Insiderhandel Topfschlagen für Queen Martha

Der New Yorker Sensationsprozess gegen die amerikanische Milliardärin und Haushalts-Ikone Martha Stewart treibt kurz vor Beginn kuriose Blüten. Ergebene Fans organisieren im Internet und auf der Straße eine groteske Solidaridätsbewegung. Ihr Ziel: Die Sauberfrau vor dem Gefängnis zu bewahren.

New York - John Small ist immer schon ein Fan von Martha Stewart gewesen. "Ich liebe Martha, weil sie mich bei der Arbeit inspiriert", sagt der 42-jährige Marketing-Berater aus Manhattan.

"Sie ist ein leuchtendes Vorbild für alle, die komplizierte Sachen einfach machen wollen. Die Briten haben ihre Queen, wir haben unsere Martha. Der Unterschied ist, dass unsere Queen tatsächlich arbeitet."

Deshalb wird sich Mr. Small jetzt selbstlos als moralische Stützen andienen, wo die amerikanische Haushalts- und Society-Ikone in bittere Bedrängnis geraten ist. Angeklagt wegen eines dubiosen Aktiengeschäfts Ende 2001, drohen der Milliardärin mehrere Jahre Gefängnis. Um das zu verhindern, plant Small, wenn am kommenden Dienstag in New York der lange erwartete Geschworenenprozess beginnt, mit einer Hundertschaft Demonstranten am Bezirksgericht in Lower Manhattan aufzukreuzen, in Backschürzen, mit Transparenten und lärmenden Kochutensilien. Ihr Schlachtruf: "Rettet Martha!"

Zwischen Pathos und Parodie

John Small meint es ernst. Er schläft nachts in Martha-Stewart-Laken und hat ein Martha-Stewart-Kissen auf der Tagesdecke liegen. Organisiert hat er den Protest über eine Website, die er selbst eingerichtet hat (www.savemartha.com) - ein virtueller Wallfahrtsort für Stewart-Jünger. Bisher erreichte die Homepage nach Smalls Angaben über 20 Millionen Besucher, die wiederum 100.000 böse E-Mails an die Medien und die Justiz abgefeuert haben. Zuletzt hatten sie 22.780 Dollar gespendet. "Wir werden sie retten", schwärmt Small. "Sie ist unser Idol."

Nicht mal Michael Jackson erfreut sich einer derart innovativ-militanten Gefolgschaft wie Stewart lange eine der erfolgreichsten, zugleich am meisten angefeindeten Selfmade-Geschäftsfrauen der USA. Der Sensationsprozess gegen Stewart, 62, hat eine Gegenbewegung mobilisiert, deren Fanatismus zwischen Pathos und Parodie schwankt. Oder, wie Heimwerkerin Stewart es selbst in einem ihrer legendären Fünfminuten-Rezepte sagt ("Endivien-Boote mit mariniertem Gemüse"): "Kochen bis zum Ende."

Bis zur Weißglut kochen die Fans allemal. Und nirgends offenbart sich das deutlicher als auf Smalls zentraler Protest-Website. Dort weist eine Umfrage, an der sich bis Montagabend 16.940 Martha-Fans beteiligten, den Weg: 87 Prozent halten die Anklage gegen die Meisterin der feinen Party-Kunst für "unfair", was sonst.

Demo in Grillschürzen

Demo in Grillschürzen

Die Site ist mit Durchhalte-Parolen der meist weiblichen Basis gewürzt. "Alle haben nur darauf gewartet, dass Amerikas 'Miss Perfect' stürzt", wütet Kelly. "Nichts freut die Deppen mehr, als jemanden scheitern zu sehen, der mehr Erfolg als sie hat." Paula beschreibt ihre persönliche Martha-Erleuchtung: "Ich bin 48 Jahre alt und habe nie versucht, selbst einen Tortenboden zu backen. Erst du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich das kann. Dafür liebe ich dich." Susan sagt's knapp: "Liebe Martha, du machst die Welt zu einem schöneren Ort."

Aber auch Männer verehren die Angeklagte. "Die Leuten denken, wir gucken deine TV-Show nicht", schreibt "TR". "Ich gucke sie, ich habe viel von dir gelernt, und ich freue mich darauf, auch in der Zukunft viel von dir zu lernen."

Um ihre Solidarität öffentlich unter Beweis zu stellen, können die Martha-Mitläufer diverse Souvenirartikel erstehen - von "Save-Martha"-Aufklebern für die Stoßstange (3,99 Dollar) über Grußarten (11,99 Dollar), Kaffeetassen (13,99 Dollar), Baseballmützen (14,99 Dollar), Boxer-Shorts (15,99 Dollar), Teddybären (18,99 Dollar) und T-Shirts (19,99 Dollar) bis hin zu Grillschürzen (21,99 Dollar) und putzigen Kochmützen (22,95 Dollar). Die meisten tragen Aufschriften wie "Rettet Martha" oder "Wenn ihr Aktienkauf legitim war, müsst ihr freisprechen."

Wie die Fans Küchen-Devotionalien verkaufen

All dieses Rüstzeug passt natürlich auch in Smalls "Action Plan" zur Verteidigung Stewarts: eine über die Website koordinierte PR-Kampagne, bei der die Fans mit Martha-T-Shirts und Martha-Mützen in der Öffentlichkeit herum laufen und möglichst auch zum Prozess am Gericht auftauchen sollen. Zugleich sollen Presse, Staatsanwaltschaft und die mit Stewart per Werbevertrag liierten US-Großkonzerne (K-Mart, Toyota , GM , Ford , Procter & Gamble , Lever, Home Depot  und Sears) von einer Postlawine überflutet werden.

An der Bredouille der Dame ändert das wenig. Die Story trieft vor Ironie: Gerade mal 228.000 Dollar hatte Stewart an jenem ominösen Aktienhandel kurz nach Weihnachten 2001 verdient, als sie alle ihre 3928 Anteile am Biotech-Konzern ImClone abstieß - einen Tag, bevor dessen Börsenkurs abstürzte, weil seinem Krebsmittel Erbitux die Zulassung verweigert worden war. Stewart soll von ihrem Broker vorgewarnt worden sein. Mutmaßliche Quelle der Insider-Info: der damalige ImClone-Chef Sam Waksal, ein enger Freund Stewarts.

Waksal selbst war im Juni vorigen Jahres, im ersten Musterverfahren der jüngsten Prozesswelle gegen US-Wirtschaftsverbrecher, wegen Insider-Handels, Aktienbetrugs und Eidbruchs zu über sieben Jahren Gefängnis, drei Millionen Dollar Strafe und 1,2 Millionen Dollar Steuernachzahlung verurteilt worden.

Siegesfeier mit gebackenen Kartoffeln?

Siegesfeier mit gebackenen Kartoffeln?

Eine Insider-Anklage gegen Stewart brachte die Staatsanwaltschaft jedoch nicht zu Stande. Stattdessen steht sie nun wegen Behinderung der Justiz vor Gericht, weil sie ihre Spuren nachträglich zu verwischen versucht haben soll. (Ein separates Verfahren wegen Insider-Handels ist weiter bei der US-Börsenaufsicht SEC anhängig.) Der Image-Schaden der Anklage ist dennoch enorm und hat Stewart bisher nicht nur den Chefsessel ihres Konzerns gekostet, sondern schätzungsweise auch 300 Millionen Dollar an Umsatz- und Aktienverlust.

"Anfangs war auch ich böse auf Martha", gibt Small zu. "Dann merkte ich, dass die Sache mit dem Insider-Handel keinen Sinn machte. Trotzdem hat die Presse Martha vorverurteilt. Dieser Hexenjagd wollen wir entgegen wirken." Die Angeklagte werde ihm das eines Tages zu danken wissen: "Wenn das alles vorbei ist, werden wir ihren Gerichtssieg über einem schönen Lunch feiern." (Passendes Rezept des Tages auf www.savemartha.com: "Gebackene-Kartoffel-Snacks: Backen, bis die Messerspitze mit Leichtigkeit in die Kartoffel sinkt.")

Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Weihnachten war "so traurig wie nie zuvor", gestand die sonst so knallharte Stewart dem CNN-Talker Larry King. "Niemand ist auf so was vorbereitet. Und niemand ist stark genug für so was. Du ahnst nicht, welche Sorge und Trauer einem das bereitet." Der TV-Sender Fox informierte die Nation derweil über Stewarts mögliche Zukunft, das Staatsgefängnis in Danbury im US-Bundesstaat Connecticut: 80 Leute pro Aufenthaltsraum, keine Privatsphäre, pro Tag nur ein 15-minütiger Telefonanruf erlaubt. Und die Supermarkt-Postille "National Enquirer" bildete die bisher stets übergestylte Stewart als Fettklops ab: "Martha auf 250 Pfund!"

Befangene Hobby-Köche

Stewart selbst, für ihren Kontroll- und Detailwahn berüchtigt, überlässt nichts dem Zufall. Sie hat Star-Anwalt Bob Morvillo angeheuert, für 650 Dollar die Stunde. In dessen Büro sitzt sie oft Nächte lang mit über den Akten, um ihre Verteidigung vorzubereiten. Einen Antrag auf Abweisung der Klage, den Morvillo drei Monate lang vorbereitete, schmetterte Richterin Miriam Cedarbaum jedoch schon ab.

Per eigener Website (www.marthatalks.com) greift Stewart überdies zu einem juristisch ungewöhnlichen Schritt: Sie macht ihre Version der Geschichte auch außerhalb des Gerichtssaals publik. Auf der in sanften Pastellfarben dekorierten Internetseite erklört sie, sie sei "optimistisch, dass ich frei gesprochen werde" - schließlich mache die Anklage "keinen Sinn".

"Zu wenig, zu spät", fürchtet der New Yorker PR-Experte Richard Levick. Ob die Anstrengungen Stewarts und ihrer Fans den Prozessverlauf beeinflussen, ist in der Tat fraglich. Schon die Geschworenenauswahl, die vorige Woche begann, zeigt, dass dies für Stewart nicht so einfach zu bewältigen sein wird wie ein Valentinstag-Mahl à la Martha ("Dimme das Licht und ziehe die Vorhänge zu").

Potenzielle Juroren, die jemals eines ihrer Produkte gekauft oder nach einem ihrer Rezepte gekocht haben, wurden von der Staatsanwaltschaft als befangen abgelehnt.