Familie Kriegbaum Die beugsamen Schwaben

Geiz ist geil für Großkonzerne. Schon im Monopoly der Neunziger teilten sie den deutschen Lebensmittelmarkt untereinander auf. Die Böblinger Kriegbaum-Gruppe, eine "Parkstraße" der Branche, widerstand dem Trend lange. Umso größer das Entsetzen, als der Gründerenkel das Familienerbe an Metro preisgab.

Böblingen - Was braucht es, um einen Mann schwach werden zu lassen? Den Spross einer schwäbischen Unternehmerfamilie, der das Geschäftemachen, das Wirtschaften und Konsolidieren, das Sparen und Handeln mit der Muttermilch aufgesogen hat - was braucht es, um ihm das väterliche Erbe abzukaufen?

Richard Kriegbaum hat stets getan, was man erwarten kann vom Nachkommen einer Böblinger Geschäftsfamilie, deren Einzelhandelsgruppe zwar auf Schwaben beschränkt ist, aber immerhin zuletzt knapp drei Milliarden Mark umsetzte. Wieder und wieder wies er Spekulationen weit von sich, sein Gschäftle sei ein Übernahmekandidat, damals in den gierigen Neunzigern, als ein Einzelhändler den anderen schluckte.

Die Angst ging um bei den mittelständischen Ketten, Tante Emma war längst in Rente gegangen. Die Ladenschilder in deutschen Einkaufsstraßen wurden einsilbiger, trugen die immer gleichen Namen. Kafu verschwand, Pfannkuch, Kathreiner und die Supermärkte von Nanz. Wertkauf landete im Bauch von Wal-Mart , dem größten Einzelhändler der Welt. Im Februar 1998 schließlich, völlig überraschend, wurde auch Allkauf abgestoßen, verschwand aus den Händen der Gründerfamilie Viehof in den verästelten Weiten des Metro-Imperiums .

Kein Zweifel an der Selbstständigkeit

"Steht auch Kriegbaum zum Verkauf?", fragte die "Lebensmittel Zeitung" Richard Kriegbaum. "Haben Unternehmen mit einem Umsatz von weniger als zehn Milliarden Mark langfristig überhaupt noch eine Überlebenschance?" Nahe liegende Fragen, bange Fragen einer Zeitung, die später angesichts der Gleichmacherei der Sortimente wehmütig ausrief: "Gebt die Regionen zurück!"

"Kriegbaum bleibt ein selbstständiges Familienunternehmen." Richard Kriegbaum ließ überhaupt keinen Zweifel. Die Übernahmegerüchte nähmen groteske Züge an, sein Unternehmen stehe doch gut da. Er baue auf eine kundennahe Regionalstrategie. Wo immer sein Unternehmen vertreten sei, könne es in puncto Marktanteile gegen die Großen bestehen.

Das sagte er am 20. März 1998. Zu diesem Zeitpunkt sollte ihm das Unternehmen schon nicht mehr gehören - rückwirkend. Im August desselben Jahres wurde sich die Familie mit dem Käufer handelseinig. Die Kriegbaum-Gruppe mit ihren zahlreichen Marken wie Multi Center, Multi City, Topkauf oder EKZ, mit 27 Warenhäusern, 16 Verbrauchermärkten, 14 Versorgermärkten, 35 Baumärkten, vier Cash-and-Carry-Märkten und 5650 Mitarbeitern wurde verkauft. Mit Wirkung zum 1. März war der neue Eigner die Metro-Tochter Real.

Den Angestellten "alles Gute und Gottes Segen"

Den Angestellten "alles Gute und Gottes Segen"

Unverständnis überall. Waren die Treueschwüre, die Beteuerungen, an der ehernen Firmentradition festzuhalten, nichts als Lippenbekenntnisse gewesen? Peter Klumpp, Böblinger Vertreter der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) konstatierte bitter, das Unternehmensmotto sei über Nacht Lügen gestraft worden: "Der Mensch steht im Mittelpunkt". Stattdessen seien "knallharte finanzielle Interessen in den Mittelpunkt gerückt", so Klumpp. In einem Schreiben wünschten die Kriegbaums zum Abschied "Gottes Segen".

Das übliche Gerangel setzte ein. Synergien, Sanierung, Sozialpläne. Der neue Eigner klopfte jeden Unternehmensteil auf seine Wirtschaftlichkeit ab. Das geplante Großprojekt Logistikzentrum, ein Zukunftssignal im Vorort Bondorf, wurde abgeblasen, die Firmenzentrale 1999 zerschlagen. Wie viele Mitarbeiter den Arbeitsplatz tatsächlich verloren, ist schwer zu sagen. Gewerkschaften wie Metro-Manager arbeiteten mit politischen Zahlen. Am Ende mögen es 300 bis 500 gewesen sein.

Offen blieb auch die Frage nach dem Warum. Die Kriegbaums galten weder als Handkantenunternehmer noch als geschäftsmüde. Zwar hatte es bei Umstrukturierungen Mitte der Neunziger im Gebälk geknirscht. Gerhard Baisch, fast dreißig Jahre lang rechte Hand des Firmenpatriarchen Johannes Kriegbaum, warf das Handtuch. Seine Stelle als Geschäftsführer wurde nicht mehr besetzt, der Einfluss der Brüder Richard und Siegfried, damals 33 und 28 Jahre alt, ausgeweitet.

"Schmeck' den Süden!"

Doch das war kein Staatsstreich. Johannes' Söhne hatten schon früh im Betrieb Verantwortung übernommen. Beide waren wie der Vater in der neuapostolischen Gemeinde engagiert, beide standen im Ruf, ganz im Sinne des Firmengründers Emil zu wirtschaften. Der hatte das Unternehmen nach dem Ersten Weltkrieg gegründet und nie die sozialen Belange seiner Beschäftigten aus den Augen verloren. Arbeitervertreter Klumpp gab in einem Interview unumwunden zu: Der Haustarif bei Kriegbaum war deutlich besser für die Mitarbeiter als der Flächentarif seiner Gewerkschaft.

Ein Wegbegleiter der Familie erinnert sich gegenüber manager-magazin.de: "Richard und Siegfried waren immer bescheiden, versuchten mit großem Ernst ihre hehren Glaubensgrundsätze zu leben. Daran hat sich auch seit dem Verkauf der Firma nichts geändert." Doch war auch er überrascht, als es soweit war.

Die Kunden witterten gar Verrat. Offenbar unterschätzte Metro den Lokalpatriotismus der Schwaben. Das Einheitssortiment stieß auf Proteste, etwa als die "Naturzeit"-Produkte, Deutschlands erste Ökolinie in den Supermärkten, gegen die Metro-Marke "Grünes Land" ausgetauscht wurde. Die Lokalpresse lief gegen die Übernahme Sturm, ein Böblinger Pfarrer rief zum Boykott auf. Schließlich musste Real bei Esswaren eine regionale Vertriebsschiene einführen, mit eigenen Sortimenten etwa bei Wurst, Fleisch und Bier. Motto der Aktion: "Schmeck' den Süden".

"Richy World" mit arbeitslosen Animateuren

"Richy World" mit arbeitslosen Animateuren

Ein Jahr nach dem Verkauf erschienen die Kriegbaums noch einmal auf der Bildfläche, mit dem Plan für den Böblinger Freizeitpark "Richy World". Doch diese Presseberichte wurden nie bestätigt. Sie lesen sich eher wie ein schlechter Scherz. Entlassene Kriegbaum-Mitarbeiter könnten in dem Park als kostümierte Animateure unterkommen, heißt es da.

Für viele Böblinger ist der Fall klar: Die Kriegbaums haben sich nicht nur das Unternehmen, sondern auch ihre Ideale abkaufen lassen. Die Summe wird in einer Größenordnung von 1,2 Milliarden Mark vermutet.

Die Brüder treten nicht mehr öffentlich in Erscheinung. "Sie arbeiten im Bereich der Vermögensverwaltung", erfährt manager-magazin.de aus sicherer Quelle, "im großen Stil". Ansonsten leben sie "selbst für Unternehmer ihres Schlages" sehr zurückgezogen.

Der das sagt, weist die Behauptung der Käuflichkeit zurück. Der Konzentrationswelle der Neunziger hätten schließlich nur wenige standgehalten. Wer auf seine Selbstständigkeit beharrte, wurde bald von schwindenden Gewinnmargen überzeugt. In der Aufregung um Kriegbaum gab es wenige, die diese Möglichkeit offen aussprachen.

Krämerhaft oder vorausblickend?

Vielleicht hat es tatsächlich nur einer zehnstelligen Summe bedurft, um den Kriegbaum-Brüdern ihr Erbe abzukaufen. Vielleicht ließen sich Metro und Wal-Mart, beide damals auf Einkaufstour in Deutschland, beim Preis leichter hoch schaukeln, solange die Selbstständigkeit weiter eine ernsthafte Option blieb. Vielleicht waren wirklich Krämerseelen am Werk, wie Gewerkschafter Peter Klumpp nach harten Sozialverhandlungen mit den alten und den neuen Chefs beklagte.

Vielleicht aber hat der Pietist und junge Unternehmenspatriarch Richard Kriegbaum gerade noch rechtzeitig erkannt, dass sein Unternehmen den Preiskampf auf Dauer nicht überleben konnte.

Und wieder ein paar Namen weniger in den Einkaufsstraßen.


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