Götz Werner Der Waldorf-Discounter

Die Mitarbeiter von DM bestimmen Gehälter wie Sortimente selbst und müssen ihren Chef nicht fürchten - das Geheimnis des zweitgrößten deutschen Drogeriekonzerns. Ein Gutmensch mit Erfolg? Götz Werner, der gerade 60 Jahre alt wurde, ist der lebende Beweis.

Karlsruhe - Discounter sind billig. Dafür sind ihre Läden gemütlich wie Hochregallager, die Produkte ansprechend wie Braunkohlebriketts und die Mitarbeiter zuvorkommend wie Vollzugsbeamte. Das kann man ihnen schwerlich verübeln: Sie genießen im Unternehmen einen Status vergleichbar mit tiefgekühlten Rinderhälften.

All das ist wohl kaum "ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zu dem Geistigen im Weltenall führen möchte." Rudolf Steiners Beschreibung der eigenen - der anthroposophischen - Denkschule ist dennoch ein Satz, den sich ein Discounter zu Eigen gemacht hat. Götz Werner, Gründer und Chef der Drogeriekette DM, erklärte die Anthroposophie zu seinem Weltbild.

Und zwar nicht nur im trauten Heim, als handgestickter Sinnspruch mit Brokatrand. In einer Branche, die mit harten Bandagen nach jedem Kunden keilt, führt er sein Unternehmen gemäß dem Wort des Freiherrn vom Stein: "Zutrauen veredelt den Menschen". Doch kann dieser Erkenntnisweg der Veredelung, der sonst nur noch in Waldorf-Schulen überwintert, zu Profit führen?

Die DM-Gruppe erwirtschaftete 2003 mit über 20.000 Mitarbeitern und mehr als 1500 Filialen (davon 660 in Deutschland) knapp drei Milliarden Euro Umsatz. Über den Gewinn wird geschwiegen. Er soll sich bei reichlich einem Prozent des Umsatzes bewegen - und es ist genug Geld für 60 neue Filialen da, die 2004 in Deutschland entstehen sollen. Kein Grund zur Klage also: Götz Werner ist der zweitgrößte Drogist der Republik.

Wo aber finden sich Anthroposophie und Humanismus im Discountmarkt? In der dritten Regalreihe links, zwischen Scheuermittel und Deoroller? Das Fremdwörterbuch übersetzt die griechische Vorsilbe "anthropos" mit "Mensch", und genau um den geht es. So sprechen die DM'ler nicht von "Personalkosten", die jeden Angestellten als Belastung deuten, sondern von "Kreativposten" und "Mitarbeitereinkommen". Damit erntet Werner nicht selten Skepsis, wie im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS). Doch der Vater von sieben Kindern hat die passende Gegenfrage parat: "Kennen Sie einen Unternehmer, der Mitarbeiter einstellt, um Kosten zu produzieren?"

Goethe und Geschäftssinn

Goethe und Geschäftssinn

Begriffe wie der des "Kreativpostens" spielen eine große Rolle, auch wenn nicht in jedem Fall hehre Ideale dahinter stehen. Zum Beispiel heißen Handelsmarken bei DM "Qualitätsmarken" - das ist schlichte Marketing-Hausmannskost.

Wie die anthroposophischen Vorbilder hat auch Werner eine Schwäche für Sprache und Denken des deutschen Idealismus. Dass diese Schwäche einem ausgeprägten Geschäftssinn nicht im Wege steht, zeigt die Abwandlung eines Zitats aus Goethes Faust, mit dem DM seine Einkaufstüten bedruckt: "Hier bin ich Mensch, hier kauf' ich ein."

Ganz so edel, hülfreich und gut ging es nicht immer zu bei DM. Als der gelernte Drogist Werner seine erste Filiale 1973 in der Karlsruher Innenstadt eröffnete, bestand die Geschäftsidee hauptsächlich darin, die Preise zu senken. Im selben Jahr war die Preisbindung für Drogerieprodukte vom Gesetzgeber aufgehoben worden. Zudem passte er das Erscheinungsbild des Ladens gewöhnlichen Supermärkten an, setzte auf Selbstbedienung und ein übersichtliches Ladenlayout. Das war damals modern und ist heute Standard.

Über den Durchbruch der menschenfreundlichen Unternehmensphilosophie kursiert eine Anekdote: Der Chef war in den frühen 90er Jahren auf Kontrollvisite in einer Filiale in Ettlingen, wie immer mit Vorankündigung, denn "ein Fachmann erkennt auch so, ob ein Geschäft gut geführt wird". Während des Gesprächs stütze er sich auf eine Verkaufstheke, die nach hinten wegrutschte und die Schätze in der Vitrine darunter, hochpreisige Parfüms, freilegte. Zweimal seien dort schon Waren gestohlen worden, beklagte die Filialleiterin, aber der Bezirksleiter, den sie sofort informiert habe, hätte die Theke noch nicht reparieren lassen.

Schlagartig wurde ihm klar, welche fatalen Folgen die strengen Hierarchien in seinem Unternehmen hatten. Er leitete einen umfassenden Umbauprozess ein - heute würden die Ettlinger selbst mit Werkzeug anrücken oder auf eigene Verantwortung einen Handwerker bestellen.

Denn seither vertraut keine Kette den Verkäufern vor Ort so viel Verantwortung an wie dm. Sie bestimmen das lokale Sortiment und handeln untereinander nicht nur Dienstpläne, sondern auch die Gehälter aus. Von denen gibt die Karlsruher Zentrale nur den Steigerungssatz vor. Vorgesetzte werden zum Teil von der Belegschaft gewählt, Verbesserungen ohne Rückfrage bei der Zentrale zügig umgesetzt.

Zur Ausbildung gehören Theater-Workshops

Zur Ausbildung gehören Theater-Workshops

Auf diese Weise bekommt Praxiserfahrung ein hohes Gewicht. So schlug eine Kassiererin vor, das Bargeld nicht abends zu zählen, wenn man mit Aufräumarbeiten beschäftigt ist. Seither wird konzentriert am folgenden Morgen abgerechnet, wenn es im Laden noch ruhig ist. Schöner Nebeneffekt: Alle Kassierer haben pünktlich Feierabend.

Alles, aber auch wirklich alles, wird in großen Runden durchdiskutiert, damit jeder Mitarbeiter die Chance hat, sich einzubringen. Und um alle auf den offenen Umgang miteinander vorzubereiten, gehören Theater-Workshops fest zum Ausbildungsprogramm. Was dabei herauskommt, ist das Wunder von Werner: Der Debattierclub hat mitunter die niedrigsten Preise der Branche, günstiger oft als beim kontrolllüsternen Anton Schlecker.

Dessen Kette schalt Werner einmal als den "unproduktivsten" Betrieb unter allen Konkurrenten und belegte damit, dass seine hehren Ideale nicht einer Träumerei entspringen. Sie sind schlicht gut fürs Geschäft.

Dennoch hat er nicht vor, mit dem verdienten Geld in die Schweiz abzuwandern. Was dieses Thema angeht, hat er eine pointierte Meinung - wenn auch keinen passenden Sinnspruch. Der FAS sagte er: "Als Unternehmer zahle ich meine Steuern sowieso nicht. Ein Unternehmer zahlt nie Steuern, sondern verkalkuliert sie. Bezahlt werden sie vom Kunden über den Preis." Nach einem Traumtänzer klingt das nicht.

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