Johanna Quandt Die stille Witwe

Von der Sekretärin zur Dynastieherrscherin: Johanna Quandts Aufstieg ist imposant. Von ihrem Gatten erbte sie über 46 Prozent an BMW, die Mehrheit am Chemiekonzern Altana und diverse Beteiligungen. Ihre Kinder treiben den Umbau der Familienholding voran und trimmen das Quandt-Imperium auf Erfolg.
Von Christian Keun und Martin Scheele

Hamburg - "Für jede Sekretärin wäre es eine große Auszeichnung gewesen, persönliche Assistentin eines der erfolgreichsten deutschen Geschäftsmänner der Nachkriegszeit zu werden. Für Johanna Bruhn aber wurde ein Traum Wirklichkeit, als ihr Chef um ihre Hand anhielt."

Mit blumigen Worten spekulierte die "Sunday Times" vor einigen Jahren über die Gefühlslage der eben 30 Jahre alten Johanna, als sie 1960 durch die Ehe mit Herbert Quandt in eine der traditionsreichsten und wohlhabendsten Industriellenfamilien des Landes einheiratete.

Die bewegte Vergangenheit dieser einst aus Holland zugewanderten Familie gleicht einem Abriss der deutschen Wirtschaftsgeschichte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Ihren Auftakt nimmt sie mit Emil Quandt, der von 1883 an im brandenburgischen Pritzwalk als Tuchfabrikant reüssiert - etwa als einer derjenigen Kaufleute, die ab 1890 die kaiserliche Marine exklusiv mit Uniformstoffen beliefern. Sein Sohn Günther, der dem erkrankten Vater schon früh bei der Leitung des Unternehmens zur Seite steht, entpuppt sich als ebenso geschäftstüchtig wie der Senior.

Mit Raubtierblick: Der 5er

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Foto: © BMW AG
James-Bond-Firmenwagen: BMW Z4

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Für reiche Romantiker: BMW 7er

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Foto: BMW
Gezähmte Bergziege: BMW X3

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Artig designt: BMW 6er Cabrio

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Klassisches Coupé: BMW 6er

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Foto: BMW




Die neue BMW-Modellserie:
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In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg baut Günther Quandt die väterliche Manufaktur zur modernen Textilgruppe aus. Sie bildet das Fundament, auf dem er bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein Beteiligungsimperium errichten wird, das vom Geschäft mit Wollwaren über Elektrizitätswerke bis hin zu Akkumulatorenfabriken reicht. Als Quandt 1954 stirbt, hinterlässt er seinem Sohn Herbert und dessen jüngerem Stiefbruder Harald eine an die 200 Firmen umfassende Unternehmensgruppe - darunter der Batterienhersteller Varta, der Petrochemiekonzern Wintershall, der Textilproduzent Stöhr sowie Aktienpakete an Daimler-Benz  und BMW .

BMW war ihr Schicksal

Die Söhne verwalten das Erbe gemeinsam, legen jedoch gewisse Zuständigkeiten fest. Während sich Harald Quandt auf die in der Industriewerke Karlsruhe Augsburg AG gebündelten Maschinenbauaktivitäten konzentriert, kümmert sich Herbert Quandt um Varta, Daimler-Benz und BMW. Letztere, die Bayerischen Motorenwerke in München, sollen sich als eine der größten Herausforderungen im Leben der Quandts erweisen - und zugleich ihr wohl größter unternehmerischer Erfolg werden.

Es ist der 9. Dezember 1959, als sich auch Herbert Quandt wie viele andere auf den Weg in die Kongresshalle auf der Münchener Theresienhöhe begibt, um an der BMW-Hauptversammlung teilzunehmen. Das Unternehmen hatte vor 1945 zu den renommierten Motorradbauern und Triebwerkproduzenten im Lande gehört, konnte aber - im Krieg schwer beschädigt - trotz Einstiegs in die Lizenzproduktion von Automobilen nicht wie andere Industriebetriebe vom Wirtschaftswunder-Aufschwung profitieren. BMW ist dieser Tage so gut wie bankrott, die Übernahme durch Daimler-Benz vermeintlich beschlossene Sache.

Privatsphäre ist ihnen heilig

Privatsphäre ist ihnen heilig

Den Verkaufsplänen des Managements leisten aber an diesem denkwürdigen Tag Gewerkschafter, Belegschaft und Kleinaktionäre unerwartet heftigen Widerstand, schließlich gelingt es ihnen sogar, Herbert Quandt für ihre Sache zu gewinnen. Gegen den ausdrücklichen Rat seiner Bankiers entschließt Quandt sich zu einer Ausweitung seines Engagements und stockt seinen Anteil an BMW auf rund ein Drittel, später auf knapp 50 Prozent der Aktien auf.

Die Sanierung des am Boden liegenden Unternehmens gelingt dank seines persönlichen Einsatzes und der von ihm in die Firmenleitung entsandten Manager rasch: Schon 1962 schreiben die bayerischen Autobauer schwarze Zahlen und erwirtschaften fortan Jahr für Jahr Gewinne. Einziger Wermutstropfen dieser Erfolgsgeschichte: Zu seinem großen Missfallen rückt der Retter schlagartig in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Doch bleibt es bei einer Momentaufnahme. Wie schon sein Vater entzieht auch Herbert Quandt sich konsequent allzu neugierigen Blicken. Er meidet die Öffentlichkeit aus Familientradition. Aber auch wegen eines schweren Augenleidens, das ihn von Kindesbeinen an plagt und im Alter fast erblinden lässt.

Ein normales Leben führen

Seine dritte Ehefrau teilt diesen Hang zur Zurückgezogenheit. Privatsphäre und ungestörtes Familienleben sind Johanna Quandt heilig, Bescheidenheit gilt ihr als Tugend. Vor allem aber möchte sie, dass die zwei gemeinsamen Kinder, die 1962 geborene Susanne und der vier Jahre jüngere Stefan, ein normales Leben führen können. Damit ist es jedoch spätestens 1978 vorbei: Die Entführung von Mutter und Tochter wird von der Polizei erst im letzten Augenblick vereitelt. Leibwächter sorgen von nun an für Schutz und Sicherheit.

1982 verstirbt Herbert Quandt im Alter von 71 Jahren überraschend. Frau und Kindern hinterlässt er ein wohl bestelltes Haus, in dem er während seiner letzten Lebensjahre gründlich Ordnung geschaffen hatte. 1977 hatte Quandt die Varta-Gruppe entflochten und die Batterieproduktion der neuen Varta zugeschlagen, die Pharmasparte in die Altana  überführt, das Elektrizitätsgeschäft in der Ceag  zusammengefasst. Die Anteile an der neuen Varta hatte er anschließend seinen drei Kindern aus zweiter Ehe übertragen. Ceag, Altana, BMW und seine übrigen Vermögenswerte vermacht er Johanna, Susanne und Stefan.

1996 zieht sich Johanna Quandt zurück

Mit der Überwachung der Modalitäten seines Testaments wird Herbert Quandts langjähriger Weggefährte und persönlicher Generalbevollmächtigter Hans Graf von der Goltz betraut, der zugleich engster Berater der Witwe Quandt wird. Diese vertritt nun in den verschiedenen Aufsichtsräten mit leiser Stimme, aber entschieden die Interessen ihres verstorbenen Mannes. 1988 endet die Testamentsvollstreckung für Susanne, vier Jahre danach auch die für Stefan Quandt.

Nach und nach beginnt Johanna Quandt, sich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen. Sie verzichtet 1996 zunächst auf ihr Mandat bei Altana, im Jahr darauf auch auf das bei den Bayerischen Motorenwerken, an denen die Familie Quandt mit knapp 47 Prozent der Aktien beteiligt ist. In Bad Homburg residiert die inzwischen 78 Jahre alte Dame in einer schmucklosen Villa - abgeschirmt von hohen Hecken, unspektakulär und diskret, so wie sie es immer schon schätzte.

Die Kinder trimmen das Erbe auf Erfolg

Die Kinder trimmen das Erbe auf Erfolg

Etwas mehr von sich reden machen seitdem ihre Kinder. Wie ihr Vater verstehen sich beide als unternehmerische Aktionäre. Susanne Klatten und ihr Bruder wachen als Aufsichtsräte aus nächster Nähe genau darüber, wie sich ihre Beteiligungen und Besitztümer - ob BMW, Altana oder Delton - entwickeln. Läuft es einmal nicht nach ihren Vorstellungen, etwa, wenn gewisse Erwartungen an die Rendite enttäuscht werden, scheuen sie auch das Eingreifen nicht. So forcierte Susanne Klatten an der Seite von Stefan die Ablösung Bernd Pischetsrieders von der BMW-Spitze, als dessen Engagement bei Rover sich als Milliardengrab erwies.

Auch den nachfolgenden Chefwechsel von Joachim Milberg zu Joachim Panke leiteten die beiden ein. "Sie (Susanne Klatten) zieht geschickt die Fäden", sagte unlängst jemand, der den BMW-Aufsichtsrat kennt.

Bei allem - meist sehr diskreten - Engagement ist aber keineswegs Shareholder-Value das Leitmotiv der Quandt-Geschwister, sondern eher das "Stakeholder-Konzept". Die Familienmitglieder achteten sehr darauf, dass Unternehmen, in die sie investieren, ihre Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern ebenso ernst nehmen wie ihre Verpflichtung zu umweltverträglichem Wirtschaften. Die Quandts stehen langfristig zu ihren Investments. Gleichwohl, auf Dauer zubuttern, kommt auch nicht in Frage.

Beispiel: Die Hemdenfirma van Laack. Ausgerechnet in der Industrie, aus der die Familie einst aufgestiegen ist - der Textilbranche - agierte die Familie offenbar glücklos. Verluste des Modeunternehmens wollte sich Stefan Quandt, zu dessen Delton-Gruppe auch van Laack gehörte, Mitte 2002 nicht mehr gefallen lassen und verkaufte die Firma.

Auf die Bühne sollen sich andere stellen

Das Know-how, das die selbst gewählte Rolle der agilen Kontrolleure voraussetzt, verdanken beide fundierten Ausbildungen. Während Stefan Quandt Wirtschaftsingenieurwesen studierte und Praktika unter anderem bei der Boston Consulting Group absolvierte, ist Susanne Klatten ausgebildete Ökonomin. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium an der britischen University of Buckingham machte die gelernte Werbekauffrau in Lausanne ihren "Master of Business Administration". Erste praktische Erfahrungen sammelte sie während des Studiums in der Londoner Niederlassung der Dresdner Bank, der Münchener Dependance der Unternehmensberatung McKinsey wie auch beim Bankhaus Reuschel & Co.

Als besonders erfreulich dürfte ihr allerdings eine Hospitanz bei BMW in Erinnerung geblieben sein. Während eines Praktikums, das sie unter dem falschen Namen Susanne Kant absolvierte, lernte sie ihren Ehemann Jan Klatten kennen. Über ihn ist sie auch mit Werner Klatten verschwägert, der einst EM.TV  übernommen hatte.

Keine Lust auf Jetset-Gesellschaft

Um die Publicity wird Susanne Klatten ihren Schwager nicht eine Sekunde beneidet haben. Öffentliche Auftritte beschränkt sie auf ein Minimum. Über das sorgsam abgeschirmte Privatleben der Mutter von drei Kindern ist kaum mehr bekannt, als dass sie gern Ski läuft und Golf spielt.

Ähnlich wenig Privates ist über Stefan Quandt bekannt. Der studierte Wirtschaftsingenieur zählt nicht zu der Spezies Mensch, die ihr Leben wahlweise auf Sylt und St. Moritz verbringt. Dagegen soll er angeblich schon mal auf der Tribüne eines Fußballstadions gesichtet worden sein.

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