Die Malik-Kolumne Management - Massenberuf ohne Ausbildung

Die meisten Jungmanager, die heute mit stolzgeschwellter Brust die Lehranstalten verlassen, sind Amateure - klug, aber nicht wirksam, gebildet, aber nicht effektiv. Wo aber haben gute Manager ihre Kompetenz erworben? Es gibt drei Wege, die man entdecken kann, wenn man den Dingen auf den Grund geht.
Von Fredmund Malik

Praktisch alles, was uns wichtig sein muss, hängt ab von der Qualität, mit der in einer modernen Gesellschaft die Managementaufgaben erfüllt werden.

Es sind Manager und Management im weitesten Wortsinn - gleichgültig wie ihre Bezeichnungen im einzelnen sein mögen -, von deren Denken und Handeln unser Wohlstandsniveau abhängt; sie sind es, die eine Gesellschaft innovativ machen oder dies zu tun versäumen.

Von Managern - und nicht vom Arbeiter - hängt die Produktivität der Wirtschaft ab; Manager bestimmen letztlich das Bildungs- und Gesundheitsniveau in der Gesellschaft. Und die Manager schaffen oder ruinieren Motivation, Leistung und Zufriedenheit jener 95 Prozent der Bevölkerung, die in der heutigen Gesellschaft ihr aktives Leben als Angestellte von Organisationen verbringen. Management ist - man mag es beklagen oder begrüßen - zum wichtigsten Beruf geworden.

Management - Massenberuf einer modernen Gesellschaft

Management ist gleichzeitig in der kurzen Zeit von rund 50 Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg zu einem veritablen Massenberuf geworden. Mehr Menschen als je zuvor in der Geschichte erfüllen Führungsaufgaben, auf allen Ebenen der Wirtschaft, im Gesundheits- und Bildungswesen, im gemeinnützigen Bereich, in Kultur, Verwaltung und Politik.

Selbst wenn man die engsten und rigidesten Kriterien anwendet und nur die im Grunde veralteten Sektoren berücksichtigt, kommt man auf eine Managerquote von etwa 5 Prozent der Beschäftigten. In modernen Bereichen der Dienstleistung, Informatik und Biotechnik erreicht sie leicht 15 Prozent und mehr. Das sind in kleinen Ländern hunderttausende von Menschen und in den großen Millionen.

Management ist der wichtigste Massenberuf einer modernen Gesellschaft, aber es ist ein Beruf ohne Ausbildung. Das erklärt gar nicht so wenige jener Zustände, die selbst bei grosser Toleranz Anlass zu Kritik und Unzufriedenheit geben. Niemand würde sich in ein Flugzeug setzen, wenn er damit rechnen müsste, dass die Piloten eine dem durchschnittlichen Manager vergleichbare Ausbildung haben - die Risiken wären nicht zu vertreten. Und niemand würde sich unter diesen Umständen einem Chirurgen, Bergführer oder Busfahrer anvertrauen.

Business Administration wird gelehrt - Management nicht

Business Administration wird gelehrt - Management nicht

Damit kein Missverständnis entsteht: Die meisten Führungskräfte haben heute eine solide akademische Ausbildung. Aber an der Universität lernt man nicht Management, sondern macht einen akademischen Abschluss - in einer technischen Disziplin oder einem naturwissenschaftlichen Fach, in Jura oder Betriebswirtschaftslehre.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen kommt Management in einem typischen Studium nicht einmal als Wahlfach vor. Das gilt entgegen allem Anschein selbst für die meisten der zwar immer zahlreicher, deswegen aber nicht besser werdenden MBA-Programme. Es wird Business Administration, aber nicht Management gelehrt.

Die meisten Universitätsabsolventen sind später in ihrem Berufsleben aber genau dort tätig, wo man ohne Management nicht auskommt - in einer Organisation. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie zwar klug, aber nicht wirksam sind; dass sie gebildet, aber nicht effektiv sind. Ihre wichtigsten Ressourcen - Wissen und Talent - liegen größerenteils brach, denn nur Management kann Wissen in Nutzen und in Ergebnisse transformieren. Sie bleiben Amateure - liebenswert vielleicht -, wogegen die Aufgaben echte Professionals erfordern.

Die Quantität stimmt, die Qualität nicht

Aber betreiben nicht zumindest die großen Unternehmen mehr Ausbildung denn je? Quantitativ ist es so, aber qualitativ und an den Inhalten gemessen, vermag nur ein geringer Teil selbst der neuen Corporate Universities jenen professionellen Standards zu genügen, die der gesellschaftlichen Bedeutung von Management angemessen wären - und was eben verglichen werden könnte mit der Gründlichkeit und Sorgfalt der Piloten- oder Chirurgenausbildung.

Das Gros der Managementausbildung, allem voran die Managementliteratur ist auf dem Niveau von "Englisch in drei Tagen", "Golf in 48 Stunden" oder "Gourmetkoch in sieben leichten Lektionen". An diesem (Un)Wesen werden Wirtschaft und Gesellschaft kaum genesen.

Heißt das, dass wir lauter schlechte Manager haben? Nein. Es gibt gute, ja ausgezeichnete Führungskräfte - auch wenn sie nicht zahlreich genug sind. Wo haben diese ihr Handwerk gelernt? Haben sie es überhaupt gelernt, oder sind sie Naturtalente? Manche - aber nur wenige - haben Talent für Management. Aber wie man im Sport sieht, müssen auch talentierte Leute trainieren. Für alle anderen gilt das ohnehin. Wo also haben die guten Manager ihre Kompetenz erworben? Es sind genau drei Wege, die man entdecken kann, wenn man den Dingen auf den Grund geht.

Drei Wege, ein guter Manager zu werden

Drei Wege, ein guter Manager zu werden

Die weitaus größte Zahl der heute aktiven Führungskräfte hat Management durch Herumprobieren erlernt, durch Versuch und Irrtum. Das ist zwar ein letztlich zum Ziel führender Weg, aber er ist zeitraubend, mühsam, und man macht dabei viele unnötige Fehler. Aus diesem Grunde werden die meisten Manager auch ziemlich alt, bis sie wirklich gut sind. In seinen Zwanzigern ist keiner kompetent; und die meisten kommen in die Nähe ihres Vierzigers oder darüber, bis sie wissen, worauf es wirklich ankommt.

Eine zweite Gruppe sind jene, die das Glück hatten, bei ihrem ersten Job einen wirklich kompetenten Chef zu haben, von dem sie lernen und abschauen, und den sie nachmachen konnten. Ich betone - einen kompetenten Chef. Das sind selten jene, die dem "modernen" medialen Managerbild entsprechen, und es sind meistens auch keine besonders angenehmen Leute.

Die dritte Kategorie sind Personen, die früh im Leben erste Führungserfahrungen machen konnten, zum Beispiel in Vereinen und Jugendgruppen. Dazu gehören auch jene, die von ihren Schulkollegen zu Klassensprechern gewählt wurden, nicht nur einmal, sondern immer wieder, weil sie sich wirklich einsetzten und etwas für die Klasse erreichten. Dieser dritte Weg zur Führungskompetenz wird gerne belächelt, völlig zu Unrecht, denn es ist einer der besten und zuverlässigsten, und jeder gute Personalchef hat gelernt, auf dieses Element in den Lebensläufen zu achten.

Vor allem kann eines beobachtet werden: Die wirklich guten Leute arbeiten kontinuierlich an sich selbst und ihrem Führungskönnen. Sie tun es mit der Selbstverständlichkeit und Unermüdlichkeit, mit der Sportler trainieren und Musiker üben. Sie setzen sich mit dem Phänomen Führung auseinander; sie studieren die gute Literatur auf diesem Gebiet und können diese vom täglich publizierten Schrott unterscheiden. Sie sind nicht an Stil, sondern an Substanz interessiert, nicht an Form, sondern an Inhalt, nicht an Mode, sondern an Richtigkeit.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.