Parmalat 500 Millionen Euro abgezweigt

Er habe höchstens 500 Euro aus der Firmenkasse entnommen, hatte der entthronte Milch-König Calisto Tanzi in einem ersten Verhör erklärt. Nun berichtigt er diese Summe: Es waren doch 500 Millionen. Unterdessen schaltet sich auch die amerikanische Wertpapieraufsicht in den Fall ein.

Mailand - Der festgenommene Ex-Präsident des insolventen italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat, Calisto Tanzi, hat bei einem zweiten Verhör die Veruntreuung von Millionenbeträgen zugegeben. Die Höhe der in den vergangenen acht Jahren abgezweigten Gelder gab der 65-jährige Großunternehmer mit 1.000 Milliarden Lire (rund 500 Millionen Euro) an.

"Ich habe das Geld von der Gruppe abgezweigt. Ich habe es genommen, um die schwierige Situation unserer Tochterunternehmen in der Tourismusbranche in den Griff zu bekommen", sagte Tanzi den Staatsanwaltschaften von Mailand und Parma, die in dem Fall ermitteln. Zeitungen sprachen am Dienstag vom "spektakulärsten Betrugsfall in der europäischen Nachkriegsgeschichte".

Bei einem ersten Verhör hatte Tanzi die Betrugs-Vorwürfe zunächst bestritten und erklärt, er habe höchstens eine Million Lire (etwa 500 Euro) für kleine persönliche Ausgaben aus den Firmenkassen genommen. "Das bisschen Kleingeld hat sich in einen riesigen Geldfluss verwandelt", kommentierte die römische Zeitung "La Repubblica".

Schuldenstand: 10 bis 13 Milliarden Euro

Nach weiteren Verhören soll Untersuchungsrichter Guido Salvini am Mittwoch entscheiden, ob die Haft des Unternehmers im Mailänder Gefängnis von San Vittore verlängert wird. Die Justiz bezifferte die Schulden des unter Gläubigerschutz stehenden größten italienischen Lebensmittelkonzerns zuletzt mit 10 bis 13 Milliarden Euro. Bis Ende 2002 betrug der Schuldenstand der Gruppe 8,2 Milliarden Euro, hatte Insolvenzverwalter Enrico Bondi zuvor errechnet.

Tanzi, der sich zuletzt in Portugal und Südamerika aufgehalten hatte, war am Wochenende in Mailand auf offener Straße festgenommen worden. "Wir wollten auf die Galapagos-Inseln, um uns etwas auszuruhen", erklärte Tanzi. Auf Anraten seiner Anwälte sei er jedoch von Ekuador aus gleich wieder nach Mailand geflogen. Die Ermittler vermuten, dass der Unternehmer hunderte Millionen veruntreute Euro in dem südamerikanischen Land versteckt haben könnte. "Der Schatz Tanzis wird jetzt in Ekuador gesucht", titelten Medien.

US-Wertpapieraufsicht erhebt Klage

Unterdessen hat die US-Wertpapier- und Börsenkommission SEC Klage gegen Parmalat eingereicht. Der Konzern habe Investoren in den USA dazu veranlasst, Anleihen und andere Wertpapiere im Wert von mehr als 1,5 Milliarden Dollar (1,2 Milliarden Euro) zu kaufen, während er "eine der größten und unverschämtesten unternehmerischen Finanzbetrügereien der Geschichte" durchgeführt habe, berichtete die "New York Times" in ihrer Onlineausgabe. Es wurden Geldstrafen in nicht genannter Höhe verlangt.

Zu den vom Zusammenbruch von Parmalat betroffenen Lieferanten gehören auch deutsche Molkereien, die im vergangenen Jahr rund 900.000 Tonnen Milch nach Italien geliefert haben, vor allem aus Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg. Bis zu 20 Prozent der nach Italien gelieferten Milch gingen bisher an Parmalat. Jedoch waren die Lieferungen größtenteils kreditversichert. Zum Parmalat-Konzern selbst gehören in Deutschland nur zwei kleinere Molkereien in Weißenhorn bei Ulm und in Berlin.

Deutsche Bank an Parmalat beteiligt

Auch die Deutsche Bank hält derzeit durch ein Leihgeschäft 5,1 Prozent der Anteile an dem insolventen Lebensmittelkonzern. Allerdings gebe es Vereinbarungen, die die Rückgabe der Anteile zu festgelegten Konditionen vorsehe, sagte ein Sprecher der Bank am Dienstag auf Anfrage. Das wirtschaftliche Risiko liege dadurch nicht bei der Deutschen Bank. Die Anteile seien seit Ende November der Bank zuzurechnen. Eine Rückgabe sei bereits innerhalb der nächsten Wochen denkbar.

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