Familie Freudenberg Die Wischmopp-Millionäre

Aus einer kleinen Gerberei hat Familie Freudenberg einen internationalen Konzern geschmiedet. Ihre unspektakulären Produkte finden sich in jedem Haushalt, in Autos, auf Flughäfen und Bahnhöfen.
Von Martin Scheele

Hamburg - Dass ein deutsches Unternehmen auf eine jahrzehntelange Geschichte zurückblicken kann, ist nicht ungewöhnlich. Gleich 154 Jahre haben allerdings nur wenige deutsche Firmen auf dem Buckel. Freudenberg schon.

Angesichts der langen Unternehmenshistorie liegt der Schluss nahe, das der in Weinheim an der Bergstraße beheimatete Konzern überaus bekannt ist. Oder wenigstens dessen Produkte. Wer aber diesbezüglich eine Umfrage in Auftrag geben würde, wird wohl enttäuscht. Wer weiß schon, dass das Vileda-Haushaltstuch oder der in der Automobilindustrie unverzichtbare Simmerring unzertrennbar mit dem Familiennamen verknüpft ist?

Unübersichtlicher Gemischtwarenladen?

Die Keimzelle des Familienkonzerns war die Lederproduktion. Gründervater Carl Johann Freudenberg übernahm im Jahre 1849 im badischen Weinheim eine Gerberei und glaubte an den Erfolg des Produkts. Zu Recht - 80 Jahre lang erwirtschafteten die Weinheimer ihren Umsatz ausschließlich mit Leder. Freudenberg war gleichsam ein Synonym für feine Lack- und Kalblederverarbeitung.

Die Nachfolgegeneration des Gründers bewies in schwierigen Zeiten cleveren Unternehmergeist. Weil im Zweiten Weltkrieg die Lederproduktion einbrach, entwickelte Freudenberg das Kunstleder, aus dessen Trägermaterial das breite Angebot an Vliesstoffen entstand. Bald wurde das Vileda-Haushaltstuch in den Kolonialwarenläden feilgeboten.

Gummischuhsohlen, Fußbodenbeläge, Spezialschmierstoffe: die Produktpalette wurde zügig erweitert. Durch stetiges Wachstum entstand ein Mischkonzern, der 2002 knapp vier Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet hat und 27.000 Mitarbeiter in 43 Ländern beschäftigt. Ein unübersichtlicher Gemischtwarenladen, sagen die einen. Ein straff geführtes, hochgradig diversifiziertes Familienunternehmen, die anderen.

293 Gesellschafter haben das Sagen

Von seinem Ursprung ist der Konzern produkttechnisch mittlerweile Lichtjahre entfernt. So hat sich Europas einst größter Gerber aus der unrentablen Lederproduktion verabschiedet. Bedingungslos setzt die Führungsriege den schriftlich fixierten Unternehmensgrundsatz "in jedem Geschäftsfeld Marktführer oder Zweiter zu werden" um.

Trotz des in späteren Jahren durchgesiebten Produktportfolios erscheint das Angebot unübersichtlich - ebenso wie die Beteiligungsstruktur. Allein 213 verbundene Unternehmen finden sich im Geschäftsbericht - dazu kommt das Heer der Gesellschafter. Es erscheint kaum möglich, die Meinungen von aktuell 293 Gesellschaftern unter einen Hut zu bringen. Dagegen mutet die Quadratur des Kreises einfacher an.

Damit nicht über alles und jeden gestritten wird, ist in einem Kommanditvertrag zumindest Grundsätzliches festgeschrieben worden. Zum Beispiel die finanzielle Unabhängigkeit des Unternehmens und die Vorherrschaft der Firmeninteressen vor denen der Familie.

"Mann des Maßhaltens und des geduldigen Abwägens"

Dabei ist der Ehrgeiz unter den Familienmitgliedern unterschiedlich verteilt. Während einige sich damit zufrieden geben, einmal im Jahr zur Gesellschafterversammlung zu erscheinen, sind andere wiederum maßgeblich operativ tätig.

Reinhart Freudenberg (71) zum Beispiel hat lange die erste Geige gespielt. Der gebürtige Berliner brachte es vom Lehrling in der Gerberei zum langjährigen Sprecher der Unternehmensleitung. Seit 1997 steht er als Vorsitzender des Gesellschafterausschusses dem wichtigstem Amt im Konzern vor.

Reinhart Freudenberg, einmal als "Mann des Maßhaltens und des geduldigen Abwägens" apostrophiert, hat etwas in Gang gesetzt, das nicht vielen Familienunternehmen gelingt oder auf Dauer Bestand hat: einen familienfremden Manager als Vorstandschef zu installieren.

Im Wein liegt die Wahrheit

Die Wahl fiel auf Peter Bettermann (56), der in seiner Laufbahn so viel mit Leder, Kinderschuhen, Bodenbelägen oder Haushaltsprodukten zu tun hatte wie ein normaler Verbraucher. Bis dato hatte sich Bettermann einen Namen in der Ölbranche gemacht, unter anderem als Chef der Deutschen BP.

Das Duo Reinhart Freudenberg / Peter Bettermann trimmte den Familienkonzern auf Internationalität. Besonders den chinesischen und japanischen Markt haben sich die beiden vorgenommen. Die Devise heißt: Behutsam vorgehen, sich anpassen.

Freudenberg suchte deshalb Partner, aber keine Mehrheitsbeteiligungen. Im Reich der Mitte glückte es Freudenberg, einen propperen Auftrag an Land zu ziehen. Der Konzern rüstete die Transrapid-Bahnhöfe in Shanghai mit Bodenbelägen aus - ein Prestige-Projekt.

An einen Börsengang ist nicht gedacht

Clanführer Reinhart Freudenberg kann sich abseits der Tätigkeit als Chef des Gesellschafterausschusses über mangelhafte Auslastung nicht beklagen. Der Vater von fünf Kindern steht unter anderem der Weinkommission vor, einer Art Herrenclub, dessen Aufgabe es ist, die Weine der firmeneigenen Weinberge auf ihrem hohen Niveau zu halten.

Normalsterbliche kommen allerdings nicht an die edlen Tropfen. Der Wein verschwindet schnell in den familieneigenen Kellern. Ernsthafte Stimmen behaupten, es sei einfacher, Gesellschafter bei Freudenberg zu werden, als Mitglied der Weinkommission. Dafür erhalten die zahlreichen Gesellschafter zweimal im Jahr die "Freudenberg Familienzeitung" und haben Zugang zum Gesellschafter-Intranet.

An die Öffnung des Unternehmens an Dritte, zum Beispiel über einen Börsengang, wird allerdings nicht nachgedacht. Die Gesellschafter glauben an die Stärke des Familienkonzerns - auch in widrigen Zeiten. Sie haben keinen Zweifel, dass der unbekannte Riese aus dem Badischen noch viele Jahrzehnte seine Unternehmensgeschichte fortschreibt.

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