Bertelsmann Onkel Stein geht

Er war der gnadenlose, unbestechliche Juror bei "Deutschland sucht den Superstar". Außerdem - jedenfalls bis vor kurzem - Deutschlandchef der Bertelsmann-Musik-Tochter BMG. Die ist des Managers offensichtlich überdrüssig geworden.

München - Bei einer Mitarbeiterversammlung in der Münchner BMG-Zentrale wurde am Freitagvormittag der Abschied von Thomas M. Stein, 54, Geschäftsführer der Bertelsmann-Plattenfirma für Deutschland, Österreich und die Schweiz verkündet. Das bestätigte die BMG auf Anfrage.

Steins Weggang von BMG lässt seine Rolle als Jurymitglied bei "Deutschland sucht den Superstar" nach Angaben des Unternehmens unberührt.

Für Stein war es eine ungewöhnliche Doppelrolle: Als Jury- Mitglied bei der RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) er zunächst im Schatten des glamour-gewöhnten Dieter Bohlen. Doch mit seiner kritischen Grundhaltung und seinen teilweise als gemein empfundenen Sprüchen übernahm "Onkel Stein", wie ihn die drei Jury-Kollegen tauften, schnell eine klare Rolle im Vierer-Ensemble: den Buhmann.

"Wenn man glaubt, fliegen zu können, kann man auch hart landen", rügte er den Vortrag eines Kandidaten, der sich schon im siebten Himmel wähnte. "Du sollst nicht so den Zappelphilipp spielen", riet der Musikmanager, der sich auf das glatte Showparkett wagte, einem anderen Teilnehmer. Seine schroffe Art, unter den eher auf Kuschelatmosphäre und Harmonie erpichten Musik-Teenies verrufen, wurde sein Markenzeichen.

"Heute noch kein rohes Fleisch gehabt, Onkel Stein?"

Das trug ihm auch heftige Abneigung ein: "Wenn ich jemanden rauswählen dürfte, würde ich den alten Piesepampel Thomas Stein rauswählen!". schrieb ein "DSDS"-Fan im Internet. Auch ein Mitjuror Thomas Bug fragt ihn gelegentlich: "Heute noch kein rohes Fleisch zum Frühstück gehabt, Onkel Stein?"

Stein gilt als einer der intimsten Kenner des deutschen Musikmarkts. Seit 30 Jahren ist er in der Branche aktiv. Auch Konkurrenten bescheinigen ihm ein gutes Gespür für Talente. Als Vorsitzender des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft (1991 bis 2001) hat er vehement gegen die Flut der Raubkopien gekämpft, weil sie der Musikindustrie schadeten.

"Ein Klima der Angst"

"Ein Klima der Angst"

Der gebürtige Schwabe hatte nach einer kaufmännischen Lehre bei einem Stuttgarter Zeitschriftenverlag seine Karriere im Musik- Business mit 26 Jahren als Marketing- und Promotionsleiter beim Plattenlabel Crystal begonnen.

Später wechselte er als Musikredakteur zum ZDF und produzierte Sendungen wie "Disco". Als Geschäftsführer der Teldec Schallplatten GmbH in Hamburg unterstützte er ab 1982 Künstler wie Jürgen von der Lippe und Falco bei ihrer Karriere.

Bei der BMG ist Stein seit 1988. Vor gut einem Jahr strich der Konzern den Posten des Europa-Chefs. Stein musste aus London zurück nach München und künftig wieder den deutschsprachigen Markt verantworten. Über einen möglichen Abschied von BMG wurde schon damals spekuliert. In der Firma herrsche "ein Klima der Angst", zitierte das "SZ-Magazin" einen Musikmanager, der vier Jahre bei BMG gearbeitet hat. Die angekündigte Fusion von BMG mit dem Musikgiganten Sony bringt weitere Unruhe ins Unternehmen. In den USA musste bereits der schillernde Chef des BMG-Labels Arista, Antonio Reid, gehen, der erhebliche Verlust wegen seines Superstar-Managements anhäufte.

Warme Worte vom Chef

Die Zahlen sprachen zuletzt aber für Stein. Er halbierte binnen zwei Jahren die Kosten. Im rückläufigen Markt verkaufte BMG Germany/Switzerland/Austria viele Millionen "Superstar"-CDs und dominierte mit den Künstlern mit Hilfe der fein abgestimmten Bertelsmann-Vermarktungsmaschine lange die Charts. Bis Ende November stieg der Marktanteil in Deutschland von 17 auf 21 Prozent.

Rolf Schmidt-Holtz, Chairman und Chief Executive Officer von BMG, gab Stein warme Worte mit auf den Weg: "Ich möchte Thomas M. Stein persönlich für die Zusammenarbeit und seinen Beitrag für BMG herzlich danken. Für BMG war er in der europäischen Musiklandschaft eine Führungspersönlichkeit von herausragendem Wert. Er hat die Interessen der Musikindustrie in seiner langjährigen Führungsarbeit in den verschiedenen Industrieverbänden engagiert vertreten."

Ein Nachfolger für den Plattenmanager steht bereits fest: Maarten Steinkamp übernimmt Steins Posten. Steinkamp verantwortet derzeit neben seinen Aufgaben als Präsident BMG International die französische BMG-Dependance als Geschäftsführer.

Geplant ist, dass Stein bei Bertelsmann zukünftig unter anderem neue TV-Formate für RTL entwickelt. In den letzten Monaten hatte es immer wieder Spekulationen und Gerüchte über eine bevorstehende Ablösung Steins an der BMG-Spitze gegeben. Erst am Donnerstag hatte Tim Renner, Chef der deutschen Dependance von Universal Music, seinen Rücktritt erklärt.