Vertrauen ist gut "Das ist einmalig"

Die deutschen Banken befinden sich im größten Umbauprozess ihrer Geschichte, so Christine Licci in der mm.de-Reihe über Vertrauen. Die Chefin der deutschen Citibank benennt, wo in all diesen Umbrüchen mehr Kontrolle Not tut - und wo Vertrauen einfach ausreichen muss.

Hamburg/Frankfurt/Main - Vertrauen oder Kontrolle? Die Antwort kann nur lauten: So viel Kontrolle wie nötig, so viel Vertrauen wie möglich. Kontrolle ist gut, aber nicht der Kontrolle wegen. Sie ist nur sinnvoll, wenn man das Richtige kontrolliert: Ein Manager muss wissen, wo sein Unternehmen wirtschaftlich steht. Und er muss sicherstellen, dass Maßnahmen, die er eingeleitet hat, auch greifen.

Motor unseres Handelns muss jedoch Vertrauen sein: Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Probleme zu lösen. Vertrauen darauf, aus eigener Kraft den richtigen Weg zu finden. Und Vertrauen darauf, dass Veränderungen ein Land nach vorne bringen können.

In Deutschland erleben wir vielfach das Gegenteil. Ein Übermaß an Regulierungen macht hier zu Lande viel Eigeninitiative und Kreativität kaputt. Ein Jungunternehmer, der eine Firma gründen will, muss eine lange Reihe komplizierter Prozesse durchlaufen. Bei uns wird versucht, alles bis ins Kleinste durch Gesetze zu regeln. Es gibt kaum einen Staat, der so viele Steuergesetze hat wie Deutschland. Viele davon sind überflüssig. Ich habe den Eindruck, dass unser Staat vor allem deshalb so viel reguliert, reglementiert und kontrolliert, weil er mit Eigeninitiative und dem Denken über eingefahrene Bahnen hinaus nicht richtig umgehen kann.

Sicher sind Kontrollen und Regelwerke notwendig. Skandale wie die Bilanzfälschungen bei EM.TV oder Comroad waren möglich, weil es an effizienten Regelwerken fehlte. Schärfere Gesetze sind allerdings nur die halbe Miete. Die Manager von Unternehmen müssen die Wahrung ethischer Grundsätze stärker als bisher einfordern. Unternehmensführer sind Vorbilder und müssen diese vorleben. Denn es gibt eine klare Verbindung zwischen Ehrlichkeit, Offenheit, Gesetzestreue und unternehmerischem Erfolg. Wenn ein Unternehmen jedoch permanent mitteilt, alles funktioniere bestens, und dann auf einmal schwere Fehler zugeben muss, verliert es Vertrauen.

Durch die permanente Sensibilisierung für gemeinsame Mindestanforderungen, die Schärfung des Unrechtsbewusstseins, durch verantwortungsbewusstes Wertemanagement und transparente Kontrollmechanismen müssen Unternehmen bei den Investoren und im Markt neues Vertrauen in die Wirtschaft schaffen. In der Wirtschaft braucht man dafür die richtigen Führungskräfte. Deshalb ist ihre Auswahl eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt. Wenn man zum Beispiel einen Chef mit einer hohen Produktkompetenz einstellt, bedeutet das noch lange nicht, dass er Führungsqualitäten besitzt.

Vertrauen ist eine sehr persönliche Sache. Ein Chef muss die Mitarbeiter motivieren und bei ihnen Loyalität erzeugen können. Und wissen, wo Kontrollen eingesetzt werden müssen und wo nicht. Ehrlichkeit, Offenheit und Loyalität sind wichtige Eigenschaften. Dazu kommt die Zielstrebigkeit, mit der man sich für die gemeinsame Sache einsetzt.

"Die Banken werden wettbewerbsfähiger als je zuvor"

Schlechtes Vorbild Politik

Mut zählt ebenfalls zu den herausragenden Eigenschaften einer Führungsperson. Nicht zuletzt der Mut, Schwächen aufzuzeigen und offen zu kommunizieren, wenn etwas nicht so gut gelaufen ist.

Die Politik hat hier in jüngster Zeit ein schlechtes Vorbild abgegeben. Der Wahlkampf 2002 hat die Probleme im Land weitgehend ignoriert. Stattdessen wurden viele Versprechen gemacht und nicht gehalten. Wie kann die Politik da erwarten, dass man ihr vertraut? Sehr wichtig sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik sind Berechenbarkeit und glaubwürdige Kommunikation. Dass man dem Mitarbeiter und dem Bürger ehrlich sagt, wie es um das Unternehmen oder das Land steht. Nur so ist es möglich, Veränderungen durchzusetzen, die von der Mehrheit akzeptiert werden.

Auch die Finanzbranche hat hier einen Lernprozess hinter sich. Es hat lange gedauert, bis sich die Finanzwelt zu einem Strukturwandel bekannt hat, der in der Geschichte der Branche einmalig ist. Wir führen schlanke Strukturen nach dem Vorbild der Industrie ein. Jeder von uns muss die alten Gewohnheiten und Arbeitsweisen brechen. Hier benötigen wir in der Tat beides: Vertrauen darauf, dass das Neue besser sein wird als das Althergebrachte. Kontrolle, um zu prüfen, ob wir die richtigen Maßnahmen getroffen haben.

"Die Banken werden wettbewerbsfähiger als je zuvor"

Am Ende dieser Entwicklung wird eine Branche stehen, die wettbewerbsfähiger ist als je zuvor. Und wenn sie ihre alte Stärke neu gewonnen haben, werden die Banken ihre wichtigste Funktion wieder besser erfüllen können: Die Unternehmen mit frischem Kapital zu bezahlbaren Preisen versorgen. Denn eine wesentliche Voraussetzung für neues Wachstum ist ein ausreichender Kapitalzufluss.

Obwohl die Branche sehr mit sich selbst beschäftigt ist, darf sie ihre soziale Verantwortung nicht aus dem Auge verlieren. Die Banken müssen einen Beitrag für Wissenschaft und Ausbildung leisten. Sie müssen die Jugend fördern und auf das Berufsleben vorbereiten. Dazu gehören Qualitäten wie die kulturelle Offenheit, Leistungswille, Verantwortungsbereitschaft und vor allem die Mehrsprachigkeit.

Fazit: Die Banken und die Wirtschaft insgesamt werden das Vertrauen von Investoren und Kunden zurückgewinnen, wenn sie nach eingehender Analyse ihre Hausaufgaben machen. Die Politik könnte diese Entwicklung durch eine Lockerung ihres Korsetts aus Regulierungen und Kontrollen erheblich beschleunigen. Dazu gehören auch Maßnahmen, die auf den ersten Blick unpopulär erscheinen. Um diese durchzusetzen, müssen die Politiker bei den Menschen die Gewissheit schaffen, dass sie das Wohl der Bevölkerung im Blick haben. Dafür müssen sie weiter denken als bis zur nächsten Wahl und deutlich sagen, was das Wichtigste für das Land ist. Auch wenn es unangenehm ist.

"Vertrauen ist gut ...": Das Buch bei Amazon.de  Vertrauen ist gut: Otto Graf Lambsdorff über die Börse


Verwandte Artikel