Jürgen Heraeus Der Mann im Mond

"Stolpern fördert", findet Jürgen Heraeus, Aufsichtsratschef des gleichnamigen Unternehmens. Da scheint was dran zu sein. Unter seinen Händen entwickelte sich das weitverzweigte Konglomerat zu einer stattlichen Familienholding.
Von Tilman Weigel

Hanau - Angehende Manager, so vertraute er einmal der "Frankfurter Rundschau" an, frage er im Bewerbungsgespräch nicht nur nach dem größten Erfolg, sondern auch nach der größten Niederlage. Denn Misserfolge, so Jürgen Heraeus, bringen einen weiter.

Von Misserfolg kann bei Heraeus nicht die Rede sein. Selbst auf dem Mond stehen mittlerweile Produkte des Hanauer Familienunternehmens. Dort bestimmt ein Messgerät der Heraeus Quarzglas regelmäßig die Entfernung zwischen der Erde und dem Trabanten.

Daneben ist der Konzern in den Bereichen Edelmetallhandel, Edelmetallprodukte, Dentalgeschäft, Sensoren und Medizintechnik tätig. Gerade diese Mischung verleiht seinem Unternehmen eine große Sicherheit, erklärte Heraeus jüngst gegenüber der Nachrichtenagentur AP: "Diversifikation ist unsere Stärke." Florierende Geschäftsfelder könnten so vorübergehende Probleme in anderen Bereichen abfedern.

Familienunternehmer mit Leib und Seele

Über vier Generationen und 153 Jahre Firmengeschichte hinweg ist Heraeus ein Familienunternehmen geblieben. Einzig an der Firmenspitze wurde unlängst ein familienfremder Manager installiert. Der aber hielt es nicht lange bei Heraeus aus. Horst Heidsieck gab Anfang vergangenen Jahres seine Demission bekannt.

Erst acht Monate später wurde sein Nachfolger der Öffentlichkeit präsentiert. Der 54 Jahre alte Helmut Eschwey übernahm den Vorsitz der Heraeus-Geschäftsführung. Jürgen Heraeus hat den promovierten Chemiker gemeinsam mit dem Betriebsratsvorsitzenden ausgesucht. "Wir waren eine ganz besondere Findungskommission, kommentierte Heraeus die Entscheidung. An den Besitzverhältnissen bei Heraeus wird auch der neue Chef nichts ändern. Das Eigentum am Unternehmen bleibt weiterhin in Familienhand.

Das soll auch so bleiben. An einen Börsengang wird nicht gedacht. 1995 wurde die "Einhorn Verwaltungsgesellschaft" gegründet, in die die Familiengesellschafter 90 Prozent ihrer Anteile einbrachten. Die 10 Prozent stimmberechtigten Anteile liegen weiterhin direkt bei den einzelnen Familienmitgliedern.

Platin, Gold und Quecksilber

Platin, Gold und Quecksilber

Die Geschichte des Unternehmens beginnt 1851, als der damals 24 Jahre alte Apotheker und Chemiker Wilhelm Carl Heraeus die Einhorn-Apotheke in Hanau übernimmt.

Fünf Jahre später beginnt die eigentliche Erfolgsstory: Heraeus senior entwickelte ein Verfahren, Platin zu schmelzen und gründete die erste Platinschmelze Deutschlands. Glück für Heraeus: Neben der Schmuckindustrie trat zu dieser Zeit die Elektro-, Lampen- und Chemietechnik als neuer Abnehmer für das Edelmetall auf.

Ein weiterer Meilenstein in der Firmengeschichte kommt 1903, als Heraeus mit der Quecksilberlampe aus Quarzglas eine technische Weltsensation vorstellt. Innerhalb weniger Jahre trat das vom späteren Mitgeschäftsführer und Teilhaber Richard Küch entwickelte Gerät als "Höhensonne" seinen Siegeszug um die Welt an.

"Konglomerat von Mittelstandsunternehmen"

Heute ist Heraeus ein Weltkonzern mit einem Umsatz von über sieben Milliarden Euro, der weltweit mehr als 9000 Mitarbeiter in über 100 Tochter- und Beteiligungsunternehmen beschäftigt.

Als Großunternehmen will Jürgen Heraeus die Holding aber nicht sehen. Vielmehr sei Heraeus ein "Konglomerat von Mittelstandsunternehmen". Deshalb baute er 1985 den Konzern zur Holding um und gab den Tochtergesellschaften möglichst viele Freiheiten, damit diese fast wie selbstständige Mittelständler wirtschaften können.

Allein im Jahr 2000 wurde an die rund 150 Familiengesellschafter eine Dividende von insgesamt über 140 Millionen Euro ausgeschüttet. Angewiesen sind die auf die Ausschüttung meistens nicht. Einmal im Jahr treffen sich die Gesellschafter des Konzerns, um den künftigen Kurs abzustecken. Die "nächste Generation" der 18- bis 40-Jährigen kommt sogar drei bis vier Mal im Jahr zusammen.

Vorbild China

Familienunternehmen scheitern nicht an hohen Steuern

Über die Nachfolgefrage im eigenen Haus will sich der Patriarch nicht konkret äußern. "Wir beobachten, wer in der Lage ist, den Aufsichtsrat zu führen", erklärt Heraeus.

Den Fehler vieler Wirtschaftskapitäne, allzu lange am Steuerrad zu stehen, wolle er vermeiden. "Familienunternehmen gehen nicht wegen hoher Steuern oder Löhne kaputt, sondern wegen Familienstreitigkeiten, schlechten Managements und des Nichtabtretens der Senioren", betont er.

Auch deswegen gehört zum guten Ton in der Familie, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen und sich sein Geld selbst zu verdienen. Heraeus, Vater von fünf Töchtern, verweist gerne darauf, dass er ein Betriebswirtschaftsstudium als Zweitbester seines Jahrgangs abgeschlossen hat. Niemand soll behaupten, er sei allein durch seine Herkunft so weit gekommen. Teilweise hatten Familiengesellschafter auch auf Gewinnausschüttungen verzichtet, um das Unternehmen finanziell zu stärken.

Vorbild China

Überhaupt stehen Tugenden wie Selbstdisziplin, Fleiß und Verantwortung bei der Familie Heraeus hoch im Kurs. Eine Reihe von Stiftungen kümmert sich um wohltätige Zwecke wie den Unterhalt von Kindergärten oder die Förderung der Wissenschaft.

Kein Wunder, dass Jürgen Heraeus immer wieder als neuer Präsident beim Bundesverband der Deutschen Industrie gehandelt wurde. Doch der heute 67-Jährige hielt sich in den Diskussionen um die Nachfolge von Olaf Henkel auffällig zurück. Auch Bescheidenheit gehört zu den Tugenden der Hanauer.

Dass Jürgen Heraeus deswegen nicht langweilig werden muss, zeigt allein der Umstand, dass er in diversen Aufsichtsräten und Stiftungen Mitglied ist. Dazu kommt sein Amt als Vorsitzender des Arbeitskreises China im Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Heraeus gerät fast ins Schwärmen, wenn er von der Aufbruchstimmung in China berichtet. Der Konzern hat in dem boomenden Land acht Werke mit inzwischen 1100 Beschäftigten. "In sieben Monaten haben wir für unser Werk in Shanghai die Baugenehmigung erhalten - durchaus auch mit Auflagen- es gebaut und sind eingezogen", berichtet er. "In dieser Zeit schafft man es in Deutschland höchstens, dass die Untere Wasserbehörde einen Bauantrag prüft."

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