinn aus dem ersten Geschäftsjahr summiere sich für einen Unternehmer hier zu Lande auf 78 Prozent - das sei unangefochtener Spitzenwert in der Europäischen Union. In Großbritannien und Spanien etwa liege der Wert bei 25 bis 30 Prozent. Laut ASU-Schätzung sind etwa 3 Millionen von rund 40 Millionen Werktätigen in Deutschland selbstständig.

Immer weniger Gründer

Nach Erhebungen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sank die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland seit 1998 kontinuierlich von 513.000 auf 452.000 im Jahr 2003. Der Anteil Ostdeutschlands lag dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zufolge im Jahr 2002 bei 21 Prozent.

IAB-Fachmann Frank Wießner sieht einen Grund für den Rückgang in der seit Jahren hohen Zahl von Firmenpleiten in Deutschland - laut Wirtschaftsauskunftei Creditreform 40.000 im vergangenen Jahr, Tendenz steigend. "Die wachsende Zahl von Insolvenzen und die allgemein angespannte Konjunkturlage steigert natürlich die Angst vor einem Scheitern", sagt Wießner. Nach IAB-Berechnungen halten sich nach drei Jahren noch 70 Prozent der Unternehmer, die für ihre Firmengründung Überbrückungsgeld vom Staat erhielten.

Zahlreiche Förderprogramme

Zwar ist Deutschland nach Auskunft des Betriebswirtschaftlers Dieter Wagner bei Förderprogrammen international Spitze. "Doch mit finanzieller Förderung allein kriegt man es nicht hin", betont der Potsdamer Professor. "Man müsste noch stärker dahin kommen, Existenzgründer auch noch nach dem Aufbau einer Firma gezielt zu beraten und zu coachen." Das Land Brandenburg stellt beispielsweise Firmengründern so genannte Lotsen an die Seite, die beispielsweise Finanzberatung oder Marketingschulung vermitteln. Je Gründer stehen nach Angaben des Potsdamer Arbeitsministeriums 1300 Euro zur Verfügung. Insgesamt sind für die derzeit 17 Lotsendienste in den Jahren 2004/05 rund zehn Millionen Euro vorgesehen.

Die Stiftung Warentest sieht Existenzgründer in Deutschland jedoch insgesamt schlecht beraten. Die meisten Seminare und Ratgeber, die den Markt inzwischen überschwemmen, ließen "fachlich und organisatorisch viele Wünsche offen". Bei Industrie- und Handelskammern oder Unternehmensberatern gebe es nur selten hilfreiche Tipps für den Start in die Selbstständigkeit. Die Stiftung nahm bundesweit 58 Anbieter von Erstberatungen für Existenzgründer unter die Lupe. Bernd Schnurrenberger, der selbst solche Seminare veranstaltet, bestätigt: "Vieles, was an Material für Existenzgründer zur Verfügung gestellt wird, ist Ballast und unnötig."

Jungunternehmer Hildebrandt indes behauptet: "Der Anfang war gar nicht so schwer. Man stellt ein Telefon auf den Tisch und sagt: Ich bin selbstständig." Komplizierter werde es, "wenn man Verantwortung für Mitarbeiter und Werte übernehmen muss, die man in die Hand bekommen hat".

Jörn Bender, dpa

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