Universal Music Renners Abschiedsmelodie

Er holte Rammstein und Rosenstolz: Jetzt räumt Tim Renner seinen Posten als deutscher Chef der Plattenfirma Universal. Der Vorzeigemanager wollte die Spar-Eskapaden des Mutterkonzerns nicht mittragen, der stärker auf internationale als auf deutsche Künstler setzt.

Hamburg/Berlin - Da verging es den Musikfreunden an der Oberbaumbrücke: Renner gab seinen Rücktritt am Donnerstag auf einer Mitarbeiterversammlung in Berlin bekannt. Der Entschluss sei bereits im Dezember in Absprache mit Universal Music International gefallen.

Die Gründe für den Abgang des mit 39 Jahren jüngsten deutschen Plattenmanagers mögen vielfältig gewesen sein. Den Ausschlag, so heißt es in seinem Umfeld, gab wohl zuletzt die Entscheidung des Universal-Mutterkonzerns Vivendi, die nationalen Produkte ihrer lokalen Ableger im Zuge der allgemeinen Sparmaßnahmen noch weiter zu vernachlässigen.

Um die Hälfte sollen die finanziellen Aufwendungen für nationale Künstler und Musiker gekürzt, internationale Stars dagegen noch radikaler als bisher in den Markt gedrückt werden. Für den Deutschland-Ableger von Universal Music hieße das, bis zu 75 Prozent der hiesigen Musiker gehen zu lassen. Nicht bereits etablierte Acts wie Rammstein oder Rosenstolz, aber die kleinen, aufbau- und pflegebedürftigen Bands und Künstler.

Kommt jetzt die Schlammschlacht?

Hier war die Schmerzgrenze für Renner erreicht. Er könne die internationalen Sparmaßnahmen nachvollziehen. Bei ihrer Anwendung auf lokale Künstler habe es aber unterschiedliche Auffassungen gegeben. Was nun tatsächlich hinter dem überraschenden Entschluss Renners stand, wird sich vermutlich erst in den nächsten Tagen und Wochen herauskristallisieren. In Branchenkreisen wird bereits mit einer öffentlichen Schlammschlacht gerechnet.

Die Pflege alternativer deutscher Popmusik war das Kernanliegen Renners, der sich in den vergangenen 17 Jahren vom Journalisten über ein Praktikum bei Polydor und die Gründung des Spartenlabels Motor Music bis hin zum Chef der deutschen Universal-Dependance hochgearbeitet hat. Dabei ist Renner vor allem ein Musikfan, der seinen Kontakt zur Basis, zum Musiker wie zum Konsumenten, nie verlieren wollte. In seinem Büro stehen noch immer zwei Profi-Plattenspieler bereit, auf denen der Manager sich ab und zu selbst als DJ betätigt.

Junge Dance-Label wie Gigolo aus München oder findige Alternativen wie das Berliner Label Kitty-Yo haben es ihm angetan. Die Begeisterung für den Ideenreichtum der deutschen Musikanten schlug sich schnell an Renners Arbeitsplatz nieder: Ob Element of Crime, Rammstein, Rosenstolz, Die Ärzte, Helge Schneider, Sportfreunde Stiller oder die Berliner Rocker Surrogat - sie alle sind bei Universal unter Vertrag, dem einzigen Plattenmulti, der sich nicht zuletzt dank Renner und seiner zahlreichen Gefolgschaft (wie Motor-Chefin und Ehefrau Petra Husemann) so viel schräge Töne leistet.

Renner könnte in die Politik gehen

Renner könnte in die Politik gehen

Bis jetzt. Denn die Musikbranche siecht in Angststarre dahin. Das Internet bescherte den Konsumenten zahlreiche neue Möglichkeiten, an ihre Musik zu gelangen und beliebig zu kopieren. Das Problem ist nur, wie Renner im August 2002 in einem Essay erkannte, dass die Plattenindustrie diesmal nicht Drahtzieher, sondern Zuschauer dieser Entwicklung ist - anders als vor 20 Jahren bei der Einführung der CD, die der Musikindustrie traumhafte Umsätze bescherte.

Die fetten Jahre sind vorbei. Illegale Downloads, Tauschbörsen, Klingeltöne, MP3-Files - alles, was die neue Technologie dem Musikfan eröffnet, hat die Industrie mit Arroganz und Ignoranz missachtet und bemüht sich nun, da es kein Aussitzen mehr geben kann, gleichzeitig um Anschluss und Schadensbegrenzung.

Was dabei herauskommt, zeigt sich am besten an der seit Mitte letzten Jahres immer wieder verschobenen Einführung der industrieeigenen Downloadplattform Phonoline, von der Musikstücke - wie bei Apples erfolgreicher Software iTunes - kostenpflichtig abgerufen werden können. Nachdem Renner noch Anfang Dezember optimistisch verkündete, Phonoline und der Universal-Ableger Popfile würden "noch vor Weihnachten" eingeführt, wird nun die Computermesse CeBit im März als nächster Termin gehandelt. Starre, Bewegungslosigkeit, Apathie.

Mit der "Superstar"-Schwemme fortgespült

Dass Renner in diesem Umfeld nicht mehr mitmachen mag, erscheint naheliegend. Sein eigenes Scheitern ist indes auch vielfältig: Den illegalen Downloads eine legale Alternative entgegenzusetzen - siehe oben. Nationalen Künstlern eine breitere Plattform zu geben, neue, anspruchsvolle Acts aufzubauen - gescheitert an der "Superstar"-Schwemme und der Globalisierungs-Gleichmacherei des Mutterkonzerns. Die Kreativstarre durch eine geistig-moralische Wende innerhalb der Industrie zu lösen - gescheitert an Überwindungsangst und Sparzwang. Vielleicht war es die ganze Zeit ein Kampf gegen Windmühlen.

Vor drei Jahren, als die New Economy boomte, galt Tim Renner als Vorzeigemanager, der sich - stets jugendlich und trendgemäß gekleidet - zur Personifizierung der Neuen Mitte stilisierte. Seine Nähe zu SPD-Politikern wie dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit ist bekannt. Gerhard Schröder suchte gerne den Rat des Plattenmanagers.

Die nächste Station des Visionärs Renner könnte in der Politik liegen. Wenn er die Dinge nicht von innen ändern kann, dann vielleicht von außen.

Das macht Renners Abgang nicht weniger katastrophal. Vor allem für die deutsche Musikindustrie, deren wahrer Zustand sich offenbart, wenn junge Industriebosse mit Ideen, Visionen und vor allem Leidenschaft für das Produkt Popmusik das sinkende Schiff verlassen.

Tim Renner ist kein altgedienter, frustrierter Manager, der die Brocken hinschmeißt, weil ihn die Zeit überholt hat. Renner weiß genau, was die Zeit seiner Branche abfordert und hat es immer wieder angemahnt. Am Ende stand wohl die Erkenntnis, dass es mit dieser Branche einfach nicht zu machen ist. Mehr Bewegung wird es ohne Tim Renner an der Spitze der marktführenden deutschen Plattenfirma jedoch nicht geben.

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